Paradise City

Erschienen: Juni 2020

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Brigitte Grahl
Welche Werte sind uns wichtig?

Buch-Rezension von Brigitte Grahl Aug 2020

Zoe Beck hat mit „Paradise City“ unbeabsichtigt das Buch zur Corona-Krise geschrieben. Es ist noch vor dem Ausbruch der Pandemie entstanden und wurde von der Realität eingeholt. Die Autorin schreibt von einem Deutschland, das sich durch Umweltkatastrophen und Pandemien zu einer Gesundheitsdiktatur entwickelt hat. Die Bevölkerung ist stark geschrumpft, die Menschen leben in wenigen Megastädten, wo Wohlstand, Sicherheit und Komfort herrschen.

Erkauft wird das mit umfassender staatlicher Datenkontrolle. Überall gibt es Überwachungskameras mit Gesichtserkennung. Ein „Smartcase“ organisiert das gesamte Leben, es ist Personalausweis und Zahlungsmittel, dient als Zugangscode und speichert alle individuellen Daten. Die Gesundheits-App „KOS“ ist gar unter die Haut implantiert und schlägt automatisch Alarm, wenn die Daten nicht stimmen. Wer gesund lebt, wird mit einem Punktesystem belohnt, bekommt z. B. eine bessere Wohnung.

Die allumfassende Überwachung ermöglicht ein risikoloses und sicheres Leben: chronische Krankheiten und Verbrechen werden ausgemerzt, die Menschen haben Vollbeschäftigung bei nur 20 Stunden Arbeit in der Woche und viel Freizeit - paradiesische Zustände. Wer sich all dem allerdings zu entziehen versucht, macht sich verdächtig. Die Systemverweigerer werden „Parallele“ genannt, sie siedeln in Randgebieten, sind mit Armut und Krankheit gestraft.

Liina, die Heldin in „Paradise City“ steht zwischen beiden Welten. Sie lebt nach außen als brave „Normalbürgerin“. Insgeheim arbeitet sie als Investigativ-Journalistin. Als chronisch Kranke mit einem implantierten Herzen ist sie unter all den Gesunden eine seltene Erscheinung.  Während Liina in der Provinz über einen scheinbar langweiligen Fall recherchiert, wird ihr Chef und Liebhaber Yassin vor einen Zug gestoßen.

Gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen versucht sie herauszufinden, wer der Täter ist und warum Yassin ermordet werden sollte. Dabei kommt sie - nicht zum ersten Mal - mit der Welt der Parallelen in Berührung. Sie stellt fest, dass ihre aktuelle Recherche, der Mordanschlag und ihre Vergangenheit miteinander verknüpft sind.

Aktuelle Entwicklungen zugespitzt: Freiheit gegen Gesundheit

„Es fehlt ihnen an nichts, weil sie daran glauben, dass es ihnen an nichts fehlt, und Freiheit ist ein viel zu abstraktes Konzept, außerdem kann sich frei bewegen, wer nichts zu verbergen hat…“

Zoe Beck ist gesellschaftspolitisches Engagement nicht nur privat wichtig. In ihren Büchern greift sie brisante Themen und Entwicklungen der Gegenwart auf und spitzt sie in einer Zukunftsvision zu. Dadurch wirken ihre Bücher wie „Die Lieferantin“, „Schwarzblende“ und jetzt „Paradise City“ sehr realistisch.

Es gelingt ihr, auf wenig Seiten eine große Zahl von Themen wie Demokratieverlust, Normen, Datenschutz, Selbstoptimierung, Freiheit, Sicherheit etc. anzureißen und wichtige Fragen zu stellen. Dazu finden sich in „Paradise City“ immer wieder hellsichtige und intelligente Sätze, die den gegenwärtigen Zustand unserer Gesellschaft charakterisieren.

„So entstehen Verschwörungstheorien und Fake News“, sagte Özlem. „Weil man ein Gefühl hat. Weil man möchte, dass Dinge zusammenpassen …“
„Die meisten Leute scheint es nicht zu interessieren, ob wirklich stimmt, was berichtet wird. Es lügen doch sowieso alle. … Der Mensch glaubt sowieso nur, was er glauben will.“

Fazit:

Als Transportmittel benutzt Beck für ihre Gesellschaftskritik das Genre des Krimis. Allerdings gerät die Spannung eher lauwarm. „Paradise City“ ist als Reflexion überzeugender denn als Krimi. Auch die Personen rufen, zumindest bei mir, wenig Emotionen beim Lesen hervor. Sie scheinen mehr als Funktionsträger für die moralischen und ethischen Fragen entworfen zu sein, ihnen fehlt das „Fleisch“. Im Gegensatz zu vielen anderen Büchern hätte ich mir von Zoe Beck für „Paradise City“ mehr Seiten mit tiefergehender Behandlung der spannenden Themen gewünscht.

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