Verweigerung

Erschienen: Dezember 2020

Bibliographische Angaben

- OT: The Holdout

- aus dem Englischen von André Mumot

- HC, 340 Seiten

Couch-Wertung:

75°
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Birgit Stöckel
Zum Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit

Buch-Rezension von Birgit Stöckel Feb 2021

Graham Moore verfasst neben Romanen auch Drehbücher, und das sogar sehr erfolgreich; sein Skript für den Film The Imitation Game - Ein streng geheimes Leben wurde immerhin mit einem Oscar ausgezeichnet. So ist es wohl auch nicht weiter verwunderlich, dass Verweigerung (bewusst oder unbewusst) mit Blick auf eine mögliche Verfilmung geschrieben wurde - zumindest kann man anhand der häufigen Schauplatzwechsel und des Szenenaufbaus bei der Lektüre diesen Eindruck gewinnen. Und es ist durchaus nicht von Nachteil, wird doch dadurch Langeweile überwiegend verhindert.

Die Geschichte findet auf zwei Zeitebenen statt: In Rückblenden wird der Prozess um den afroamerikanischen Lehrer Bobby Nock erzählt, der angeklagt wurde, seine minderjährige Schülerin umgebracht zu haben, um ihre Affäre zu verheimlichen. Viele der damaligen Geschworenen erhalten in diesen Abschnitten eine eigene Perspektive, wodurch man beim Lesen erfährt, wie der Prozess das Leben der daran Beteiligten durcheinander wirbelte und für immer beeinflusste.

In der Erzählgegenwart steht die Anwältin Maya Seales unter Mordverdacht. Maya war damals Geschworene in dem Prozess und maßgeblich am Ausgang beteiligt, der von vielen als Fehlurteil angesehen wurde und wird. Jetzt, zehn Jahre später, treffen sich die ehemaligen Geschworenen nochmal für eine Dokumentation - und nach einem heftigen Streit zwischen Maya und Rick Leonard liegt letzterer tot in Mayas Zimmer. Rick hatte angekündigt, dass er den ultimativen Beweis habe, dass ihr Urteil damals falsch gewesen sei. Musste er deshalb sterben?

Die alte Frage nach der Schuld

Durch den häufigen Wechsel von Szene, Zeit und Perspektive ist ein sehr dynamischer Roman entstanden, der eine Vielzahl von Themen aufgreift und vor allem zwei zentrale Fragen in den Raum stellt: Wer hat Rick Leonard getötet, und war Bobby Nock schuldig oder nicht? Doch trotz alledem treten in der ersten Hälfte des Buches Längen auf. Die Tatsache, dass man von Anfang an weiß, wie die Geschworenen sich im Prozess entscheiden werden, nimmt etwas die Spannung, und neue Erkenntnisse bezüglich der Schuld oder Unschuld Bobby Nocks ergeben sich keine. Auch der von Rick angekündigte „Beweis“ für das angebliche Fehlurteil lässt sich zunächst nirgends finden; es wird zwar immer wieder daraufhin gewiesen, doch mehr erfährt man auch bis fast zum Schluss nicht darüber. Zudem hat Maya zwar viele Spuren, da viele potentielle Tatverdächtige - doch wirklich Relevantes fördern ihre Ermittlungen nicht zu Tage. Daher tritt die Geschichte immer mal wieder auf der Stelle.

Es ist allerdings sowieso nicht die Spannung, die die Geschichte lesenswert macht. Denn auch wenn der zweite Teil straffer erzählt ist und es ein paar mehr als überraschende Wendungen gibt, so ist manches doch etwas zu gewollt. Und der Schluss - nun, darüber muss sich jeder sein Urteil bilden, aber er wird definitiv nicht von allen als befriedigend oder glaubhaft empfunden werden. Das wirklich Interessante in diesem Buch sind die ethischen und moralischen Fragen und Problemstellungen, die aufgeworfenen werden: Sind Recht und Gerechtigkeit dasselbe? Wie kann es sein, dass die Wahrheit nicht immer die beste Verteidigungsstrategie ist? Kann es wirklich besser sein, ein Verbrechen zu begehen, um von einem anderen Verbrechen, dessen man angeklagt, aber nicht schuldig ist, freigesprochen zu werden? Gibt es Situationen, die es rechtfertigen, das Recht in die eigene Hand zu nehmen? Und natürlich ist da auch die Frage, inwieweit beim Prozess gegen Bobby Nock, beim Sammeln und Interpretieren der Beweise, seine Hautfarbe eine Rolle spielte.

Fazit

Verweigerung ist ein durchaus lesenswerter Justizthriller, jedoch nicht aufgrund herkömmlicher Spannung, sondern aufgrund der Thematisierung ethischer und moralischer Fragestellungen. Allerdings sollte man dafür einige Längen verzeihen können.

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