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Carola Krauße-Reim
Mehr als ein Kriminalroman

Buch-Rezension von Carola Krauße-Reim Mai 2020

Der Zeit- und Spiegelreporter Dirk Kurbjuweit widmet sich hier dem wohl spektakulärsten Serienmörder der deutschen Geschichte. Von 1918 bis 1924 soll Fritz Haarmann in Hannover über 24 junge Männer getötet und ihre Leichen zerstückelt haben. Dass er deren Fleisch verkaufte lag nahe, wurde von Haarmann aber immer geleugnet und konnte ihm auch nicht nachgewiesen werden.

Ein fiktiver Kommissar sucht einen realen Serienmörder

Mit Fritz Haarmann als Täter war die Figur des Antagonisten festgelegt. An attestiertem „unheilbarem Schwachsinn“ und „hebephrener Schizophrenie“ leidend, war der homosexuelle Haarmann von geringer Intelligenz und affektgestört. Diese Persönlichkeit weiß der Autor gut zu vermitteln. Haarmann wird von ihm als sehr komplexe Persönlichkeit geschildert, die auf der einen Seite mangelnde Intelligenz besitzt, auf der anderen Seite aber auch als berechnend und verschlagen beschrieben wird. Er entkommt der Polizei immer wieder, wird von ihr aber auch als Spitzel missbraucht, wobei nicht klar wird, wer hier wem dient.

Haarmann ist zwar titelgebend für den Kriminalroman, doch als Protagonist ist eindeutig der ermittelnde Kommissar Lahnstein zu sehen. Hier hat Kurbjuweit eine Figur geschaffen, die zwar in ihren Aktionen dem geschichtlichen Vorbild Kommissar Heinrich Rätz nacheifert, aber als fiktive Person der emotionalen und persönlichen Seite viel mehr Raum lässt. Und so ist Lahnstein ein vom Krieg gezeichneter Mann, der mit seinen Erlebnissen als Kampfpilot ebenso zurecht kommen muss, wie mit dem traumatischen Verlust seiner Familie. Gleichzeitig wird mit ihm die starke gesellschaftspolitische Komponente im Roman integriert.

Gesellschaft und Wirtschaft sind ein wichtiges Thema

Die 1920er Jahre werden oft als „golden“ oder „swinging“ bezeichnet, das mag für einen kleinen Teil der Menschen auch so gewesen sein. Doch die meisten, besonders die Deutschen, waren gezeichnet von den Traumata des gerade überstandenen ersten Weltkriegs. Die wirtschaftliche Lage war katastrophal, jeder war sich selbst der nächste und die Sicherung des täglichen Überlebens wichtiger als die Frage nach Moral.

Die Prostitution bei beiden Geschlechtern blühte, obwohl die, „175er“ genannten Homosexuellen es aufgrund der Strafbarkeit schwerer hatten. Die Gesellschaft befand sich in einem Stadium der Taubheit und Erstarrung. Im Übergang von der gewohnten Monarchie zur bis dahin unbekannten parlamentarischen Demokratie wusste keiner, was die Zukunft bringen würde, und wie stabil die politischen Verhältnisse sein würden. Die Nazis waren zwar noch eine Randerscheinung, fanden aber in diesem Milieu fruchtbaren Nährboden.

Kurbjuweit gibt diesen Verhältnissen viel Raum. Die Gleichgültigkeit, Verrohung und Zukunftsängste sind neben dem eigentlichen Serienmord gleichwertige Themen und machen „Haarmann“ damit zu mehr als einem Kriminalroman. Doch der Leser muss auch an diesen Themen interessiert sein und vielleicht schon ein wenig geschichtliche Vorkenntnisse mitbringen, um hier Schritt zu halten. Wer nur eine gut erzählte True-Crime-Story lesen möchte, könnte von der viel Raum einnehmenden Gesellschaftskritik überrannt werden.

An den Stil muss sich der Leser erst gewöhnen

Neben den teilweise sehr diletanttischen Ermittlungen, die aus Sicht Lahnsteins zu verfolgen sind, werden Passagen eingebaut, in denen ein Opfer und Haarmann selbst zu Wort kommen. Das lockert den Handlungsverlauf auf und bringt etwas Spannung in die ansonsten vorhersehbare Geschichte, deren Verlauf der Leser eigentlich schon kennt. Doch der Schreibstil ist sehr gewöhnungsbedürftig. In kurzen, abhackten Sätzen schildert Kurbjuweit fast im Telegrammstil das Geschehen. Ein Lesefluss stellt sich erst ein, wenn man sich daran gewöhnt hat.

Erschwerend kommt hinzu, dass die wörtliche Rede ohne jede Kennzeichnung ist. Was wird gesprochen, was wird gedacht? Manchmal ist das sehr verwirrend und bringt in meinem Augen keinen Mehrwert für die Geschichte, im Gegenteil. Dass dann auch noch bildungsfernen Menschen im Jahr 1923 die Begriffe „Boxcalf“, „Breeches“ und „Sweater“ in den Mund gelegt werden und für die Aufgabe einer Vermisstenmeldung durch die halbe Republik gereist wird (1923), hat mich doch sehr erstaunt und nimmt der ansonsten gut recherchierten Geschichte einen guten Teil der Authentizität.

Fazit:

Wenn Opfer, Täter, Tathergang und Ergebnis schon bekannt sind, muss die Präsentation der Geschichte überzeugen. Dirk Kurbjuweit ist das mit „Haarmann“ fast durchgehend gelungen. Manchmal etwas langatmig, aber nie langweilig präsentiert er eine gute Mischung aus Kriminalgeschichte und Zustandsbericht der 1920er Jahre. Wer allerdings eine triviale Schilderung der Serienmorde erwartet, wird enttäuscht sein von diesem Buch.

Haarmann

Haarmann

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