Der gute Cop

Erschienen: Juni 2020

Bibliographische Angaben

- OT: The Ambitious City. A MacNeice Mystery

- aus dem Englischen von Andrea O'Brien und Karl-Heinz Ebnet

- Broschur, 523 Seiten

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Michael Drewniok
Kapitalkriminelles Treiben im Schatten verzweifelten Fortschritts

Buch-Rezension von Michael Drewniok Okt 2020

In Dundurn, einer kanadischen Hafenstadt nahe der Grenze zu den USA, versucht Detective Superintendent Iain MacNeice nach dem tragischen Tod seiner Gattin wieder Fuß zu fassen. Während er privat weiterhin angeschlagen ist, kehrt sein legendärer Spürsinn als Polizist zurück.

Deshalb bietet er seine Mithilfe an, als auf einer von kriminellen Bikern bewohnten Farm sieben Leichen gefunden werden. Doch Bob Maybank, ein alter Schulfreund, der es inzwischen zum Bürgermeister der Stadt gebracht hat, bittet ihn um einen Gefallen: Um zwei historisch interessante Kriegsschiffe zu bergen, wurde ein altes Hafenbecken leergepumpt. Außer den Wracks fanden sich auf dem Grund ein prächtiger Oldtimer aus den 1930er Jahren mit zwei Skeletten im Kofferraum und vier Betonröhren, in denen ebenfalls Leichen stecken. Zwei von ihnen sind so ‚frisch‘, dass umgehend Ermittlungen aufgenommen werden.

MacNeice übernimmt sie mit seinem Team. Für ein gewaltiges Museumsprojekt, das um die Wracks konzipiert wird, fließen enorme Fördergeldsummen; um die Vergabe von Aufträgen wurde mit harten Bandagen gerungen. MacNeice vermutet eine Auseinandersetzung zwischen Konkurrenten mit Verbindungen zum organisierten Verbrechen.

Der Fall wird brandheiß, als sich eine Verbindung zwischen den toten Bikern und den Leichen im Hafenbecken ergibt. Trotzdem muss sich MacNeice zusätzlich mit den brutalen Morden an jungen Frauen beschäftigen. Dabei sollte er sich auf die Hafenmorde konzentrieren, denn er hat in ein Wespennest gestochen, dessen Insassen schwerbewaffnet und verrückt genug sind, in einen Krieg zu ziehen …

Triumph & Neuanfang - Gewalt & Korruption

Der Blick auf die (jüngere) Zeitgeschichte könnte ohnehin pessimistische Mitmenschen bestätigen: Hinter jedem „Sommermärchen“ versteckt sich offensichtlich eine traurige Wahrheit. Nimmt etwas Außergewöhnliches Gestalt an, dauert es nie lange, bis jene aktiv werden, die ihren Vorteil jenseits von Gesetz und Moral suchen und finden. Sie halten sich nur bedingt im Windschatten, sondern agieren frech quasi im Blickfeld kontrollierender Instanzen, die begangenes Unrecht verdrängen, um in einer Gegenwart, in der handfeste Ergebnisse rar sind und gravierende Probleme ungelöst bleiben, auf einer Erfolgswoge mitreiten zu können.

Scott Thornleys Fundament für seinen Kriminalroman fügt sich in dieses trübe Bild ein: Es geht einerseits und vordergründig um hehre Kultur und Informationsvermittlung, während andererseits Politiker, Geschäftsleute und Verbrecher ihre Chance sehen, Geld oder Renommee abzuschöpfen. Die Rolle des Spielverderbers bleibt den Medien, die allerdings ihrerseits von Skandalen leben - und „guten Cops“ wie Iain MacNeice und seinen Kollegen, die sich in der klassischen Position jener wiederfinden, die in einer nicht neuen, sondern globalisierten Welt altmodisch gewordene Werte hochhalten.

Der gute Cop ist gleichwohl kein guter Titel. Die „tatkräftige“ oder „schaffensfreudige Stadt“ nennt der Autor Dundurn im Original - die Stadt ‚vertritt‘ das kanadische Hamilton, Thornleys Wohnort - und gibt damit das Geschehen vor. Im 21. Jahrhundert hat die Veränderung scheinbar in Stein gemeißelter ökonomischer Tatsachen auch Kanada hart getroffen: Traditionelle Industrien wurden ins Ausland verlagert, während vor Ort unzufriedene, politisch wankelmütige Bürger zurückbleiben, die um ihren Besitz und sozialen Status bangen und gebauchpinselt werden wollen. Der Fund zweier historischer Wracks ist für Politiker und Geschäftsleute als Anlass für ein ‚Leuchtturmprojekt‘ interessant, das Fördergelder und Spenden in die Stadt spülen wird. Schlechte Presse aufgrund damit verbundener Massenmorde ist tunlichst zu unterdrücken, weshalb Bürgermeister Maybank manches heimliche Gespräch mit seinem ‚Freund‘ MacNeice führt, der unliebsames Aufsehen vermeiden soll.

Die Welt wird global, der Mensch bleibt dumm

Thornley entwickelt geschickt einen Plot, den er interessant und spektakulär einführt. Die alten Schiffe, die einbetonierten Skelette, der rostige Oldtimer: Die Kulisse taugt für eine spätere Verfilmung bzw. belegt, dass der Autor seinen Lebensunterhalt als Projektberater verdiente, bevor er als Schriftsteller Fuß fasste. Überhaupt hat Thornley einen ausgeprägten Sinn für bizarre Effekte, was u. a. dazu führt, dass Mörder ihre Opfer in Plastik einschweißen, um auf diese Weise ihre Entsorgung zu erleichtern.

Die Auflösung mag angesichts des erheblichen Aufwands, den Thornley in die Schilderung der Ermittlungen investiert, ein wenig schwächeln. Doch der Autor erinnert letztlich an eine nur zu bekannte Tatsache: Jedem (scheinbar) genialen Plan liegen in der Regel banale Motive zugrunde. Geld, Macht, Rache - es läuft auch dieses Mal auf menschliche Schwächen hinaus, die der Globalisierung einfach nicht weichen wollen, sondern höchstens neue Höhepunkte des Schreckens entwickeln, wenn sie aufgedeckt werden. Thornley stellt exemplarisch mehrfach Gewaltakte dar, die keinen Sinn ergeben, weil sie in der buchstäblichen Vernichtung sämtlicher Beteiligter gipfeln.

Die Ernüchterung ist besonders groß, weil das zu Tage tretende Böse nicht nur schäbig, sondern in seiner Wucht sogar lächerlich ist. Die Selbstauslöschung der Täter ist so gründlich, dass es leicht fällt, letzte Spuren zu verwischen, bevor die von Thornley detailreich und sarkastisch beschriebene Eröffnung des Museums glatt = für Bürgermeister Maybank politisch optimal erfolgreich über die Bühne gehen kann.

Feuer frei von beiden Seiten

Auf dem rückwärtigen Cover wird MacNeice als „ein großartiger Neuzugang im Pantheon der literarischen Detektive“ (The Vancouver Sun) gepriesen - eine Aussage, die sich wie üblich relativieren lässt: Zumindest hierzulande debütiert MacNeice aus unerfindlichen Gründen mit dem zweiten Band der Serie. Erasing Memory aus dem Jahre 2011 blieb bisher ohne Übersetzung, was u. a. zu diversen Rückblenden führt, die man sich als Leser/in selbst erklären muss.

MacNeice ist insofern ein erfreuliche Figur, als er vom Verfasser nicht als Bündel dramatischer Probleme und Selbstzweifel durch jenes Gewirr ‚privater‘ und ‚zwischenmenschlicher‘ Konflikte gejagt wird, das im modernen Kriminalroman oft den eigentlichen Fall zu überwuchern droht. Er hat Schwierigkeiten (und einprägsame Eigenheiten), die sich jedoch nicht in den Vordergrund schieben; stattdessen wird ermittelt. Dies geschieht im Team, wobei MacNeice eindeutig das Heft in der Hand hält, aber auch Raum für Kolleginnen und Kollegen lässt. Anders als Ian Rankin oder vor allem Stuart MacBride klammert Thornley humorvolle Untertöne oder gar Klamauk aus. Der gute Cop präsentiert sich als gleichermaßen klassisches wie modernes „police procedural“, wobei die Effekte dem Zeitgeschmack entsprechen; hier wird aus allen Rohren großkalibrig gefeuert.

Kritisch könnte man anmerken, dass Thornley zwei strikt voneinander geschiedene Kriminalfälle parallel ablaufen lässt: Die Jagd auf einen typischen, d. h. genialen und irren Soziopathen legt diverse Klischees offen und endet eher müde, nachdem die eigentliche Story bereits ihr Ende gefunden hat. Auf diese Weise zerfasert die Intensität, mit der Thornley seine Leser bisher am Wickel halten konnte. Ungeachtet dessen ist Der gute Cop spannende, schmalzarme Krimi-Kost, weshalb MacNeice und Co. gern wiederkehren können.

Fazit

Band 2 der Serie um den kanadischen Polizisten MacNeice und sein Team stellt das Geschehen über das persönliche Drama und bietet eine unterhaltsame Krimi-Lektüre, wobei sich der Verfasser nicht scheut, am ganz großen Effekt-Rad zu drehen, um das Geschehen in neue Richtungen zu treiben: Krimi statt Psycho-Thriller, und als solcher - auch dank der vorzüglichen Übersetzung - gelungen.

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