Das Meer von Mississippi

Erschienen: Mai 2021

Bibliographische Angaben

- OT: The Tilted World

- aus dem Englischen von Eva Bonné

- HC, 384 Seiten

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Michael Drewniok
Schwarzer Whiskey, verbotene Liebe, berstende Dämme

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mai 2021

Im Frühjahr des Jahres 1927 regnet es im Südosten der USA seit Monaten ohne Unterlass. Im US-Staat Mississippi, dem der gewaltige Fluss den Namen gab, steigen die Wasserpegel unaufhörlich. Zwar gibt es Dämme, doch diese sind der Flut nicht mehr gewachsen und drohen auf breiter Uferfront nachzugeben. Sobald dies geschieht, werden mehrere zehntausend Quadratkilometer Hinterland überflutet - eine Katastrophe für die dort ansässigen Menschen, die ohnehin zu den Ärmsten des Landes gehören.

Direkt an einem der wankenden Dämme liegt Hobnob Landing. In dieser Gemeinde arbeitet die Polizei nur bedingt für das Gesetz, sondern gut geschmiert für Jesse Holliver, der mit seiner Schwarzbrennerei enorme Geldsummen erwirtschaftet. Mississippi unterliegt der Prohibition, sodass der Alkoholausschank illegal ist - eine Traumvorlage, die sich das Verbrechen nicht entgehen lässt.

Die Prohibitionsbehörde schickt Ham Johnson und Ted Ingersoll nach Hobnob Landing, nachdem zwei vor ihnen dort tätige Agenten spurlos verschwunden sind. Johnson und Ingersoll sollen nicht nur herausfinden, was ihnen zugestoßen ist, sondern auch die lokalen Schwarzbrenner entlarven. Sie geben sich als Ingenieure aus, die den Damm sichern sollen. Doch die Tarnung fliegt auf, als sich Ingersoll ausgerechnet in Dixie Clay Holliver, Jesses Ehefrau, verliebt - was diesem nicht lange verborgen bleibt.

Die Lage der beiden Agenten wird noch komplizierter, als in einem Nachbarort eine große Menge Dynamit gestohlen wird: Offenbar wollen Saboteure den Damm sprengen, damit der Grund und Boden ihrer Auftraggeber verschont bleibt. Die Zeit drängt - denn wohl schon in der kommenden Nacht werden die Verbrecher zuschlagen. Sollte ihre Tat gelingen, wird Hobnob Landing mit allen Bürgern und Dixie Clay untergehen …

Literarisierte Wucht der Realität

„Ein neuer Roman von Tom Franklin ist immer ein Grund für Freude …“, kündigt Schriftsteller-Kollege Dennis Lehane auf dem Cover sehr richtig denen an, die das Meisterwerk Hell at the Breech (dt. Die Gefürchteten) kennen. Dem zweiten Teil seines Loblieds („… aber ein Roman und Franklin und Fennelly? Das ist ein Grund zum Feiern!“) kann man dagegen nur bedingt zustimmen, obwohl Das Meer von Mississippi für eine eindrucksvolle Zahl von Literaturpreisen nominiert wurde.

Fennelly und Franklin sind ein Ehepaar und separat erfolgreich; es lag nahe, sich für ein Buchprojekt zusammenzutun. 2013 war es soweit: Das Meer von Mississippi sollte das Beste beider Welten bzw. Autoren zusammenführen. Erzählt wird die Geschichte einer ‚unmöglichen‘ Liebe, die in einem ‚jüngeren‘, ungestümen US-Amerika spielt, das weniger von Gesetzen, sondern vom Faustrecht regiert wird.

Die Kulisse ist authentisch, die große Flut von 1927 hat sich tatsächlich ereignet; Rekordregenfälle trieben die Wasserstände im Süden der USA auf nie gekannte Hochstände. Zwar hatte man nach einem ähnlichen Katastrophenjahr 1922 die Dämme in den betroffenen Staaten erhöht und erweitert, doch der staatliche Unwillen, mehr Geld als gerade nötig auszugeben, verhinderten im Einklang mit einer blühenden Korruption, dass dieser Schutz im geplanten Umfang realisiert wurde. Nach mehreren Dammbrüchen standen 70.000 Quadratkilometer vier Monate lang unter Wasser. Als die Flut zurückging, blieben zerstörte Städte und verwüsteter Boden zurück; ohnehin arme Südstaatler waren endgültig ruiniert.

Viel Schaum & Getöse, aber wenig Grund

Während der Regen prasselt und die Dämme bröckeln, wird in Hobnog Landing Whiskey schwarzgebrannt, gemordet und moralisch vertretbarer Ehebruch getrieben: Es fällt leicht, die Handlung dieses Romans ironisch zusammenzufassen, denn sie wird ungeachtet der zuletzt entfesselten Wassermassen primär von Klischees bestimmt, was das kombinierte schriftstellerische Talent von Fennelly & Franklin nicht wirklich verbergen kann.

Liebe mit Hindernissen: Diesem Stoff entspringen seit Äonen Geschichten. Sie finden weiterhin ihr Publikum, das dramatisch aufgerührte Elementar-Emotionen spannender als jeden Krimi findet - womit ein grundsätzliches Problem ins Blickzentrum rückt: Das Meer von Mississippi weist zwei Handlungsebenen auf, die nicht wirklich zueinanderfinden.

Da haben wir die das tragische Leben von Dixie Clay Holliver, einer (natürlich) starken, aber (selbstverständlich) hübschen Frau, die sich in einen (sowieso) ansehnlichen Schurken verliebt hat, der sie inzwischen betrügt, zum Mörder geworden ist sowie sich weigert, wegen des in der Wiege gestorbenen Söhnleins vor Trauer zu vergehen. Leider ist dieser Jesse Swan Holliver eher eine Lachnummer als ein glaubhafter Frauenheld und Schurke. Meist tückt er unsichtbar im Hintergrund. Wenn er auftaucht, soll er nach dem Willen der Autoren Bedrohlichkeit ausstrahlen. Dass er ein Unhold ist, zeigen ansonsten demonstrativ seine verschiedenfarbigen Augen. Sein verdientes Ende findet er eher unspektakulär, wovon ohnehin nur indirekt berichtet wird. (Dies ist kein Spoiler, da in dieser Geschichte alles so kommt, wie man es schon früh erwartet.)

Vom Dauerregen ausgewaschene Figuren

Dixie Clay ist die typische, vom Leben enttäuschte Frau, die treu in ihrer trüben Ehe schmachtet, während der fiese Gatte nicht daheim, sondern in einem Hurenhaus logiert. Seelisch ist sie mehr tot als lebendig, brennt aber trotzdem fleißig Whiskey und Schnaps, wobei man als Leser ihren Einsatz nicht recht versteht. Der Trauer hat sie ihr Leben gewidmet, wovon wir Leser ausgiebig in Kenntnis gesetzt werden. Doch siehe: Schlagartig kehrt sie ins Leben zurück, als ihr Agent Ingersoll ein Fund-Baby übergibt!

Mehr Klischee geht nicht? Großer Irrtum - denn als Retter in der Not taucht der in weiblichen Belangen unerfahrene, aber redliche und mit einem Retter-Syndrom geschlagene Fusel-Schnüffler Ingersoll auf, der (so gehört es sich) ebenfalls sein Päckchen als nie adoptiertes Waisenkind und von Erinnerungen geplagter Kriegsheld zu tragen hat. Auch seine Seelennöte füllen viele, viele Seiten, ohne dass aus dem eher tumben als tiefgründigen Ingersoll eine glaubwürdige Figur würde. Die wie ein Blitz = schicksalshaft aufflackernde Liebe zwischen ihm und Dixie Clay bleibt niedergeschriebene Behauptung und ist kaum nachvollziehbar.

Weiterhin treten auf: Ingersolls bester Kumpel und Ersatzvater Ham Johnson, der lautstark, gemütlich und manierenarm menschliche Qualitäten demonstriert, sowie ein Chor pittoresker Hinterwäldler, die für dramatische Effekte sorgen und meist ins Gras beißen müssen. Wer das in Die Gefürchteten abgebrannte Feuerwerk einprägsamer Charaktere kennt, mag kaum glauben, dass Tom Franklin (Mit-)Autor von Das Meer von Mississippi ist.

Das Wetter als Spiegel

Überzeugen kann dieser Roman immerhin mit einer meisterhaften „Gothic-Noir“-Atmosphäre; die Südstaaten der 1920er Jahre erwachen nachdrücklich zum Leben. Fennelly & Franklin erinnern an eine Episode der US-Geschichte, die nicht nur wegen der Dammbrüche dunkel ist. Politisches Versagen, das mangelhafte Interesse an Bürgern, die arm und ‚nutzlos‘ waren, die Verzweiflung vor Ort, wo man sich zu Recht verlassen fühlte, der bis zur Erschöpfung geführte, aber von Anfang an sinnlose Kampf um die Dämme: Das Autorenduo taucht tief in die Ära und in die Lokalhistorie ein.

Während die Primär-Protagonisten schwächeln, unterstützen die meist kurz und einmalig auftauchenden Nebenfiguren diese Authentizität. Die sinnlose Prohibition schürt das organisierte Verbrechen, die Flutkatastrophe schwächt den kollektiven Zusammenhalt. Das ‚Recht‘ des Stärkeren regiert, was dazu führt, dass man skrupellos bereit ist, den Damm des Nachbarn zu zerstören, um den eigenen Besitz zu retten. Solidarität ist selten, und die Autoren verstehen es, die Gründe zu vermitteln. Wer sein Leben retten kann, ist meist trotzdem am Ende, denn sein Hab und Gut wird ihm niemand ersetzen. Das reißt mit und verdient die üppige Wortgewalt, während die belanglose Liebesgeschichte nicht mithält.

Ted und Dixie Clay kommen (erwartungsgemäß und erneut kein Spoiler) mit Baby Willy davon. Was sich nie mit der dramatischen Hintergrund-Realität verbinden wollte, wird endgültig zum Märchen mit Happy-End. Zwar wurde Das Meer von Mississippi (noch) nicht verfilmt, doch Fennelly & Franklin aktualisierten ihre Story - die nun vom Schicksal einiger Bewohner der Stadt New Orleans nach dem Hurrikan „Katrina“ erzählt - zwischen 2010 und 2013 in den vier Staffeln = 38 Episoden der TV-Serie Treme.

Fazit

Vor gut recherchiertem historischem Hintergrund läuft eine nie wirklich zueinanderfindende Mischung aus Liebesgeschichte und Krimi ab. Flache Figuren stürzen sich in die Fluten bzw. jedes mögliche Klischee, bis die Sonne durchbricht = das Gute siegt: Diese überraschungsarm ablaufende Story verdient den erzählerischen Aufwand nicht.

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