Der Heimweg

Der Heimweg
Der Heimweg

Erschienen: Oktober 2020

Erschienen: Oktober 2020

Couch-Wertung:

70°
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Sabine Bongenberg
Spannung um jeden Preis oder 'die literarische Tüte Chips'

Buch-Rezension von Sabine Bongenberg Nov 2020

Es scheint ein ganz normaler Anruf zu sein, mit dem sich Jules Tannberg an diesem Abend befassen muss. Er übernimmt das „Begleittelefon“, das Frauen anrufen können, wenn sie sich auf ihrem Heimweg ängstigen oder möglicherweise bedroht fühlen. Eine ruhige und sonore Männerstimme soll ihnen ein Sicherheitsgefühl geben und auch dazu dienen, im Zweifel zumindest telefonisch zur Seite zu stehen. Die jetzige Anruferin Klara ist aber schon längst jenseits von Angst: Nach brutalen Gewalterlebnissen mit ihrem Ehemann schien sie endlich ein kleines Glück in den Armen ihres Liebhabers zu finden. Mit diesem Mann nahm aber die Katastrophe einen neuen, verheerenden Kurs und Klara weiß nicht mehr weiter. Jules versucht die junge Frau zu beruhigen und sie von einer Verzweiflungstat abzuhalten, erfährt aber bald, dass er sich möglicherweise auch schon in tödlicher Gefahr befindet. Natürlich kann er das kaum glauben - aber schon ereignen sich einige seltsame Zwischenfälle, und langsam macht sich in Jules ein sehr ungutes Gefühl breit ...

Die Ereignisse überschlagen sich

Nach der Lektüre des neuesten Werkes von Sebastian Fitzek hatte ich eine ungefähre Vorstellung, wie sich Bugs Bunny fühlen muss, wenn er von einem Güterzug überrollt wurde: Es ist so viel passiert und das in einer so schnellen Abfolge, dass ich mich erst einmal in Ruhe setzen und die Erzählstränge dieses Buches auseinanderdividieren musste. Sebastian Fitzek hat auch diesen Thriller in einem rasanten Tempo verfasst. Immerhin hat er in diesem Buch auf die wilde Jagd durch die Bundesrepublik verzichtet, die im letzten Werk Das Geschenk die Hektik noch einmal ins Unermessliche steigerte. Der Leser bleibt auch in diesem Buch immer dicht an der Spannung - an einem Bogen, der sich immer weiter und höher schraubt und dafür sorgt, dass man doch immer weiter liest, als man ursprünglich geplant hatte. Es ist ein bisschen wie mit diesen vermaledeiten Chipstüten: Man wollte doch nur ein paar essen und schon ertappt man sich dabei, wie man noch die letzten Krümel aus der Tüte leckt.

Fitzek beschreibt auch in diesem Buch eine Unzahl von Taten, die die jeweiligen Täter für zwei bis drei Jahrhunderte ins Gefängnis bringen sollten. Erfreulicherweise ist die explizite Schilderung dieser Taten aber nicht sein Gebiet. Es ist wie im Märchen: Der böse Wolf verschlingt das Rotkäppchen ganz und gar, aber es bleibt beim reinen Akt des Verschlingens, und es finden sich weder Schilderungen von gewaltigen Blutbädern noch von den Schreien der unglücklichen Opfer. Natürlich finden sich im Buch dennoch Verbrechen, und natürlich sind diese auch teilweise recht brutal. Aber unglücklicherweise bringt das Genre der Spannungsliteratur eben auch das mit sich.

Spannendes Kopfkino

Eines vermag dieser Autor wie kein Zweiter: Eine Spannung aufzubauen, die sich immer weiter steigert, bis sie zum Schluss schon fast als schmerzhaft empfunden wird. Fitzek – so hat man manchmal das Gefühl – setzt immer noch einen drauf. Dennoch muss hier als Manko auch gesagt werden, dass es der Autor abschnittsweise mit der Genauigkeit oder auch mit der Logik ... naja, sagen wir mal … nicht ganz so hundertprozentig genau nimmt. Manchmal erscheinen die Twist wie die besonderen Zaubertricks der „Ehrlich-Brothers“, die immerhin doch vor den Augen des Publikums stattfinden. Fitzek schafft es mit seinen spannenden Konstruktionen, den Leser fast in diese Richtung mitzunehmen. Mehrfach fragte ich mich: Wie hat der Täter das denn jetzt schon wieder geschafft?, bis ich mir dann auch wieder sagte, dass es eine reine Kopfkonstruktion ist, der man hier aufsitzt (und nicht einmal einer visuellen Täuschung). Dennoch gilt mein Respekt der Leistung, eine Geschichte so erzählen zu können.

Sebastian Fitzek ist mit dem Heimweg ein spannender neuer Reißer gelungen. Meiner Einschätzung nach handelt es sich wieder um „literarisches Fastfood“ – aber gut gemachtes literarisches Fastfood, das zusätzlich auf einem sehr schönen Teller daherkommt. War weiland Das Geschenk schon als Sonderedition so verpackt, dass es tatsächlich wie ein schönes, rotes Päckchen mit Schleife anmutete, so ist der Heimweg komplett in Nachschwarz gehalten mit einer Aussparung, die die Silhouette einer Frau in einem Tunnel andeutet und so die Ängste auf dem Heimweg in einer dunklen, unheimlichen Gegend symbolisiert. Dazu passend ist sogar der Buchschnitt eingeschwärzt, was allerdings auch dazu führt, dass man vorsichtig blättern muss, denn es klebt schon ein wenig. Interessant ist es übrigens auch, die Danksagungen des Autors am Schluss zu lesen, denn hier kann man einiges über Fitzeks Humor erfahren, der sich im Buch allenfalls an kleinen Ecken manifestiert – so zum Beispiel wenn das Gebaren in einem feinen Hotel recht simpel als „Gedöns“ abgewatscht wird.

Fazit

Sebastian Fitzek dreht in Der Heimweg gekonnt an den Stellwerken des Thrillers und nimmt den Leser mit auf eine atemberaubende Reise. Sicherlich kann man darüber diskutieren, ob das wichtige Thema der häuslichen Gewalt in so einem Reißer verarbeitet werden sollte, und sicherlich ist bei dieser ganzen Konstruktion nicht alles logisch oder auch nur wahrscheinlich – aber sei’s drum. Zwischendurch ist auch einmal gut gemachtes Fastfood eine feine Sache – gesundheitsbewusst und ausgewogen können wir auch morgen wieder essen.

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