Mord mit verteilten Rollen

Erschienen: Oktober 2020

Bibliographische Angaben

- OT: Death Man's Folly

- aus dem Englischen von Michael Mundhenk

- TB, 272 Seiten

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Michael Drewniok
Die Frau, die zu viel wusste (und den Mund nicht halten konnte)

Buch-Rezension von Michael Drewniok Okt 2020

In London erreicht Privatermittler Hercule Poirot der Notruf der (auch ihm) bekannten Kriminalschriftstellerin Ariadne Oliver, die schon in einige Kriminalfälle verwickelt war und deshalb Böses ahnt: Der vermögende George Stubbs hat sie engagiert, um auf seinem Landhaus Nasse, gelegen in der Grafschaft Devonshire, ein Mordrätsel zu inszenieren, das Hausgäste im Rahmen einer anstehenden Großfeier lösen sollen. Oliver hat das Angebot angenommen, stellt aber vor Ort fest, dass es sie in eine nur vorgeblich vornehme Gesellschaft verschlagen hat, deren Mitglieder einander spinnefeind sind. Sogar von einem möglichen Mord raunt Oliver, weshalb Poirot umgehend anreisen und seine „kleinen grauen Zellen“ einsetzen soll, um diesen zu verhindern.

Poirot ist amüsiert, aber aktuell ohne Fall, weshalb er nach Devonshire reist, wo er als Olivers ‚Assistent‘ auftritt. Schnell merkt Poirot, dass Nasse kein glücklicher Ort ist: Stubbs hat ihn der verarmten Amy Folliat abgekauft, die ihr Dasein nun im ehemaligen Pförtnerhaus fristet. Herrin der Hauses ist die hübsche, aber offenbar geistig behinderte Hattie, die vor allem der Sekretärin und Haushälterin Amanda Brewis zu schaffen macht, da sie heimlich in Stubbs verliebt ist. Derzeit außerdem im Haus weilen Captain Warburton - der Verwalter -, Mr. und Mrs. Masterton, das Ehepaar Legge und der Architekt Michael Weyman, der Stubbs grollt, weil dieser gegen seinen Rat an seltsamer Stelle ein Gartenhaus errichten ließ.

Das „Mörderspiel“ wird ernst, als die 14-jährige Marlene Tucker, die das Opfer nur darstellen sollte, tatsächlich ermordet wird. Offensichtlich hat sie etwas gesehen, das sie nicht sehen sollte. Da zeitgleich Hattie Stubbs verschwindet, gibt es diesbezüglich einen Zusammenhang, doch sowohl die Polizei als auch Poirot (und Ariadne Oliver) tappen im Dunkeln, bis dem Detektiv dämmert, dass und wie man die Indizien in diesem Fall gänzlich gegen den Strich bürsten muss …

Der Tod im englischen Landhaus - in welcher Version?                                                                                                

Death Man’s Folly war 1956 Agatha Christies 48. Krimi und der 27. Roman, in dem Hercule Poirot ermittelte - dass nach so vielen Bänden mit originellen Novitäten nicht gerechnet werden konnte, spiegelt sich in der zum Teil verhaltenen zeitgenössischen Kritik wider. Christie biete vor allem Routine - so lassen sich diese Äußerungen zusammenfassen; ein kurioser Vorwurf, der als solcher erkannt und schon damals damit relativiert wurde, dass genau diese Routine für einen Kriminalfall sorgt, der einfallsreich geplottet und zügig geschrieben ist.

Außerdem war Poirot die Hauptfigur - und der durfte sich nach dem Willen der Leser (und Kritiker) nicht wirklich entwickeln. Man liebte ihn so, wie er war: exzentrisch, genial und findig dort, wo das offizielle Gesetz bzw. seine Vertreter ins Leere liefen; dies musste Christie als Autorin berücksichtigen. Gerade weil sie dies nicht abschreckte bzw. sie Neues trotzdem versuchte - hier verzichtet sie u. a. auf das ‚große Finale‘, der Täterentlarvung im Kreis der Verdächtigen -, sollte und muss man Death Man’s Folly nachsichtiger betrachten.

Christie ignorierte übrigens keineswegs, dass die Handlung in den 1950er Jahren spielt: Die alte Nostalgie-Patina, die sich über den ‚typischen‘ englischen Landhaus-Krimi breitet, ist hier oft höchstens Behauptung. Nasse House ist Eigentum eines nicht adligen oder gar vornehmen, sondern nur reichen Geschäftsmanns, der den Besitz übernahm, weil die Familie, die hier seit 1598 ansässig war, die exorbitante Grundsteuer nicht mehr zahlen konnte. Selbst Stubbs lässt gegen Eintritt Gäste auf sein Grundstück. ‚Gute‘ Dienstboten sind kaum noch zu bekommen. Das Nachbargut wurde gar in eine schnöde Jugendherberge verwandelt. Auf die ‚Fremden‘, die dort ihre Ferien verbringen, reagiert man misstrauisch und allergisch. Als sich der Mord ereignet, würde ihn die Polizei gern einem gerade anwesenden „Ausländer“ in die Schuhe schieben.

Familienbande (um den Hals)

Genretypisch sind die Bewohner von Nasse House identisch mit den Verdächtigen im Fall Marlene Tucker/Hattie Stubbs; Profi Christie taucht sie geschickt alle in Zwielicht. Nachträglich stellen sich daraus resultierende Schuldzuweisungen natürlich als Irrtum oder Fehlurteil heraus; wie es sich auch 1956 gehörte, präsentiert die Autorin als Täter/in eine Person, die man ganz sicher nicht verdächtigt hat.

Wiederum geht Christie über eher dekorative Bosheiten hinaus und bleibt bodenständig - Ehebruch, Neid, falscher Stolz: Nasse House entpuppt sich als Brutstätte nur mühsam unterdrückter Emotionen, die sich mehrfach entladen, weshalb im Finale nicht nur der/die Mörder/in auf der Strecke bleibt. In diesem Zusammenhang zeigt Poirot keine Berührungsängste. Obwohl Christie sorgfältig darauf achtet, seine vertrauten Züge zu wahren, zeigt sie einen Poirot, dem Menschliches keineswegs fremd ist; die Ära viktorianisch-schnurriger Leugnung ‚peinlicher‘ Schwächen ist vorbei. Poirot ist ein Profi, der zumindest als Ermittler mit der Zeit geht, seine Eigenheiten hat er instrumentalisiert: Einem Ausländer erzählen sonst verschlossene Engländer alles; er zählt einfach nicht als Mitglied einer hierarchischen Gesellschaft mit zwar ungeschriebenen, aber strengen Regeln.

Flache Figurenzeichnungen wurden Christie vorgeworfen. Auch darüber kann und darf man sich wundern: Wer in Nasse House oder dem nahen Nassecomb auftritt, reiht sich problemlos in das obligatorische Charakter-Inventar einschlägiger Rätsel-Krimis ein und wirkt durchaus lebendig. Dies schließt Inspektor Bland ein, den Christie keineswegs als den im Genre gern vorgeführten Polizei-Trottel darstellt.

Die Frau an seiner Seite …

Agatha Christies Kriminalgeschichten lassen sich nicht auf Hercule Poirot und Jane Marple beschränken, obwohl diese als Hauptfiguren den Großteil ihres Werks bestreiten. Die Autorin hat immer wieder experimentiert und weitere Serienfiguren geschaffen, um sich von Einschränkungen zu befreien. Ariadne Oliver tritt in immerhin sieben Romanen (und einigen Kurzgeschichten) auf, von denen Death Man‘s Folly der dritte ist.

Oliver ist keine Detektivin wie Miss Marple; Auch in diesem Roman ist sie eher als zufällige Zeugin anwesend. Sie redet viel und oft durcheinander, verfügt aber über ein Gespür für kriminelles Handeln, das sie nicht kontrollieren kann. Ihr Freund Poirot hat indes gelernt, auf sie zu hören und zwischen ihren Worten zu lesen, weshalb die Lösung des betreffenden Falls oft auf Olivers Wortattacken zurückgeht, in denen ein Körnchen verborgene Wahrheit steckt.

Ansonsten nutzt Christie diese Figur, um ein wenig Humor in die Handlung zu bringen; dabei ist wichtig, dass sie Oliver keineswegs als ulkigen Trottel, sondern als durchaus erfolgreiche und kluge Frau zeichnet. Poirot weiß, wie er sie nehmen muss; nicht grundlos reist er umgehend nach Devonshire, als ihn die Freundin dorthin bittet. Darüber hinaus lässt Christie über Oliver kritische oder witzige Anmerkungen zum Arbeitsalltag einer Krimi-Schriftstellerin einfließen (Sie gönnt sich zudem den Spaß, Nasse House nach dem Vorbild ihrer Sommerresidenz Greenway House zu gestalten).

„Death Man’s Folly“ = Wiedersehen mit Mrs. Oliver = Mord mit verteilten Rollen

1954 schrieb Christie die Kurzgeschichte Hercule Poirot and the Greenshore Folly. Mit dem Erlös sollten neue Fenster für die Kirche von Churston Ferrers finanziert werden. Zwei Jahre später baute Christie diese Story zum Roman aus. Die Kurzgeschichte wurde erst 2013 (hierzulande als Das Geheimnis von Greenshore Garden) veröffentlicht (In einem ausführlichen, zur englischen Neuausgabe von 2014 entstandenen und für diese deutsche Neuausgabe dankenswerterweise übersetzten Vorwort enthüllt Christie-Enkel Mathew Prichard diese u. a. Hintergrundinfos).

In Deutschland erschien der Roman erstmals 1959 unter dem wenig aussagekräftigen Titel Wiedersehen mit Mrs. Oliver. Sie ist wie schon ausgeführt nicht von zentraler Bedeutung; der Titel dürfte vor allem die Schwierigkeit widerzuspiegeln, dem Original eine deutsche Entsprechung zu geben. Hat man den Roman gelesen, versteht man problemlos, wieso Christie ihn „Die Torheit des toten Mannes“ genannt hat - dies klingt offenbar nur im Englischen gut, weshalb das Buch auch als Neuveröffentlichung einen nicht adäquaten (sowie leicht spoilerhaften) Titel bekam. Man übernahm ihn von der TV-Verfilmung von 1986, in der sich einmal mehr Peter Ustinov die Poirot-Rolle zu eigen machte. Unter der Regie von Clive Donner spielte Jean Stapleton die Ariadne Oliver.

Selbstverständlich wurde Death Man’s Folly auch im Rahmen der britischen TV-Serie „Agatha Christie’s Poirot“ (1989-2013) verfilmt. David Suchet und Zoë Wanamaker gaben 2013 das ‚Paar‘ Poirot/Oliver - und gedreht wurde auch auf dem Grundstück von Greenway House!

Fazit

Der 27, Romanauftritt von Hercule Poirot vereint ihn zum dritten Mal mit der Autorin Ariadne Oliver. Gemeinsam gerät man in ein perfekt/perfides Mord-Komplott unter nur vorgeblich vornehmen Personen, die genretypisch entweder verdächtig oder verdächtig unschuldig wirken: klassischer Krimi einer ebenso routinierten wie einfallsreichen Schriftstellerin.

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