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Carola Krauße-Reim
Ein Netz ist schlimmer als eine Falle

Buch-Rezension von Carola Krauße-Reim Jul 2020

Sonja verliert im schmutzigen Scheidungskrieg das Sorgerecht für ihren kleinen Sohn. Sie will es zurück, doch dafür muss sie finanzielle Mittel nachweisen. In ihrer Verzweiflung schmuggelt Sonja Kokain nach Island. Am Flughafen wird der Zollbeamte Bragi auf sie aufmerksam und ist sich sicher, dass diese Frau ein ganz großer Fisch ist. Schon bald merkt Sonja, dass sie nicht in einer Falle sitzt, sondern in einem kriminellen Netz gefangen ist, das sich immer mehr um sie zusammen zieht.

Börsenskandal meets Drogenschmuggel

Die Handlung des Buches setzt im November 2010 ein. Island kämpft noch immer mit den Folgen der Finanzkrise, deren Verursacher man auszumachen sucht um sie zur Rechenschaft zu ziehen. Diese staatliche Katastrophe mischt die Autorin mit der persönlichen Sonjas. Die ist nur in diese Misere geraten, weil sie von Ehemann und Sohn in flagranti mit ihrer Geliebten Agla im Bett erwischt wurde. Die wohlhabende Agla scheint eine der Strippenzieherinnen bei einer isländischen Bank gewesen zu sein, die durch Aktienmanipulation und Geldwäsche das Börsen- und Bankensystem zum Absturz brachte. Ein dritter Handlungsstrang begleitet den Zollbeamten Bragi, dem Sonja durch ihre häufigen kurzen Reisen ins Ausland auffällt und, der sich sehr um seine Frau sorgt.

Sonja, Agla und Bragi fesseln den Leser

Alle drei Protagonisten werden von der Autorin sehr gut herausgearbeitet und fesseln den Leser an die Geschichte. Sonja ist eine Kriminelle – keine Frage - aber dennoch hat man Verständnis für sie. Sie liebt ihren Sohn über alles und tut auch alles um ihn zurück zu bekommen. Was anfangs nur ein kurzzeitiger Ausweg sein sollte, ist jetzt brutaler Alltag, denn sie ist nicht in eine Falle geraten, aus der sie sich befreien könnte, sondern in ein Netz, dass sie festhält. Mit immer neuen Methoden schmuggelt sie das Kokain nach Island und bei jeder Einreise bibbert der Leser mit, ob alles gut geht.

Als Sonja dann den Absprung wagt, hat sie die Sympathien auf ihrer Seite, hofft man doch, dass sie jetzt endlich in Ruhe leben kann. Agla hingegen erringt nicht viele Pluspunkte beim Leser. Als skrupellose Bankerin hat sie da sowieso wenig Chancen, aber

ihre wankelmütige Art und ihr ständiges Leugnen lesbisch zu sein, lässt sie in die niedrigsten Tiefen der Gunst abstürzen. Im Vordergrund steht für sie ihr öffentliches Ansehen, das sie als reuige Sünderin zeigen soll und nicht als „eine von denen“. Bragi ist fast siebzig und seine Kollegen würden ihn gerne in Rente sehen, ist doch die Lage junger Leute auf dem Arbeitsmarkt während der Krise nicht sehr rosig. Aber, Bragi liebt seinen Job am Flughafen und zu Hause wartet auch niemand mehr auf ihn, seit er seine Frau wegen Alzheimer in ein Heim geben musste. Die Liebe zu ihr kann der Leser fühlen, die Ängste, dass sie nicht gut versorgt ist, nachvollziehen. Bragis Gespür für Drogenschmuggler hingegen lässt beim Leser zwiespältige Gefühle aufkommen, hofft man doch auf der einen Seite, dass er Sonja nicht erwischt, ist aber auf der anderen fasziniert von seiner Hartnäckigkeit und seinen Schlussfolgerungen.

Kurze Kapitel halten die Spannung aufrecht

Schon im ersten Kapitel packt Sigurðardóttir den Leser, wenn sie ihn mit nimmt auf eine Schmuggelreise mit Sonja. Die so entstandene Spannung lässt während des gesamten Buches nicht nach. In kurzen Kapiteln wechseln die Protagonisten und so begleitet man einmal mehr Sonja bei ihrem Tun, Agla in ihrem Selbstmitleid, dass sie in Alkohol ertränken will oder Bragi vor dem Überwachungsmonitor, wo er nach Schmugglern Ausschau hält. Der ständige Wechsel der Perspektiven hält nicht nur das Tempo hoch, sie macht die lineare Geschichte auch fesselnd abwechslungsreich. Dass die sonst gewohnte düstere Stimmung der skandinavischen Krimis hier fehlt, tut der Geschichte keinen Abbruch.

Im Gegenteil, sie schildert, ohne gleich den Weltuntergang herbeizureden, Sonjas derzeitiges Leben, das zwar durch Ängste geprägt ist, aber auch voller schöner Momente mit ihrem Sohn. Die dann unverhofften Wendungen zum Ende hin gipfeln in einem Finale mit gehörigem Aha-Effekt und machen definitiv Lust auf mehr von Sonja und Co. Etwas schade war allerdings der fehlende Lokalkolorit. Zwar wird immer mal wieder die allgegenwärtige Asche des Eyjafjallajökull erwähnt oder die ein oder andere Örtlichkeit, aber leider nichts, was den Leser nach Reykjavík entführt. Es könnte genauso Hamburg, Washington oder Athen sein, denn die Geschichte wäre überall denkbar. Gerade deshalb wäre es sehr schön gewesen, wenn die Autorin sich etwas mehr Mühe bei der Beschreibung des Settings gemacht hätte.

Fazit:

Geplant ist eine so genannte „Island-Trilogie“. Mit „Das Netz“ hat Lilja Sigurðardóttir einen fulminanten Auftakt abgeliefert. Die fatale Situation Sonjas mit dem Börsencrash als Hintergrund ist ansprechend und fesselnd geschrieben und durchgehend spannend. Damit hat die Autorin den Leser schon am Haken, doch durch die Leseprobe im Anhang, kann man die Erscheinung des Nachfolgers „Die Schlinge“ kaum erwarten. Dem würde ich wünschen als Thriller deklariert zu werden, denn ein Krimi wird er wahrscheinlich genauso wenig sein, wie „Das Netz“.

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