Verrückt

Erschienen: November 2020

Couch-Wertung:

80°
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Birgit Stöckel
Menschliche Abgründe

Buch-Rezension von Birgit Stöckel Mai 2021

Hauptkommissar Mathias Kammowski ist ein erfahrener Ermittler - doch es gibt noch immer Fälle, die ihm besonders nahe gehen. Als die 14-jährige Lena ermordet wird und aufgebahrt wie Schneewittchen in einem Park liegt, ist dies so ein Fall. Besonders, da der Verdacht rasch auf den an Schizophrenie erkrankten Sohn seiner Nachbarin fällt. Oliver Beckmann scheint tief in seinen Wahnvorstellungen gefangen und war schon mehrfach in einer psychiatrischen Klinik - wegen fehlender Eigen- oder Fremdgefährdung allerdings immer nur kurz, da er eine Behandlung vehement ablehnt. In Anbetracht des Mordes stellt sich jetzt die Frage, ob die Psychiatrie mit ihrer Einschätzung richtig lag …

Interessante Einblicke in die Psychiatrie und das Gesundheitswesen

Verrückt ist der zweite Kriminalroman um Hauptkommissar Mathias Kammowski aus der Feder der Autorin Dr. Sabine Fitzek. Sie ist Neurologin und war lange Jahre als Chefärztin tätig, besitzt daher sowohl eingehende medizinische Kenntnisse als auch ein tiefergehendes Wissen um unser Gesundheitswesen, und nutzt diese gekonnt in ihren Büchern. In Verrat, ihrem Debüt, ging es um Ökonomie, Kostendruck und skrupellose Manager in Krankenhäusern. In Verrückt dreht sich ein Teil der Handlung um psychische Erkrankungen, Wahnvorstellungen und die Schwierigkeiten bzw. Unmöglichkeit der Behandlung gegen den Willen der Patienten. Auch der zunehmende Personalmangel mit seinen dramatischen Folgen wird thematisiert: Überforderte Assistenzärzte, desinteressierte Oberärzte im Hintergrund, überarbeitetes Pflegepersonal und Chefärzte, die ihre Position offenbar nicht in erster Linie durch ihre fachlichen Qualifikationen erreicht haben. Als Laie ist man sicherlich geneigt, die ein oder andere Stelle der Fantasie der Autorin zuzuordnen; arbeitet man hingegen im medizinischen Bereich, so weiß man, dass diese Beschreibungen die Realität abbilden - nicht immer und nicht überall, aber doch viel häufiger, als wir uns das wünschen würden.

Doch nicht nur die medizinischen Hintergründe machen den Roman lesenswert, auch der Kriminalfall ist sehr gelungen. Es erwartet einen beim Lesen keine atemlose Spannung, die einen wie getrieben durch die Seiten hetzen lässt, doch hält Fitzek den Spannungsbogen kontinuierlich aufrecht. Aufgrund von Rückblicken in das Leben der Toten weiß man als Lesende am Anfang der Geschichte ein bisschen mehr als die Ermittler; daraus generiert sich ein Teil der Spannung, da man gebannt verfolgt, ob man mit seinen Zweifeln an der Schuld Olivers richtig liegt. Geschickte Wendungen und unvorhergesehene Ermittlungsergebnisse tragen dazu bei, dass nirgends Langeweile aufkommt.

Ein ganz normaler Ermittler - dem man trotzdem (oder gerade deshalb) gerne folgt

Mathias Kammowski ist wohltuenderweise keiner der unzähligen Kommissare, denen ihre Autorinnen/Autoren ein Drogen-/Alkoholproblem, ein schweres seelisches Trauma oder alles zusammen verpasst haben. Auch ist er keiner der soziopathischen Einzelgänger, die so brillant sind, dass sie sowieso kein Team brauchen und daher den Fall auch gleich alleine lösen. Kammowski ist einfach ein Polizist mit viel Erfahrung, der gut ist in dem, was er tut. Natürlich besitzt er einige Ecken und Kanten, sonst wäre die Figur ja langweilig. Zusammenfassen kann man seinen Charakter wohl am besten mit „Harte Schale, weicher Kern“: Seine knurrige Art macht ihn durchaus kompliziert im Umgang, doch seine junge Kollegin Svenja weiß ihn zu nehmen, und das Zusammenspiel der beiden sorgt an der einen oder anderen Stelle für humorvolle Augenblicke.

Auch seine privaten Konflikte sind erfreulich nachvollziehbar: Eine Scheidung vor Jahren, danach die Entfremdung von seinen Kindern, als diese mit seiner Ex-Frau in eine andere Stadt ziehen. Jetzt zieht seine Tochter kurzerhand - zumindest vorübergehend - bei ihm ein, als sie sich um einen Studienplatz in Berlin bewirbt. Für ihn ist sie noch seine „Kleine“ - Konflikte sind vorprogrammiert. Außerdem steht er am Anfang einer neuen Beziehung - mit allen Unsicherheiten und Ängsten, die diese mit sich bringt, und noch viel Undefiniertem. Das alles ist so einfühlsam und nachvollziehbar geschildert, dass man viel Verständnis als Lesende für Kammowski aufbringt und mit ihm mitfühlt und -fiebert. Die privaten und beruflichen Anteile sind gut ausbalanciert, sodass der Kriminalfall nie in den Hintergrund gedrängt wird.

Zeit ist relativ…

Was störend auffällt, sind inkorrekte Zeitbezüge: Da wird kapitellang immer wieder auf das herrliche Spätsommerwetter hingewiesen und dann heißt es plötzlich, dass der Nieselregen der letzten Tage in Dauerregen übergegangen sei, obwohl es keinen Zeitsprung gab. Da würde sich Kammowskis Tochter sehr freuen, seine Kollegin endlich mal wieder zu sehen, die erst am Abend vorher zum Essen da war. Da erwacht Kammowski erneut unausgeschlafen, obwohl noch gar kein weiterer Tag vergangen ist. Das war bereits im ersten Band auffällig und wirkt so, als ob die Handlung eigentlich über einen längeren Zeitraum angelegt worden wäre, dann der Spannung zuliebe gerafft, aber nicht in aller Konsequenz überarbeitet worden wäre. An einigen Stellen fehlen zudem Absätze beim Übergang von einer Szene zur anderen. Das wirkt sich teilweise deutlich störend auf den Lesefluss aus.

Fazit

Insgesamt ist Verrückt sehr gelungen: ein lebensechter und glaubhafter Ermittler, ein spannender Kriminalfall mit überraschenden Wendungen und einem unglaublich interessanten Einblick in die Welt der Psychiatrie. Bleibt zu hoffen, dass Frau Dr. Fitzek die Reihe fortsetzt.

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