Die F*ck-it-Liste

Erschienen: Oktober 2020

Bibliographische Angaben

- OT: The F*ck-it-List

- aus dem Englischen von Stephan Glietsch

- HC, 320 Seiten

Couch-Wertung:

75°
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Sabine Bongenberg
Nachvollziehbare Morde, die hoffentlich nicht so eintreten

Buch-Rezension von Sabine Bongenberg Okt 2020

Der ehemalige Journalist Frank Brill kann auf ein bewegtes Leben zurückblicken – und doch ist ihm davon nichts mehr geblieben. Dreimal war er verheiratet, mit zwei Frauen hatte er Kinder, sein Job machte ihm Spaß – alles ist vorbei. In einer Arztpraxis erhält Brill dann noch den finalen Tiefschlag: Krebs im Endstadium. Viele in dieser Situation starten jetzt mit ihrer „Bucket-List“ und machen noch schnell alles, was sie in ihrem Leben unternehmen wollten, ehe sie den Löffel abgeben (oder eben „den Eimer umtreten“). Frank dagegen entwirft eine „F*ck-it-List“ mit all den Personen, mit denen er noch eine persönliche Rechnung zu begleichen hat. Natürlich gehören dazu Menschen aus seinem näheren Umfeld - da aber die USA in der dritten Wahlperiode von einem Mitglied der Trump-Familie regiert werden, umfasst sein Racheplan weit mehr als nur den nächsten Bekanntenkreis …

Schöne neue Welt?

John Niven (offensichtlich kein Fan der Politik des amtierenden US-Staatsoberhauptes) zeigt in seinem neuen Roman die Folgen, die den USA nach rund einem Jahrzehnt Trump-Präsidentschaft blühen könnten: Der Rassismus gehört mittlerweile quasi zur Staatspolitik und Fragen der Humanität gelten allenfalls für den Kreis der Freunde, Verwandten und der amerikanischen Nachbarn, nicht aber für Einwanderer oder Minderheiten. Die Sprache ist verroht, staatliche Einheiten wie die Polizei oder das Militär nutzen ihre Sonderstellung brutal und gezielt aus, jeder trägt offen eine Waffe und je mehr Blei diese in der kürzesten Zeit durch die Gegend spucken können, umso besser fühlt sich der Eigentümer. Es ist ein wundervolles Bild einer herrlichen neuen Welt, das hier gezeichnet wird!

Der Held dieser Geschichte hat nie gegen diese neue Gesellschaft rebelliert. Er hat alles mitgetragen, hat eine eigene Mitschuld an der jetzigen Situation – ist aber auch mehrfach auf schreckliche Weise Opfer der Umstände geworden. Als nun die Krebsdiagnose gestellt wird, beginnt sein Rachfeldzug und damit die Abkehr von den letzten Werten, die ihm noch wichtig waren. Brill macht es jetzt so wie alle anderen: Im Zweifel heiligt der Zweck die Mittel und dank der neuen Waffengesetze ist das Morden in den USA so einfach wie nie. Dennoch bleibt auch sein Tun nicht unerkannt. Brill wird gejagt von der Personifizierung der neuen Gesellschaft: übergewichtig, rassistisch, brutal, hässlich – alles in der Gestalt von Detective Bob „Chops“ Birner. Kapitelweise berichtet Niven einerseits vom Rachefeldzug gegen Recht und Gesetz und von dem edelmütigen Kampf des Gesetzeshüters, um eben diese Mordserie zu vermeiden. Aber es tritt eine Umkehrung ein – die Sympathie des Lesers gilt dem Attentäter und nicht dem Polizisten.

Amoklauf oder ausgleichende Gerechtigkeit?

Nivens Anliegen ist es nicht, einen spannenden Krimi zu kreieren – obwohl das sogar gut gelungen ist. Vielmehr zeigt er auf, was die fortgesetzte Regierung durch die Trump-Riege und -Familie alles zerstören und aushöhlen kann. Hier in Europa sehen wir uns in der bequemen Position, allenfalls seine Sprüche mit anhören zu müssen; wir erleben nicht, dass sozialen Institutionen der Geldhahn abgedreht wird, Migrantenfamilien auseinandergerissen und soziale Werte verhöhnt werden. Niven zeigt diese Entwicklungen in Brills Reise durch die USA, und einiges erinnerte mich an die braunen Horden aus Deutschlands Vergangenheit, die alles, was anders war, terrorisierten. Es bleibt zu hoffen, dass alle Begebenheiten in Nivens Buch auf seiner Phantasie beruhen und (noch) nicht Wirklichkeit geworden sind.

Ob nun hier das Verbrechen siegt oder Recht und Ordnung letztendlich doch triumphieren, kann nicht einmal beantwortet werden - denn es gibt zwei Seiten der Geschichte. Mir gefiel bei der Auflösung des Romans noch besonders, dass der Autor als ausgleichende Gerechtigkeit einiges heimzahlte und durch einen auf den allerletzten Moment heraneilenden „Deus-ex-machina“ mit verschiedenen letzten Boshaftigkeiten (sowie eine kleine Verbeugung vor dem „Garp“ des Autors John Irving, der die Welt damals ganz anders sah) zu begeistern wusste. Natürlich ist diese Rettung in letzter Minute absolut konstruiert und es ist Geschmackssache, wem sie gefällt – aber sie hinterlässt ein gutes Gefühl!

Fazit

John Niven dreht in seinem Roman die gesellschaftlichen Werte auf Links. Manchmal ist das erschreckend, manchmal auch einfach witzig. Oft ertappt sich der Leser dabei, dass er den potentiellen Mordopfern ihr Schicksal von Herzen gönnt – und sollte sich dann auch fragen, ob diese Geisteshaltung denn die richtige ist. Aber eines ist die F*ck-It-Liste nie: Langweilig oder behäbig - und hoffentlich nicht alsbald Realität!
 

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