Kilometer 123

Erschienen: April 2020

Bibliographische Angaben

Annette Kopetzki (Übersetzung)

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Almut Oetjen
Eine Korrektur der Lenkung

Buch-Rezension von Almut Oetjen Jun 2020

Ester Marsili versucht ihren Geliebten Giulio zu kontaktieren, doch ihre vier letzten SMS bleiben unbeantwortet. Verzweifelt ruft sie unter einem Vorwand und falscher Identität Giuditta, Giulios Ehefrau, an und erfährt, dass Giulio nach einem schweren Verkehrsunfall im Krankenhaus liegt.

Der bekannte römische Bauunternehmer Giulio Davoli wurde nachts von einem Wagen auf der Via Aurelia bei Kilometer 123 gerammt und stürzte die Böschung hinunter. Der Unfallverursacher fuhr weiter. Anselmo Corradini, Fahrer eines vorbeikommenden Autos, leistete Erste Hilfe und brachte den Schwerverletzten ins Krankenhaus.

Doch Corradini war auch Zeuge des Unfalls und ist sich als früherer Testfahrer sicher, dass der Unfall zu 90 Prozent keiner war, sondern gezielte Absicht, eine „Korrektur der Lenkung“, wie er gegenüber Antonio Presta von der zuständigen Versicherung sagt. Pflichtgemäß meldet Presta Corradinis Beobachtung der Polizei. Ispettore Capo Attilio Bongioanni nimmt die Ermittlungen auf.

Derweil befürchtet Ester, dass ihr Mann Stefano einen Privatdetektiv auf sie angesetzt hat. Da Giulio nicht greifbar ist, sucht sie in ihrer Angst Rat und Trost bei ihrer besten Freundin Maria De Stefani. Die hält sich gerade mit ihrem Mann Francesco in Mailand auf.

Kurze Zeit später ereignet sich ein Unfall in der Mailänder U-Bahn, gefolgt von einem Selbstmord bei Kilometer 123 der Via Aurelia. Bongioanni und sein Chef, Leitender Polizeidirektor Dottor Costantino Lopez, gelangen bald zu einem Resultat – jeder zu einem anderen.

Immer das Elend mit der Gier

Komprimiert auf 142 Seiten erzählt Andrea Camilleri einen Kriminalroman, in dem er ein Dutzend Personen versammelt und deren miteinander verwickelte Geschichten erzählt. Handlungsort ist Rom, Mailand spielt im Off eine nicht unwichtige Rolle. Angesiedelt ist die Handlung in der hochaktuellen Szene der Topverdiener und Topsteuerhinterzieher. Giulio ist erfolgreicher Bauunternehmer, Stefano arbeitet als Anwalt. Die Welt der Marsilis, Davolis und De Stefanis riecht nach viel Geld, Macht und Korruption. Es geht um Bilanzfälschung, Geldwäsche, Umgehung der Bauvorschriften. Doch wen interessiert das schon? Schließlich gelten Regeln nur für andere.

Die da unten und die da oben

Die Anderen – das sind die da unten, der kleine Obstverkäufer und der Krankenpfleger, die ihrer Arbeit nachgehen und denen da oben nützliche Dienste erweisen. Mit unaufdringlichem Charme und Witz scheint die sozialanalytische Kritik an den aktuellen Zuständen in Italien durch, die Chuzpe der Mächtigen, die sich für unantastbar, für über dem Gesetz stehend halten, in der Öffentlichkeit mit ihren sexuellen und finanziellen Ausschweifungen angeben, Regeln und Gesetze verachten.

Die Frauen in dieser Welt arbeiten nicht, führen nicht mal die übliche Boutique als Abschreibungsobjekt ihres Gatten. Dafür haben die Esters, Marias und Giudittas zu viel Geld und sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Weitere Gemeinsamkeiten mit ihren Männern sind: die dem Ehepartner anzulastende Dauerfrustration und die erotischen Impulse. Dabei entspricht jede der vier Frauen einem anderen Typus, die Träumerin, die Realistin, die Rächerin, die Intrigantin.

Die Figuren glauben, alles über den Anderen zu wissen, doch fast alle haben ihre düsteren Geheimnisse, spinnen Intrigen und hintergehen Freunde, Ehepartner, den Geliebten.

Die auf den Prüfstand gestellten ehelichen und anderen zwischenmenschlichen Beziehungen erweisen sich als äußerst brüchig, sind Kalkülen unterworfen, bei denen es um finanzielle und sexuelle Vorteile geht, um Eitelkeit und Arroganz.

Camilleri findet eine Form für den Roman, die nicht neu, aber trotzdem ungewöhnlich ist. Er benutzt ausschließlich Dialoge, Telefonate, SMS, Zeitungsartikel, Polizeiberichte, Mails, verzichtet auf jegliche Beschreibung, kommentierende Einlässe, zusammenfassenden oder erklärenden Text. Dadurch weiß der Leser zunächst oft nicht, wer gerade spricht. Im Dialog löst sich das Problem auf – außer, wenn die Drahtzieher des perfiden Komplotts kommunizieren. Der klassische Erzähler jedenfalls ist suspendiert. Diese Technik verwendet Camilleri auch schon vorher in einigen seiner Montalbano-Romane, jedoch nie in dieser Konsequenz.

Geschicktes Verwirrspiel mit vielen Perspektiven

Camilleris große Stärken liegen außer in den Dialogen und den Charakteren im Plot. Der ist inszeniert als geschicktes Verwirrspiel, mit sich kreuzenden Perspektiven, aus Lüge, Intrige, Täuschung, ein Spiel mit falschen Namen und Identitäten, Betrügern und betrogenen Betrügern. Schon bald weiß man nicht mehr, wem man überhaupt glauben kann. Niemandem, wenn es nach Camilleri geht. Camilleri ist ein geschickter Erzähler, der die Informationen für den Leser wohldosiert und ihm die Gewissheiten nimmt. Sobald man glaubt, den Täter zu kennen, schlägt die Geschichte einen Haken.

„Kilometer 123“ erschien 2019 und ist Andrea Camilleris letzter zu Lebzeiten veröffentlichter Roman. Der Autor starb im Juli 2019.

Fazit:

Andrea Camilleri erzählt in seinem letzten Kriminalroman „Kilometer 123“ eine Geschichte über Eifersucht und Hass, Gier und Verrat. Der Inhalt ist klassisch, die Art des Erzählens meisterlich und unorthodox. Atemlos folgt man der raffiniert gestrickten, furios erzählten Handlung mit ihren immer neuen Wendungen bis zum teuflischen Crescendo. Ein kurzweiliges, ebenso irrsinniges wie glaubwürdiges Verwirrspiel.

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