Alles, was bleibt - Mein Leben mit dem Tod

Erschienen: Oktober 2019

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen unter dem Titel „All That Remains. A Life in Death“
- London : Doubleday London/Transworld Publishers/Penguin Random House 2018
- Köln : DuMont Verlag 2018. Übersetzung: Kathrin Bielfeldt/Jürgen Bürger. ISBN-13: 978-3-8321-9576-2. 416 Seiten
- Köln : DuMont Verlag 2019. Übersetzung: Kathrin Bielfeldt/Jürgen Bürger. ISBN-13: 978-3-8321-6515-4. 416 Seiten
- Köln : DuMont Verlag 2018 [eBook]. Übersetzung: Kathrin Bielfeldt/Jürgen Bürger. ISBN-13: 978-3-8321-8437-7. 2,88 MB [ePUB]

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Michael Drewniok
Aus Leichen lesen - fürs Leben lernen

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jul 2020

Die 1961 im schottischen Inverness geborene Sue Black erzählt von ihrem Leben, das sie seit Jahrzehnten beruflich dorthin führt, wo der Tod das Sagen hat. Dabei nicht nur zur Professorin aufgestiegen, sondern auch von Königin Elizabeth II. mit dem Titel einer „Dame“ geehrt, hat sie als forensische Anthropologin dieses Fach nicht nur in England, sondern auch weltweit entscheidend mitentwickelt.

Black leitet das „Centre for Anatomy and Human Identification“ (CAHID) der University of Dundee. Ihr Job ist es, Menschen ihr ‚Gesicht‘ = ihre Identität zurückzugeben, damit ihr oft vorzeitiger Tod vom Gesetz bestraft wird und die Angehörigen sie begraben können. Was banal klingen mag, wird von Black ausführlich als Motor ihrer Tätigkeit beschrieben und begründet: Selbst das Wissen um den Tod eines Familienmitglieds ist in der Regel besser als die Ungewissheit über sein Schicksal!

Black berichtet von ihrer Ausbildung, ihren Berufsanfängen und ersten Fällen. Dabei vergisst nie eines ihrer elementaren Anliegen: Auch der tote Mensch ist noch ein Mensch und sollte als solcher behandelt werden! Deshalb widmet sie sich u. a. ausführlich ihrer Zeit mit „Henry“, einer Spenderleiche, die ihr während des Studiums half, das Funktionieren des menschlichen Körpers zu verstehen.

„Alles, was bleibt“ ist auch eine (kursorische) Schilderung der Fortschritte, die Blacks Forschungsgebiet in den vergangenen Jahrzehnten machte - und machen musste, weil sich das Tätigkeitsfeld verschoben bzw. erweitert hat. So werden forensische Anthropologen heute dort tätig, wo moderne Massenmörder ganze Völker auszulöschen versuchen - im Kosovo oder im bürgerkriegsgeschüttelten Afrika, wo Black reales Grauen höchsten Grades kennenlernte. Ebenso wichtig ist ihre Tätigkeit dort, wo Flugzeugabstürze, Großbrände oder Naturkatastrophen wie der Tsunami vom Dezember 2004 buchstäblich Leichenberge produzieren. Hinzu kommen zunehmend die Opfer terroristischer Selbstmordattentäter.

Diese Tode müssen untersucht und dokumentiert werden, um vor Gericht vertreten zu werden. Nur so können die Täter überführt und verurteilt werden. Was dies für Black und ihre Kolleginnen und Kollegen bedeutet, beschreibt sie drastisch und angemessen deutlich. Mehr als einmal stand sie zwischen verwesenden Leichen und versucht festzustellen, wer diese Menschen zu Lebzeiten waren.

Längst gehören forensische Anthropologen in England zum Team, wenn es gilt, Leichen überhaupt als solche zu entdecken. Auch hier weiß Black mit der ihr als Autorin eigenen Sachlichkeit jegliche CSI-Romantik auszutreiben - ein persönlicher Charakterzug, der auch das letzte Kapitel prägt, in dem Black berichtet, wie man einst ihre Leiche zu Forschungszwecken nutzen soll,

Zwei Dinge sind garantiert im Leben: die Steuer und der Tod

Wie so oft sind es Film und Fernsehen, die eine Hightech vorgaukeln, mit deren Hilfe es möglich ist, aus einem am Tatort gefundenen Weisheitszahn in Windeseile den dort zu Tode gekommenen Pechvogel zu rekonstruieren. Sue Beck, die es besser weiß, hasst CSI & Co. Man versteht sie, wenn sie eindringlich beschreibt, wie schwierig eine solche Identifikation trotz durchaus bahnbrechender Innovationen weiterhin ist; dies auch deshalb, weil sie persönlich an nicht wenigen dieser Neuerungen mitgearbeitet hat.

Die Tätigkeit der forensischen Anthropologen hat nichts mit dem (schaurigen) Glamour fiktiver Ermittlungen zu tun. In mehr als drei Jahrzehnten hat Beck dies vielfach erfahren. Sie profitierte von einer nüchternen Weltsicht und der Fähigkeit, Gefühle wie Entsetzen oder Zorn im Zaum zu halten. Dazu äußert sie sich umfangreich und denkt an Tatorte, an denen dieser Mechanismus des notwendigen Selbstschutzes sich aufzulösen drohte. (Einen der Fälle, die sie nicht loslassen, rollt Beck in einem eigenen Anhang auf.)

Überhaupt fasst Beck das Thema weit. Sie beschränkt sich nicht auf die Schilderung kriminalistischer Untersuchungen, sondern beschreibt ihren Berufsalltag und die Wichtigkeit, die darin liegt, zersetzte Leichen zu identifizieren - nicht für die Toten, sondern für die Lebenden, die schmerzliche Gewissheit wie schon erwähnt der unbeantworteten Frage nach dem Verbleib eines Menschen vorziehen. Dabei schweift sie scheinbar oft ab; dieses Buch ist nach Becks Auskunft auch der Versuch, ihren Töchtern zu vermitteln, weshalb ihre Mutter oft viele Monate irgendwo in gefährlichen Ausländern unterwegs war.

Was aus dem werden kann, das bleibt

Beck ist eine versierte Autorin. Sie schwelgt nicht in Fachausdrücken, verliert sich aber auch nicht in (angeblich) grausig-unterhaltsamen Details, obwohl sie wie schon gesagt sehr deutlich dort wird, wo sie es für notwendig hält. So werden Informationen nutzbringend vermittelt - spannend und interessant, ohne dadurch die Fakten zu vernachlässigen.

Sich selbst charakterisiert Beck als „rothaarige Keltin“, womit sie ihre fachkonzentrierte Energie, ihre Streitlust und ihren Ablehnung von Bürokratie ebenso treffend wie humorvoll umschreibt. Als Frau musste (und muss) Beck sich von chauvinistischen Dozenten, schlagzeilengeilen Journalisten oder selbstgefälligen Politikern einiges gefallen lassen. Sie hat dies keineswegs vergessen und nutzt die Gelegenheit, an solche Zeitgenossen zu erinnern. Dabei zeigt sich ein knochentrockener Humor, den Beck auch sonst als Kontrast im Rahmen ihrer oft traurigen Geschichten einsetzt.

Natürlich weiß Beck um die Faszination forensisch geprägter Anekdoten, und sie liefert, wobei sie ‚ihre‘ Grenze nicht überschreitet: Man treibt keine Scherze mit den Toten! Die Lebenden sind - sie eingeschlossen - dagegen ‚vogelfrei‘. So schreibt Black über den Neubau der Leichenhalle für die University of Dundee, deren Finanzierung u. a. durch die Hilfe bekannter Kriminalschriftsteller zustande kam. Spender durften abstimmen, welchen Autorennamen das Gebäude tragen sollte. „Jeffery Deaver ermahnte seine Leser, sie sollten für ihn stimmen, weil er eine Leiche am ähnlichsten sähe. Ich sagte natürlich nichts dazu, aber auch sonst widersprach niemand.“ (Letztlich bekam der Bau den Namen „Val McDermid Mortuary“. Darin gibt es einen „Stuart MacBride Dissecting Room“)

Fazit:

„Alles, was bleibt“ ist eine unsentimentale, aber keineswegs gefühllose ‚Berufs-Biografie‘ mit privaten Exkursen. Der Informationsgehalt ist hoch, und die Autorin kann sowohl informieren als auch unterhalten: ein nicht nur für Krimi-Fans lesenswertes Sachbuch.

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