Die Erfindung der Null

Erschienen: Juli 2020

Bibliographische Angaben

- HC, 303 Seiten

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Jörg Kijanski
Ein Krimi? Weit mehr als das

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Sep 2020

Ja, man kann Die Erfindung der Null als Kriminalroman lesen - wer hier allerdings „klassische“ Ansätze vermutet, der wird enttäuscht. Auch die Inhaltsangabe ist durchaus irreführend:

Die 47-jährige Susanne Melforsch wird vom Betreiber einer Pension im Département Alpes-de-Haute-Provence als vermisst gemeldet. Zwei Tage später findet man in den Gorges du Verdon eine Jeans und ein Sweatshirt von ihr, an denen sich Spuren von Blut und Sperma befinden. Die Frau bleibt verschwunden; ihr Begleiter, der geniale Mathematiker Dr. Martin Gödeler, wird verdächtigt, für ihr Verschwinden verantwortlich zu sein. Ein junger, engagierter Staatsanwalt aus Stuttgart - dort sind beide mit Wohnsitz gemeldet - will Gödeler des Mordes überführen. Doch das Gespräch nimmt einen unerwarteten Verlauf, denn Gödeler ist überaus auskunftsfreudig. Nachdem seine Untersuchungshaft aufgehoben wird, verschwindet auch Gödeler von der Bildfläche.

Anspruchsvolle, teils anstrengende Kost

Wer nun glaubt, einem packenden Kammerspiel zwischen dem Verdächtigen und dem Staatsanwalt beizuwohnen, wird erleben, dass dieses Gespräch bestenfalls beiläufig und nie als Verhör stattfindet. Vielmehr erzählt Michael Wildenhain in seinem neuen Roman die Lebensgeschichte des Mathegenies Gödeler, dessen Name nicht zufällig an den bekannten österreichischen Mathematiker Kurt Friedrich Gödel erinnern dürfte. Die Geschichte beginnt wie eingangs beschrieben, danach folgt Gödelers Werdegang und es endet (erneut) mit seinem Verschwinden, welches ja bereits vorweggenommen wird.

„Die Mathematik – ebenso wie die formale Logik weniger eine Wissenschaft als eine Sprache sowie, trotz Immanuel Kant, möglicherweise eher der Sphäre der analytischen und, im Gegensatz (zum Beispiel) zur Physik, nicht dem Reich der synthetischen Sätze zuzuordnen, da sie in ihren Aussagen, streng genommen, zwar ohne Erkenntnisgewinn, aber wahr ist -, die Mathematik kennt drei Beweisverfahren: den direkten und den indirekten Beweis (Beweis qua Widerspruch) sowie die vollständige Induktion.“

Der Roman ist sprachlich wie inhaltlich hoch anspruchsvoll - man könnte „intellektuell“ sagen. Die einzelnen Kapitel haben Überschriften wie Induktionsannahme, Induktionsschritt, Induktionsvoraussetzung und Lemma. Nein, man muss kein Mathematiker sein, um der Handlung folgen zu können; allerdings wären zumindest Grundkenntnisse der Algebra von Vorteil. Man kann aber auch einfach weiterlesen und für sich neue Erkenntnisse aus der Welt der Mathematik aufsaugen, wenngleich man dann vermutlich nicht alles verstehen wird. Der „kriminellen“ Handlung, die man lange vergeblich suchen wird, tut dies keinen Abbruch. Wichtiger als Grundkenntnisse der Mathematik und der Philosophie - die Geschichte des Odysseus zu kennen wäre durchaus hilfreich -, ist jedoch erhöhte Konzentration, denn die Erzählstränge wechseln zwischen Ich-Erzähler Gödeler und Dritter Person und sind zudem stark fragmentarisch angeordnet. Nicht nur, dass die Szenen häufig wechseln, auch ist nicht immer auf Anhieb klar, wie diese zeitlich zusammenhängen. Wer schnell durchlesen will, wird das Buch nur schwerlich verfolgen können. Alle anderen werden ein Leseerlebnis haben, welches die Grenzen des Krimigenres frühzeitig sprengt. Und die Frage, was aus Susanne Melforsch wurde, wird – eindrucksvoll – beantwortet.

„War Odysseus für mich eine imponierende Figur, ein Held, dessen Gabe – die Rede – sich nur mittelbar zeigte, so schien mir die List, die Idee zum Bau des hölzernen Pferdes, das den Griechen zum Sieg verhalf, ein lächerlicher Einfall. Einfältiger noch kamen mir die Bewohner Trojas vor, die den Koloss hinter die schützenden Mauern ihrer Stadt schafften und so ihren Untergang ohne Not besiegelten. Ein hölzernes Pferd. Die Strafe, die Odysseus ereilte, erschien mir maßlos und rachsüchtig. Das Werk besessener Götter – nicht unähnlich dem jugendlichen Staatsanwalt, dem ich seit Tagen und Wochen gegenübersitze: unbeirrt im Bestreben, meine Untersuchungshaft großzügig auszudehnen.“

Bis dahin folgen wir einem Protagonisten, der ein Mathegenie ist und ein normales Familienleben mit Frau Gunde und Tochter Sophia in Berlin vor sich hat - wären da nur nicht die anderen Frauen, die ihm begegnen, so wie jene junge Schülerin Susanne, die ihm vor seiner Ehe den Kopf verdreht. Gödeler zieht es später beruflich nach Hamburg, wo er die französische Mathematikerin Lu kennenlernt, die ihm fachlich ebenbürtig erscheint. Es folgt eine längere Beziehung mit Lu, das Scheitern seiner Ehe sowie später der Beziehung mit Lu, woraufhin sich Gödeler nach Stuttgart verabschiedet. Dort verwahrlost er zusehends, bis ihn seine frühere Geliebte Susanne zurückerobern will. Auch die aus dem Gleichgewicht geratenen Jugendlichen Juno, Lurek und Zacharias spielen eine wichtige Rolle - sie nehmen bei Gödeler Nachhilfe und gelten als hoffnungslose Fälle: Juno nimmt Drogen und prostituiert sich; Zacharias, aus Teheran stammend, kommt mit der Mentalität der Deutschen nicht klar und wird zunehmend aggressiver; und Lurek, immerhin ein kleines Mathegenie, hat Schwierigkeiten, Vokale auszusprechen.

Eine in vielerlei Hinsicht verstörte Welt erwartet die Leserschaft. Neben dem Verschwinden Susannes gibt es Familientragödien, Obsessionen und die Frage, ob sich das menschliche Leben nicht anhand mathematischer Beweise denken lässt? Doch die mathematische Logik, die hier mitunter aufgesetzt wirkt, ist dem menschlichen Sein nicht gewachsen, welches im fulminanten Finale einige Überraschungen parat hält.

Fazit

Wie der Titel schon vermuten lässt ist Die Erfindung der Null für (klassische) Krimifreunde ungeeignet, da der Spannungsbogen nur auf den ersten und dann wieder auf den letzten rund sechzig Seiten zu finden ist. Dazwischen liegen die Trümmer des Lebens von Martin Gödeler, dessen einzelne Kapitel bruchstückhaft und zeitlich verschachtelt erzählt werden. Wer aber Spaß an gehobener Sprache, Mathematik und Philosophie hat oder einfach nur neugierig auf die Welt ist, der mag hier seine Freude haben. Ein gewagter Vergleich: Fans von Friedrich Ani dürfen Die Erfindung der Null gerne ausprobieren.

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