50

Erschienen: Mai 2020

Bibliographische Angaben

Nora Bartels (Übersetzung)

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Thomas Gisbertz
Der etwas andere Krimi

Buch-Rezension von Thomas Gisbertz Jul 2020

Der 49-jährige Sochiro Kaji genießt als vorbildlicher Polizist einen tadellosen Ruf – bis er sich eines Tages vor seine Kollegen stellt und berichtet, seine Frau getötet zu haben. Im anschließenden Verhör gibt er an, dass seine Frau an Alzheimer erkrankt war und ihn gebeten habe, ihr Leben zu beenden. Der Fall scheint aufgeklärt, doch Kriminalkommissar Kazumasa Shiki findet keine Ruhe.

Als er auf eigene Faust weiterermittelt, stößt er in der Wohnung von Sochiro auf eine geheimnisvolle Kalligrafie mit dem Text: »50 Jahre – ein Leben«. In Shiki keimt der Verdacht, dass Sochiro sich mit fünfzig das Leben nehmen wollte. Shiki beschließt, das Rätsel um jeden Preis zu lösen – und taucht immer tiefer ein in die dunkle Geschichte eines Ehepaares, für das der Tod keine Sache des Zufalls war.

Mord an Ehefrau

Kommissar Kazumasa Shiki, Abteilungsleiter im Dezernat I, steht kurz davor, in einer von langer Hand geplanten Operation einen Serienvergewaltiger mit seinem Team zu verhaften. Während er in seinem Büro auf die Benachrichtigung der Festnahme warte, informiert ihn ein Wachdienstleiter darüber, dass sich Polizeihauptmeister Kaji von der internen Ausbildungsabteilung selbst wegen Ermordung seiner Frau angezeigt hat. Der Fall schlägt zwar aufgrund der Stellung Kajis im Polizeidienst hohe Wellen, scheint aber eindeutig zu sein.

Nur eine Sache gibt Shiki zu denken: Warum meldet der Täter den Mord erst am dritten Tag? Was hat er in den zwei Tagen nach der Tat gemacht? Angeblich soll er im Kabuki-Viertel von Shinjuku gesehen worden sein - einem Rotlichtbezirk. Iyo, der Leiter der Polizeiverwaltung, warnt Skiki davor, dies öffentlich zu machen. Wovor fürchtet sich die Polizei so sehr?

Ausgezeichneter Schriftsteller

Autor Hideo Yokoyama hat viele Jahre als investigativer Journalist gearbeitet, bevor er begann Kurzgeschichten und Kriminalromane zu schreiben. Seine Bücher wurden  mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und stehen regelmäßig in den Bestsellerlisten. In Deutschland bekannt geworden ist er durch seinen bislang erfolgreichsten Roman „64“, an dem er zuvor zehn Jahre geschrieben hatte. „64“ verkaufte sich millionenfach.

Dennoch war das Echo recht unterschiedlich. Vor allem wegen seiner Kleinteiligkeit und dem ungewohnt langsamen Erzähltempo war der mit fast 800 Seiten epochale Roman nicht unumstritten. 2019 erschien in Deutschland der Erzählband „2“, mit Kurzgeschichten über die japanische Polizeiarbeit. Jetzt bringt der Atrium Verlag mit „50“ einen älteren, in Japan bereits 2002 veröffentlichten Roman Yokoyamas heraus.

Ungewohnter Ansatz

Wer Romane von Hideo Yokoyama liest, der muss eines bestimmt mitbringen: Zeit. Denn das Erzähltempo ist sehr gemächlich. Erzählzeit und erzählte Zeit oftmals deckungsgleich. Auch wer rasante Action, ausufernde Gewalt, knallharte Ermittler oder düstere Verbrecher sucht, ist hier fehl am Platz. Es ist für den europäischen Krimiliebhaber mehr als ungewöhnlich, dass es überhaupt nicht um die Frage geht, wer der Täter ist und warum er den Mord begangen hat. Beides ist schnell klar. Auch legt Yokoyama hier keine falschen Fährten. Seltsamer Weise stört man sich lediglich daran, warum der Täter - scheinbar aus dem japanischen Selbstverständnis heraus - keinen Selbstmord begangen hat. Zu groß ist doch die persönliche Schande und der Gesichtsverlust.

Nur eine Sache gibt den Ermittlern Rätsel auf, woraus der Roman zumindest etwas Spannung zieht: Zwei Tage liegen zwischen Kajis Tat und dem Augenblick, in dem er sich stellt. Ein Zeitraum, über den er sich nicht äußern will und der die Möglichkeit  unliebsame Überraschungen enthält. Dies will der mächtige Polizeiapparat unbedingt vermeiden, denn alleine die Tatsache, dass einer von ihnen zum Mörder wird, schadet dem öffentlichen Ansehen.

Besonderer Erzählstil

Mit Hilfe von insgesamt sechs Erzählperspektiven versucht Yokoyama das Geheimnis um Sochiro Kaji nach und nach zu lüften. Verhörspezialist Shiki ist zunächst bemüht, Kaji im Rahmen einer „Nachbefragung“ zu einer klaren Aussage über die zwei Tage zu bewegen, die im Dunkeln liegen. Auf Druck seiner Vorgesetzten muss er sich mit einer - von oben gewünschten - Falschaussage des Täters abfinden. Auch dem ermittelnden Staatsanwalt Morio Sase bleibt keine andere Wahl, als einen Deal einzugehen. Auch Yōhei Nakao, ein Journalist der Zeitung Tōyō, schafft es nicht, die Lügen und Verschleierungen aufzudecken. Anschließend wird die Geschichte noch aus er Sicht des Strafverteidigers, des Richters und eines Vollzugsbeamten geschildert, wobei die Geschichte fortlaufend erzählt und nicht mehrfach wiederholt wird.

Es wird deutlich, wie sich Polizei, Presse und Justiz in ihrem Denken, ihren Strukturen und persönlichen Eitelkeiten ähneln. Alle sind auf Erfolg, persönlichen Vorteil und Ansehen aus, keinem geht es eigentlich um den Täter oder gar das Mordopfer. Dies wird nicht zuletzt auch daran deutlich, dass der Leser nie die Perspektive Kajis einnimmt. Will man weiterhin Karriere machen, so muss man letztendlich einlenken.

Hideo Yokoyama übt hier deutlich Kritik am japanischen Werteverständnis: Statt Kritik und dem Eingeständnis von Schwäche geht es allen darum, ihr Gesicht zu wahren und die hierarchischen Strukturen des Systems nicht in Frage zu stellen. Da verwundert es nicht, dass auch die Lüftung von Kajis Geheimnis am Ende für Europäer eher ungewöhnlich erscheinen mag.

Fazit:

Hideo Yokayamas aktueller Roman ist mehr als ungewöhnlich. Es geht nicht um die Tat an sich, sondern vielmehr darum, wie man mit ihr und den gewonnenen Ergebnissen umzugehen hat. „50“ versteht sich somit als Kritik am Selbstverständnis der Ordnungssysteme. Kühl und distanziert beschreibt der Autor ein System, dass nicht mehr zeitgemäß ist und trotzdem Ausdruck einer Gesellschaftshaltung bleibt. Bei aller sprachlichen Brillanz wird es einigen an Spannung und besonders Tempo mangeln. Auch die besondere Struktur de Romans, bei dem es nicht um den Täter und die Hintergründe seiner Tat geht, wird nicht jedem zusagen. Und dennoch: „50“ ist ein besonderer Krimi mit dem Blick für die Schwächen eines Gesellschaftssystems.

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