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Michael Drewniok
Waffenkraft, die Weltfrieden/die Apokalypse schafft

Buch-Rezension von Michael Drewniok Nov 2020

Im Kalten Krieg setzen USA und UdSSR auf Abschreckung durch immer stärkere Atom- und Wasserstoffbomben. Mit der RDS-220, der „Zar-Bombe“, wollen die Sowjets die Amerikaner endgültig in ihre Schranken weisen. Das Projekt ist streng geheim; für Entwicklung und Bau entstand die auf keiner Landkarte verzeichnete Stadt Arsama-16. Leiter des Projekts ist der Physiker Professor Adamow. Nichts soll ihn oder die Vorbereitung der Zündung stören, doch als ein enger Mitarbeiter des Professors unter verdächtigen Umständen stirbt, schickt der KGB aus Moskau trotzdem den ehemaligen Kriminalpolizisten und jetzigen Major Alexander Wassin nach Arsama.

Fjodor Petrow ist durch eine gewaltige Dosis radioaktiven Thalliums grausam gestorben. Die militärischen Befehlshaber vor Ort wünschen als Ergebnis der Ermittlung das Urteil „Selbstmord“, damit kein Schatten auf Projekt RDS-220 fällt. Wassin ist ein Idealist, der im Gedenken an den gerade überwundenen Staatsterror der Stalin-Ära der Wahrheit den Vorzug vor politischen Winkelzügen gibt. Damit ist er eigentlich untauglich für den Staatssicherheitsdienst, doch sein Vorgesetzter, der skrupellose General Orlow, nutzt Wassins Findigkeit gern, um Geheimnisse auszugraben, die er in seinem Tresor hortet und bei Bedarf gegen ‚Staatsfeinde‘ einsetzt bzw. missbraucht.

In Arsama stößt Wassin rasch auf Ungereimtheiten und erkennt: Petrow wurde ermordet, und verantwortlich ist jemand aus dem Team um Adamow. Da er hartnäckig weiterermittelt, obwohl man ihn bespitzelt, bedroht und schließlich offen attackiert, kommt Wassin einer Wahrheit auf die Spur, die so gefährlich ist, dass sie buchstäblich um jeden Preis unterdrückt werden sollte …

Das womöglich nicht mehr zu bändigende Ungeheuer

Wenn Wissenschaftler oder Wissenschaftsjournalisten ihre Kenntnisse ummünzen wollen, indem sie einen Thriller schreiben, werden Leser, die womöglich schon gebrannte Kinder sind, zu Recht vorsichtig: Nur zu oft sind sie mit einer ‚Story‘ konfrontiert, die in erster Linie Fakten transportiert, während die Handlung weit hinterherhinkt. Auch Black Sun leidet unter diesem Manko. Während des Autors Wissen über die Sowjetunion im Jahre 1961 unbestreitbar immens ist, bleibt die Thriller-Spannung zurück. Da Matthews ebenso ehrgeizig wie planungsklug eine Trilogie geplant hat, in der Major Wassin die Hauptfigur darstellt, wird er hoffentlich lernen, die Waage dank zunehmender Autorenerfahrung zwischen Fakten und Fiktion auszutarieren.

Black Sun ist jedenfalls als „period piece“ dem Thriller überlegen - wen wundert’s, wenn man sich Matthews‘ Biografie betrachtet: Als studierter Historiker wechselte er zum Journalismus, wobei ihn die Familiengeschichte in den europäischen Osten trieb (Matthews hat mütterlicherseits Wurzeln in Russland bzw. der Sowjetunion). Viele Vorfahren - darunter seine Mutter - gerieten in die Mühlen des stalinistischen Terrors. Sein erstes Buch trug 2008 folgerichtig den Titel Stalin‘s Children: Three Generations of Love and War und arbeitete drei Generationen Familiengeschichte auf. Weitere, mehrfach preisgekrönte Bücher, die vor allem die Folgen der Stalin-Diktatur thematisierten, folgten.

Die Ära staatlich sanktionierten Terrors ist der Hintergrund für Black Sun. Da ein Thriller einen handlungstreibenden Auslöser benötigt, fiel Matthews Wahl auf die „Zar-Bombe“ von 1961: Sie war für eine Detonationskraft konzipiert, deren Folgen die Wissenschaft nicht zu kalkulieren vermochte. Womöglich setzte sie eine Kettenreaktion in Gang, die den Luftwasserstoff entzündete und somit die gesamte Erde nicht nur verheerte, sondern sie schlimmstenfalls in Stücke riss. Selbst die Sowjetführung, die ansonsten kein Menschenopfer scheute, um „die Kapitalisten“ zu demütigen, ließ die Bombe vorsichtshalber ‚abrüsten‘, um das Risiko zu verringern. Gezündet wurde sie am Halloweentag des Jahres 1961 trotzdem - mit der Wucht von 4000 Hiroshima-Bomben. Nie wieder kam eine Bombe vergleichbarer Stärke zum Einsatz.

Im Reich der Finsternis

Sowjet-Russland galt (und gilt) als „Reich des Bösen“. Nur Übles konnte aus dem Osten kommen, was von der Politik thematisiert wurde und in einem ruinösen Rüstungs-Wettkampf gipfelte, der mit dem Zusammenbruch der UdSSR 1991 endete. Es hätte auch in einen Atomkrieg münden können; viele Jahrzehnte war dies eine realistische Prognose.

Nachträglich wissen wir, dass Einbildung und Unwissen auf beiden Seiten eine Furcht schürten, die keine echte Grundlage besaß. Die Gefahr einer Eskalation blieb davon unbeeinträchtigt, und die „Zar-Bombe“ war einer ihrer Auswüchse. In der Sowjetunion wurden ungeheure Mittel in ihre Entwicklung investiert - Mittel, die den „Arbeitern und Bauern“, denen dieser Staat angeblich diente, systematisch vorenthalten wurden. Für den ‚Fortschritt‘ ging dieses System über Leichen. Die daraus resultierende Realität eines von Furcht und Misstrauen, Verleugnung und Lüge geprägten Alltags ist Matthews überaus wichtig. Um die allgegenwärtige Paranoia zu unterstreichen, konfrontiert er ausgerechnet einen KGB-Mann mit Gewissen mit den Folgen. Alexander Wassin ist einerseits ein Idealist, der an das politische ‚Tauwetter‘ nach dem Ende des Stalinismus‘ glaubt, zappelt aber andererseits als naive Fliege im Netz eines Systems, dessen Nutznießer seine Fähigkeiten ausbeuten, um die eigene Karriere zu fördern.

Der Sowjet-Kommunismus war ein Gewalt-Regime, das durch Terror herrschte - was dies im Lebensalltag bedeutete, weiß Matthews sehr deutlich zu machen. Ebenso plausibel schildert er die besessene Arbeit an einer Bombe, die als Waffe untauglich ist. RDS-220 soll jene Waffe sein, die den Krieg beendet, weil niemand es riskieren darf, dass sie zum Einsatz kommt; ein sinnloses ‚Argument‘, zumal die Bombe unbedingt explodieren muss: Die Welt soll sehen, was die Sowjets notfalls vermögen!

In den Winkeln der Realhistorie

Der Autor erläutert in einem ausführlichen Nachwort, nach welchen Vorbildern er seine Figuren geformt hat. So ist „Professor Adamow“ tatsächlich Andrei Sacharow (1921-1989), der die „Zar-Bombe“ entwickelt, aber erst nach Drosselung der Explosionskraft gezündet hat (und später zu einem Kritiker der Atomkraft und Menschenrechtler wurde). Überhaupt sind die Figuren Stellvertreter für politische oder moralische Ansichten, die sie gern ausführlich darlegen.

Alexander Wassin ist der typische Gutmensch im Griff des Schicksals; ausdrücklich kein Vorbild, weil der holden Weiblichkeit außerehelich zugetan, aber eigentlich unschuldig, da die Gattin eine hohle Karriere-Kommunistin ist und die Geliebte ihn in eine Falle lockt. Selbstverständlich fällt Wassin auf die schöne Maria, die viel zu junge Gattin des Bomben-Professors Adamow, herein (Matthews hat sie seiner Mutter nachempfunden). Ansonsten gibt es Klischee-Apparatschiks, die sich die Stalin-Zeit zurückwünschen, in der sie lästige Kritiker problemlos in Lager schicken oder hinrichten lassen konnten; Nutznießer, die das System ‚privatwirtschaftlich‘ = illegal unterlaufen; oder einfach Pechvögel, die in der Sowjet-Hölle zum Opfer ihres Gewissens werden. Es wird abgehört, denunziert, bespitzelt und verfolgt, dass Kafka seine helle Freude hätte.

Dies mag alles der historischen Realität entsprechen, ist aber kein Ersatz für Spannung. Der Mord an Fjodor Petrow ist weder raffiniert eingefädelt, noch seine Aufklärung fesselnd. Matthews geht es um eine ‚Moral‘: Die Bombe steht für das, was falsch läuft im Sowjetstaat. Über dieses Thema wird im viel zu langen Finale erbittert diskutiert, bevor fast zufällig einige tödliche Schüsse fallen; Taten sind zumindest manchmal wichtiger als Worte. Matthews bemüht sich diesbezüglich, indem er einen bizarren Mord inszeniert, der durch seine Umständlichkeit imponiert, statt dramatisch zu wirken. Dazu passt ein ausschweifender Epilog, der gleichzeitig Einleitung für den zweiten Band der Wassin-Trilogie sein soll. Um es zu wiederholen: Man muss hoffen, dass Owen Matthews sein Wissen der Handlung zu unterwerfen lernt.

Fazit

Erster Band einer Thriller-Trilogie, die in der nachstalinistischen Sowjetunion spielt. Während Ort, Zeit und Stimmung vom Expertenwissen des Verfassers profitieren, bleiben die Figuren flach in einer Handlung, der es an Spannung mangelt. Die Auflösung ist eher didaktisch als plausibel, weshalb das Werk - gleichwohl mehrfach für Preise gekürt - im lesbaren Mittelmaß verharrt.

Black Sun

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