Talión - Die Gerechte

Erschienen: Mai 2021

Bibliographische Angaben

Anja Rüdiger (Übersetzung)

Broschur, 544 Seiten

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Thomas Gisbertz
Beeindruckendes Thriller-Debüt

Buch-Rezension von Thomas Gisbertz Jun 2021

Für die 38-jährige Journalistin Marta Aguilera bricht eine Welt zusammen, als sie von ihrem Arzt die Diagnose Hirntumor mitgeteilt bekommt. Sie hat nur noch wenige Wochen zu leben. Nach dem ersten Schock wird Marta aber mehr und mehr klar, was das bedeutet: Sie hat nichts zu verlieren, keine Konsequenzen zu befürchten. Als dann ein Pädophiler und Kindermörder ungestraft davonzukommen droht, beschließt sie, ihre letzten Tage dem Kampf gegen das Böse zu widmen und die Gerechtigkeit selbst in die Hand zu nehmen. Doch schon bald wird Inspectora Daniela Gutiérrez auf die mysteriöse Rächerin aufmerksam. Für Marta beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, gegen die Polizei – und gegen ihren eigenen Tod ...

Von der Journalistin zur Rächerin

Marta Aguilera befürchtet, dass ihre morgendliche Übelkeit und der ständige Schwindel von einer ungewollten Schwangerschaft herrühren. Der Schock ist umso größer, als man bei ihr ein inoperables Glioblastom diagnostiziert. Die Journalistin beschließt, ihr Leben - soweit es ihre Ausfallerscheinungen erlauben - in den letzten beiden Monaten noch zu genießen.

Als sie eines Abends auf der Gran Vía von zwei Jugendlichen verfolgt wird, steht für sie fest, dass sie nicht mehr davonlaufen will. Mit einem Eisenrohr bewaffnet zertrümmert sie den Kiefer eines Angreifers. Während der andere Jugendliche sie mit einem Messer bedroht, kommt ihr eine rumänische Prostituierte zu Hilfe.

Wenig später wird die kleine Lucía vergewaltigt und brutal ermordet. Als man deren Mörder wieder laufenlassen muss, entscheidet sich Marta, all diejenigen, die für ihre Verbrechen ungestraft davongekommen sind, büßen zu lassen - ganz nach dem Taliónsprinzip ...

Sensationeller Erfolg in Spanien

Der spanische Autor Santiago Díaz Cortés wurde 1971 in Madrid geboren. Nachdem er fünf Jahre lang bei dem Fernsehsender "Antena 3" als Content Manager gearbeitet hatte, widmete er sich ganz dem Drehbuchschreiben. Im Laufe seiner mehr als fünfundzwanzigjährigen Karriere hat er für verschiedene erfolgreiche Produktionsfirmen gearbeitet, über 600 Drehbücher verfasst und zahlreiche preisgekrönte Serien entwickelt. Talión - Die Gerechte ist sein erster Roman, der 2018 in Spanien erschien und für den er 2019 den Morella-Negra-Preis und den Benjamín-de-Tudela-Preis gewann. Der Roman wurde bereits in mehrere Sprachen übersetzt und die Filmrechte daran verkauft. Geplant ist eine mehrteilige Serie über die Journalistin und Rächerin Marta Aguilera.

Nach dem Debüt erschien dieses Jahr in Spanien bereits Díaz‘ zweiter Roman El buen padre  (Der gute Vater), der gleichzeitig den Beginn einer Reihe um Inspektorin Indira Ramos darstellt. 

Gerechtigkeit als Ziel

Autor Santiago Díaz gelingt etwas, was nicht allzu oft bei Thrillern der Fall ist: Man leidet nicht nur mit der Mörderin Marta regelrecht mit, sondern ertappt sich dabei, wie man ihr auf der Jagd nach Drogendealern, Frauenhändlern und ETA-Terroristen sogar die Daumen drückt. Und nicht nur dem Leser ergeht es so; auch Inspectora Daniela Gutiérrez, die sich an die Fersen der Rächerin heftet, ist zwischen der beruflichen Aufgabe und ihrem persönlichem Empfinden hin- und hergerissen - denn eines der „Opfer“ hat ihren Ehemann und einen ihrer Söhne auf dem Gewissen. Beiden Protagonistinnen geht es um Gerechtigkeit, auch wenn sie unterschiedliche Wege beschreiten. Schon bei ihrer ersten Begegnung fühlt Marta Aguilera eine spürbare Nähe und besondere Verbindung zur Ermittlerin.

Aus dieser Grundkonstellation heraus erzählt Autor Santiago Díaz eine Geschichte über Schuld, Strafe und Gerechtigkeit. Dabei geht es auch um Fragen der Moral und des Rechts. Für Marta Aguilera steht aber auf jeden Fall fest, dass man bei der Gerichtsbarkeit nachhelfen muss.

Auge um Auge, Zahn um Zahn

Unter dem Talionsprinzip ("ius talionis") versteht man eine Regelung, der zufolge zwischen dem Schaden, der einem Opfer zugefügt wurde, und dem Schaden, der dem Täter zugefügt werden soll, ein Gleichgewicht angestrebt wird. Auch wenn die Hauptfigur Marta auf die bekannte Bibelstelle Exodus 21  verweist, widerspricht der hebräisch-biblische Kontext eigentlich ebenso der Auslegung als Talionsprinzip wie die jüdische Tradition.

Marta Aguileras Wunsch nach Gerechtigkeit ist bereits in ihrer Jugend angelegt und drängt nun wieder in den Vordergrund. Durch ihre Arbeit als Journalistin hat sie des Öfteren erleben müssen, wie grausame Gewaltakte ungestraft blieben. Hinzu kommt ihre Unfähigkeit, empathisch zu sein; sie kann anderen Menschen gegenüber bestenfalls Sympathie, Zuneigung oder Lust empfinden. Ähnlich verhält es sich mit ihrem persönlichen Rechtsempfinden: „Die Wahrheit ist, dass ich mich nicht daran erinnere, mich jemals wegen irgendetwas schuldig gefühlt zu haben.“

Familiäres Schicksal

Neben Marta Aguilera ist Inspectora Daniela Gutiérrez die zweite Hauptfigur des Romans. Zusammen mit ihrem Kollegen, dem Agente Martos, ermittelt sie im Fall der Rachemorde, den ganz Spanien mit großem Interesse verfolgt. Noch immer leiden sie und ganz besonders ihr 17-jähriger Sohn Sergio unter dem Trauma der gewaltsamen Tötung ihrer Familienmitglieder bei einem Sprengstoffanschlag 1995. Als Sergio erfährt, dass die damals verantwortliche ETA-Terroristin Amaya Eiguíbar auf freien Fuß gesetzt werden soll, versucht er sich mit Hilfe einer rechtsgerichteten Gruppierung an ihr zu rächen. Sein Versuch scheitert jedoch, und er muss nun seinerseits mit der Vergeltung durch ETA-Sympathisanten rechnen.

Rasanter Plot

Santiago Díaz schreibt in einem atemberaubenden Tempo. Dazu trägt auch das Präsens als Erzählzeit bei. Die Geschichte wird teilweise aus der Perspektive Martas als Ich-Erzählerin geschildert. Dadurch gelingt es dem Autor, dem Leser eine große Nähe zur Protagonistin zu ermöglichen. Die Morde werden äußerst brutal beschrieben, spiegeln letztendlich aber auch nur die Grausamkeit und Schonungslosigkeit der eigentlichen Täter wieder. In Martas Verständnis des Taliónsprinzip ist dies nur gerecht; ebenso sieht es die spanische Öffentlichkeit innerhalb des Romans, die eindeutig auf der Seite der Rächerin steht. Dies ist auch der einzige Kritikpunkt am Roman - denn es fehlt leider eine Kontrastfigur, die sich stärker auf die Seite des Rechts stellt und derartige Grausamkeiten vehement verurteilt.

Fazit

Mit Talión - die Gerechte gelingt Autor Santiago Díaz ein Thriller der Extraklasse. Trotz der nahezu 550 Seiten kommt keine Minute Langeweile auf. Der Roman ist brutal und grausam, gleichzeitig geht er aber auch unter die Haut. Die Grenzen zwischen Recht und Unrecht verschwimmen nicht nur, sondern scheinen sich aufzulösen. Santiago Díaz ist ein großes Versprechen der spanischen Spannungsliteratur.

Talión - Die Gerechte

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