Final Control

Erschienen: Oktober 2020

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Andreas Kurth
Schon Lenin wusste: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Rezension von Andreas Kurth Apr 2021

Dairon Arakis ist ein Mann mit außergewöhnlichen Fähigkeiten und weitreichenden Plänen. Bei einem Meeting der berüchtigten Bilderberger findet er kein Gehör und entschließt sich, bei seinem Vorgehen auch die arroganten und in seinen Augen ignoranten Milliardäre in diesem speziellen Zirkel zu demütigen.

Tom Bayne ist Gründer und Chef der Medizin-App CUMO. Bei etlichen Probanden der App tauchen erhöhte Jod-Werte auf, gleichzeitig gibt es in den Medien offenbar falsche Meldungen über einen Reaktorunfall in Russland. Seine Partner am Universitätskrankenhaus Eppendorf sind besorgt, aber Tom kann sich gerade nicht um das Problem kümmern; er ist in China auf der Suche nach neuen Geldgebern - und nach Dairon Arakis, der ihm als Partner empfohlen wurde. Bei einer Art Netzwerk-Party interessieren sich dann plötzlich hohe Funktionäre der Kommunistischen Partei Chinas für Tom und sein Projekt - was bei seiner Co-Geschäftsführerin Lucy Liang nicht gerade auf Gegenliebe stößt.

“Was meinst Du”, fragte Lucy. Man sah ihr an, dass sie auch schwankte und sich mit dem Gedanken nicht recht anfreunden konnte.

“Bin mir nicht sicher”, sagte Tom. “Die Partei wird damit nicht nur Menschen heilen wollen.”

Lucy schüttelte den Kopf. “Nein. Überall wo die Partei involviert ist, da ist auch Kontrolle involviert. Und wir hatten in unseren Gründungsstatuten mal geschrieben, dass wir uns niemals instrumentalisieren lassen.”

“Verkaufen wir denn Kontrolle?”

“Wenn wir auch invasive Analysen anbieten, deren Daten dann in die Cloud gehen?”

Lucy zuckte die Schultern. “Irgendwie doch schon.”

Veit Etzold baut sein ungewöhnliches Szenario langsam und gründlich auf. In den verschiedenen Handlungssträngen geht es um die Bilderberger, um brasilianische Sicherheitskräfte, italienische Restaurant-Besitzer, Kardinäle im Vatikan, und eben um chinesische Parteifunktionäre. Das Buch nimmt sofort Fahrt auf, und Arakis steht ebenso im Mittelpunkt wie Bayron. Vor allem das Interesse der Chinesen an invasiver Kontrolltechnologie ist dabei leicht zu erklären: Sie überwachen das Volk der Uiguren in der westlichen Provinz Xinjiang (die hohen strategischen Wert für die Parteiführung hat) schon länger, und möchten ihre Methoden optimieren. Deshalb haben Tom und Lucy auch den Verdacht, dass die Chinesen hinter der Manipulation ihrer App stecken.

Arakis ist ein finsterer Player mit doppelten Absichten. Ihm geht es um Geld und Macht, und dabei schreckt er vor nichts zurück. Steht ihm jemand im Weg, muss sein Leibwächter Si schon mal für endgültige Lösungen sorgen. Tom lässt sich von Arakis anheuern, obwohl ihm dabei mehr als mulmig ist. Aber er kann das Geld und die Kontakte von Arakis nicht ablehnen, denn der bringt Toms todkranken Vater in einer Hamburger Privatklinik unter und übernimmt auch die teuren Behandlungskosten. Allerdings bleibt es der Geheimdienst-Gemeinde, die Arakis längst auf dem Schirm hat, nicht verborgen, dass Tom den mysteriösen Geschäftsmann plötzlich begleitet.

“Weißt Du auch, wer das ist auf dem Foto?”

“Ja. Das ist Tom Bayne, der Gründer von CUMO, einer invasiven Medizin- und Diagnostik-App.”

“Warum kennst Du den so gut?”

“Hat mich ein Informant drauf aufmerksam gemacht. Die kombinieren falsche medizinische Daten mit Fake News. In London, Berlin und Paris.”

“Klingt so, als ob da entweder die Chinesen oder die Russen dahinterstecken.”

“Die Russen nicht, da es in den Fake News um einen Reaktorstörfall in einem russischen Kernkraftwerk geht. Eher die Chinesen.”

“Das passt”, sagte Melanie. “Arakis kuschelt mit den Chinesen.”

Die Geschichte von Veit Etzold ist klug aufgebaut: die brasilianische Regierung von Bolsonaro, die keine Skrupel hätte, ihre Bevölkerung stärker überwachen zu lassen; Kardinäle im Vatikan, für die das Gleiche gilt; und schließlich das Politbüro der KP Chinas, wo Skrupel gegenüber der eigenen Bevölkerung ohnehin ein Fremdwort sind. Durch die verschiedenen Handlungsstränge und ständigen Perspektivwechsel nimmt das Buch sofort Fahrt auf, die extrem kurzen Kapitel (eher sind es mehrseitige Textabschnitte als abgeschlossene Kapitel) erzeugen eine große Dynamik.

Der Autor braucht ein ungewöhnlich großes Personaltableau; da ist es gut, dass es am Ende des Buchs eine umfassende Personenliste gibt. Der Schmöker ist die perfekte Lektüre für alle Freunde ausgedehnter Verschwörungstheorien. Etzold nimmt sich viel Zeit, um sein komplettes Szenario aufzubauen, die verwickelte Geschichte mit vielen Akteuren und Nebenhandlungen erschließt sich nur bei großer Aufmerksamkeit des Lesers. Final Control ist also kein Buch, das man so nebenbei lesen kann.

Fazit

Veit Etzold hat hier einen interessanten Plot konstruiert und erzeugt Spannung durch das zunächst unvorhersehbare Handeln seiner zahlreichen Akteure - eigentlich also ein durchaus unterhaltsamer Wirtschafts- und Polit-Thriller. Aber leider ist der Autor der Versuchung erlegen, sein unzweifelhaft vorhandenes großes Wissen über wirtschaftliche Zusammenhänge und Börsenmechanismen überbordend in das Buch einfließen zu lassen. Der dadurch für meinen Geschmack zu oft aufscheinende Sachbuch-Charakter drückt dann doch den Spannungsbogen kräftig nach unten. Wer also ähnliches Lesevergnügen wie bei den Clara-Vidalis-Büchern von Etzold erwartet, dürfte enttäuscht werden. Erstleser von Veit Etzold vermag der Thriller dagegen vermutlich gut zu unterhalten.

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