Das Stahlwerk

Erschienen: April 2020

Couch-Wertung:

85°
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Andreas Kurth
Lebensgefährliche Mörderjagd in den stickigen Tunneln unter dem Hochofen

Buch-Rezension von Andreas Kurth Jul 2020

Dieser Thriller hat zwei bemerkenswerte Hauptfiguren. Einerseits den Kriegsgefangenen Jarek Kruppa. Es ist absolut ungewöhnlich, dass mitten im zweiten Weltkrieg, der Roman spielt 1942, ein in Deutschland inhaftierter Pole als Ermittler in einer Mordserie tätig wird. Und mindestens ebenso ungewöhnlich ist der Schauplatz des blutigen Geschehens - ein riesiges Stahlwerk in Duisburg. Und dieses Werk spielt die zweite Hauptrolle im Roman, denn ohne die Hallen, unterirdischen Gänge, Waschkauen und andere Orte wäre die ungeheure Spannung der Handlung so nicht zu erzeugen. Deshalb sind Kruppa und das Werk für mich die zwei Hauptfiguren.

Auf dem Buchrücken wird bereits verraten, worum es in diesem Thriller geht. Angst und Schrecken innerhalb der Belegschaft dieses für die Rüstungsindustrie unverzichtbaren Stahlwerks führen dazu, dass die Werksleitung zu einer geradezu unglaublichen Maßnahme greift. Denn innerhalb weniger Wochen sind mehrere Frauen und Männer im Werk ermordet worden. Viele Arbeiter haben Angst, wollen bestimmte Bereiche des Geländes gar nicht mehr betreten.

Die Werksleitung steht unter enormem Erfolgsdruck

Die Produktion droht zurückzugehen, Werkschutz und Polizei sehen keine Chance, den Serienmörder zu schnappen. Jarek Kruppa war in Polen als Mordermittler tätig, hat einen tadellosen Ruf und eine einwandfreie Erfolgsquote. Doktor Hermann von Kessel, der absolute Herrscher über das Stadtwerk, ist umfassend informiert über Kruppas Herkunft und setzt ihn als Ermittler ein, um endlich wieder Ruhe ins Werk zu bekommen.

Der polnische Gefangene hat Werkschutzleiter Paul Schöppke als Kontaktmann an seiner Seite, der ihm alles beschafft, was Kruppa braucht: Eine Karte des Werks, Taschenlampe und weitere Utensilien. Die beiden brauchen ein paar Tage, um zunächst eine Arbeitsebene zu finden, und dann sogar so etwas wie Freundschaft miteinander zu schließen - soweit das unter diesen Umständen überhaupt möglich ist. Schöppke respektiert schnell, was Kruppa als Kriminalist zu leisten vermag.

Jarek blätterte in seinen Aufzeichnungen. “Das macht keinen Sinn, wenn Sie mich fragen. Wenn das nicht ein und derselbe Täter ist, dann stimmt hier was nicht. Die Opfer sind zu unterschiedlich. Es waren keine Raubmorde. Der Täter benutzt völlig unterschiedliche Tatwerkzeuge, sogar seine bloßen Hände. Er tötet Waschkauenwärter, ersticht Arbeiter, erschlägt brutal Zwangsarbeiter. Erdrosselt eine Putzfrau. Vergeht sich, was extrem ungewöhnlich ist, an einer Toten.”

Kruppa und Schöppke besichtigen alle Tatorte, der polnische Ermittler befragt  Zeugen, mit denen die Duisburger Polizei teilweise nicht gesprochen hat. Denn in den Akten der deutschen Kollegen findet der Pole nicht viel, oder gar widersprüchliche Fakten. Ihn verwirrt zunächst die Verschiedenheit der Opfer, doch nach einigen Tagen erkennt Kruppa schließlich ein Muster, dass die Morde verbindet.

Schöppke ist zunächst mehr als zögerlich, Kruppa die Fakten zu verraten, nach denen ihn der Pole fragt. Die beiden sind nach einigen Tagen Vertraute geworden, die ein gemeinsames Ziel verbindet. Dennoch ist dem Leiter des Werkschutzes bewusst, dass sein neuer Kumpel immer noch ein Kriegsgefangener ist. Aber die Streifzüge durch die Katakomben unter dem Werk und die gemeinsam erlebte Gefahr haben die beiden zusammengeschweißt, und so berichtet  Schöppke dem Werksleiter nicht die ganze Wahrheit, auf die er und Kruppa gestoßen sind. Von Kessel steht jedoch unter gewaltigem Druck aus Berlin lässt den polnischen Ermittler zu sich kommen.

Bereits während der Fahrt hatte Jarek sich überlegt, was er von Kessel sagen konnte. Er wollte seinen Freund Paul Schöppke nicht unnötig belasten. Dass Schöppke für ihn lügen musste, gefiel ihm nicht. Letztendlich würde von Kessel die Wahrheit doch erfahren.
“Ich denke, wir kennen den Täter.Sie kennen ihn übrigens auch. Es ist ...”
Es war interessant, wie von Kessel reagierte: Der Satz traf ihn wie ein Peitschenschlag. Seine Augen zuckten, er schüttelte kurz den Kopf, als wäre er eben erst erwacht.

Christian Piskulla bietet dem Leser mit seinem Plot ziemlich viele Rätsel, die er dann in kleinen Portionen auflöst. Dadurch entwickelt die Geschichte von Beginn an einen großen Sog. Was eben auch den den zwei Hauptfiguren liegt. Das Schicksal von Jarek Kruppa, insbesondere seine tragische Vorgeschichte in Polen, bleibt dem Leser lange verborgen, weil zunächst der Kriminalfall und die Ermittlungen von Kruppa und Schöppke im Mittelpunkt stehen. Der Pole ist dabei eine überaus interessante Figur, die angelehnt ist an Piskullas Großvater mütterlicherseits. Der wurde 1942 aus Vilnius nach Stettin verschleppt, um dort bis Kriegsende als Zwangsarbeiter in einem Hüttenwerk zu schuften.

Piskulla selbst wuchs im Schatten der Stahlwerke der Peine-Salzgitter AG auf, arbeitete dort auch als junger Mann. Seither hat ihn diese ganz eigene Welt fasziniert, wie er im Interview mit der Krimi-Couch beschreibt. Dem Roman ist diese Faszination für die Location zuweilen anzumerken, was sich aber nicht störend auswirkt, denn der Autor versteht es nicht nur, die düstere und bisweilen beklemmende Atmosphäre im Werk zu schildern, sondern er baut die unterschiedlichen Orte eben geschickt in die Geschichte ein, um ihr hier und da noch mehr Twist zu verleihen.

Ob es in irgendeiner Form realistisch ist, dass ein polnischer Zwangsarbeiter vom Leiter eines Stahlwerks in dieser Form als Ermittler eingesetzt wird, kann man als Leser nur schwer beurteilen. Als erster Impuls verneint man jeglichen Realitätsgehalt der Geschichte. Aber am Ende - und das Ende ist wirklich überraschend - legt man das Buch weg und wird nachdenklich.

Fazit:

So einStahlwerk ist für den Verfasser einer Kriminalgeschichte im Grunde ein echter Traum, bietet es doch viele Möglichkeiten. Christian Piskulla versteht es nun allerdings sehr gut, dieses Setting gekonnt zu bespielen. Man merkt bei der Lektüre, dass der Autor aus eigener Anschauung genau weiß, worüber er da schreibt. Figuren, Handlung und das Werk als abgeschlossener Mikrokosmos passen hervorragend zusammen - in meinen Augen Lesekino der feinsten Sorte. Piskulla macht es vom Erfolg seines Thrillers abhängig, ob es eine Fortsetzung gibt. Das wäre zu wünschen, denn Jarek Kruppa ist ein ziemlich charismatischer Ermittler, dem ich gerne weiter über die Schulter schauen würde.

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