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Michael Drewniok
Tödliche Geschäfte im Windschatten der Mord-Industrie

Buch-Rezension von Michael Drewniok Aug 2020

Wie so oft brachte Schludrigkeit (oder schlichte ‚Überarbeitung‘) einen bisher überaus erfolgreichen Serienmörder zu Fall: Am 6. März 1944 bemerkten Anwohner der Rue le Sueur in Paris heftigen, übelriechenden Rauch, der aus dem Kamin des der auf dem Grundstück Nr. 21 erbauten Hauses stieg. Da ein Brand befürchtet wurde, verschaffte sich die Feuerwehr Einlass - und stolperte in ein wahres Beinhaus.

Verursacht wurde der Qualm durch einen rotglühenden Ofen, in dessen Inneren menschliche Überreste verbrennen sollten. Gliedmaßen, zerteilte Körper und Schädel warteten daneben auf ihre Entsorgung. Die schockierten Feuerwehrleute riefen die Polizei. Die entdeckte bei ihrer Durchsuchung von Haus und Grundstück zwei Gruben, die mit Löschkalk und verwesenden Leichenteilen gefüllt waren.

Hausherr Dr. Marcel Petiot war damit zwar als Serienmörder aufgeflogen, aber noch längst nicht gefasst. Ihm half die aktuelle Zeitgeschichte, die eine normale Polizeiarbeit einerseits einschränkte, während sie andererseits Petiots grässliche Taten überhaupt erst ermöglichte: 1944 war Paris Hauptstadt eines von Nazi-Deutschland besetzten Frankreichs.

1940 hatten Wehrmacht und SS die französischen Truppen in einem „Blitzkrieg“ binnen weniger Wochen besiegt und Paris besetzt. Sofort zogen nazi-typisch Räuber und Mörder ein. Die Juden der Stadt wurden ihrer Bürgerrechte beraubt, enteignet und schließlich deportiert, um in den Konzentrationslagern der Nazis ermordet zu werden. Dazu mussten die französischen Ordnungskräfte, die von den neuen Herren übernommen wurden, ihren Beitrag leisten, d. h. die Judenverfolgungen unterstützen.

Parallel dazu sorgten nazideutsche Vorgesetzte dafür, dass der systematische Massenmord und andere alltäglich gewordene Verbrechen vertuscht wurden - ein ideales Umfeld für Kriminelle und Kollaborateure, die bereit waren mit den Besatzern zusammenzuarbeiten.

Verbrecher im Auge des Sturms

Die Taten des Marcel Petiot stellen nicht einfach einen weiteren Posten auf der Liste menschlicher Kapitalverbrechen dar. Sie müssen im Zusammenhang mit einer historischen Ausnahmesituation betrachtet werden, ohne die Petiot wohl nie auf die Idee gekommen wäre, seinen Unterhalt durch die methodische Ermordung von Menschen zu sichern.

Obwohl er durchaus skrupellos und geplant vorging, verlor Petiot die Übersicht, was sich in seinem ‚Geschäft‘ zwangsläufig rächt. Schlampige Entsorgung der Überreste seiner Opfer, allzu sorglose Lagerung geraubten Eigentums, Zusammenarbeit mit nur bedingt verlässlichen Kumpanen: Eigentlich hätte man Petiot viel früher erwischen müssen. Dass er sich über Jahre halten (und morden) konnte, lag an seiner geschickten Nutzung der Situation.

Nazis, kollaborierende Franzosen und Widerstandskämpfer: In diesem Gewirr von Interessen, deren Vertreter nie an einem Strang zogen, bewegte sich Petiot wie ein Fisch im (trüben) Wasser. Autor David King versucht dieses Geflecht zu entwirren und aufzudröseln; eine Herausforderung, die seine Leser lehrt, wieso Petiot so ‚erfolgreich‘ war und seinen Häschern beinahe endgültig aus dem Netz gesprungen wäre.

Paris in einer nachträglich vergoldeten Krise

King konzentriert sich nicht nur auf Petiot, sondern weitet seinen Blick auf die allgemeine politische Situation aus, die für gewaltige soziale und kulturelle Verwerfungen sorgte. Hin und wieder übertreibt er es bzw. schweift ab, verliert sein eigentliches Thema aus dem Fokus und schwelgt in anekdotischen Beschreibungen des Pariser Lebens unter den Nazis, was immerhin hilft die seltsame Situation zu verstehen, die zwei prinzipiell unvereinbare Systeme praktisch zusammenarbeiten ließ.

Es wird deutlich, dass die Juden in Frankreich auf die nachdrückliche Hilfe ihrer Mitbürger nicht hoffen durften. Nach dem Krieg blieb dieser wenig ruhmreiche Punkt von der französischen Geschichtsschreibung weitgehend ausgeklammert. Erst Jahrzehnte später wurde die unangenehme Wahrheit offenbar: ‚Patrioten‘, die Juden unterstützten, ließen sich dafür oft gut bezahlen, nutzten also die Zwangslage der vom Nazi-Tod bedrohten Flüchtlinge aus, unter die sich Kriminelle, Widerstandskämpfer, potenzielle Kriegsgefangene u. a. Zeitgenossen mischten, die gute Gründe hatten, den Nazis nicht in die Hände zu fallen.

Petiot trieb es höchstens auf die Spitze mit seiner ‚Flucht-Organisation‘, die ihre ‚Kunden‘ nicht ins sichere Südamerika, sondern um Geld und Schmuck gebracht in ein Massengrab brachte. Er arbeitete geschickt mit französischen und nazideutschen Behörden, korrupten Amtsträgern und ‚echten‘ Kriminellen zusammen, schuf sich sogar eine Schein-Existenz als hoher Würdenträger, der nach der Entdeckung der Morde die Fahndung nach sich selbst ‚unterstützte‘. Dabei half die energisch vorgebrachte Behauptung, eigentlich für den französischen „Untergrund“ tätig gewesen zu sein und nur Nazis und Kollaborateuren den verdienten Tod beschert zu haben.

Mörderische Krönung einer gescheiterten Existenz

King beginnt seine Schilderung mit der Entdeckung des ‚Beinhauses‘ in der Rue le Sueur und folgt den Ereignissen. Natürlich blendet er immer wieder zurück und stellt dabei Marcel Petiot und dessen biografische Vorgeschichte ins Zentrum. Die zeitgenössische Justiz stellte durchaus Nachforschungen an. Auf die dabei zusammengetragenen Informationen konnte King zurückgreifen. Aus seinem Nachwort geht hervor, dass er sich dem Thema viele Jahre gewidmet und sich dabei intensiv eingearbeitet hat. Dies wird manchmal allzu deutlich, wenn sich King in Details förmlich verbeißt und sie uns in dichter Folge dort präsentiert, wo eine Zusammenfassung ihren Zweck ebenso oder besser erfüllt hätte.

Nichtsdestotrotz ist eine faktenstarke Darstellung dem plakativen Sensationsheischen vorzuziehen. Natürlich gibt es ‚einschlägige‘ Szenen, doch konzentriert sich King nicht so intensiv auf das Mord-Haus, wie es eher auf den Effekt geeichte Leser/innen eventuell vorzögen. Stattdessen behalt er das Gesamtbild im Auge, was eben auch eine Lektion in französischer Besatzungshistorie einschließt - ein Thema, das auf seine Weise stärker erschüttert als Petiots Schwierigkeiten mit der Leichenentsorgung.

Ungeachtet der bekannten Fakten bleiben Lücken. King füllt sie mit Vermutungen, die auf gesicherten Informationen zumindest basieren oder die Ergebnisse eigener Überlegungen festhalten. Um sie von den ‚echten‘ Informationen abzugrenzen, wechselt er in solchen Passagen den Ton, wird vom Berichterstatter zum Erzähler - ein legitimes, wenn auch riskantes Stilmittel, auf das er ebenfalls in seinem Nachwort eingeht.

Anmerkung: Während ‚normale‘ Serienmörder wie ‚Blaubart‘ Landru früh in die Populärkultur eingingen, machte diese um den ‚peinlichen‘ Petiot lange einen Bogen. 1973 drehte der Spanier José Luis Madrid den eher reißerischen „Los Crímenes de Petiot“. 1990 entstand der französische Spielfilm „Docteur Petiot“, der inhaltlich wie formal Maßstäbe setzte und mit Michel Serrault grandios in der Titelrolle besetzt war.

Fazit:

Faktenstarke, über das zentrale Thema hinausgehende Darstellung einer Mordserie, die beispielhaft die Wirren einer aus dem Lot geratenden Gesellschaft verdeutlicht. Manchmal schießt der Autor über sein Ziel hinaus, findet aber stets zum Aussagekern zurück und legt ein „True-Crime“-Sachbuch vor, das sich angenehm von der dem Genre eigenen Effekthascherei abhebt.

Der Serienmörder von Paris

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