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Almut Oetjen
Der Gejagte

Buch-Rezension von Almut Oetjen Apr 2020

Dhananjaya „Danny“ Rajaratnam, ein Tamile aus Sri Lanka, ist vor vier Jahren mit einem Studentenvisum nach Sydney geflogen, um den Status eines Flüchtlings zu beantragen. Die Immigrationsbehörde hat umgehend abgelehnt. Vier Wochen nach Abbruch des Studiums an der teuren und windigen Universität ist sein Visum automatisch erloschen. Seitdem ist er ein Illegaler.

Danny lebt mit zwei Plüschpandas im Lagerraum über einem Lebensmittelladen, räumt für den griechischstämmigen Besitzer Tommo Tsavdarisis Regale ein, und arbeitet als Cleaner in Privathaushalten, saugt Böden und schrubbt Toiletten gegen Bargeld, das er mit Tsavdarisis teilen muss.

Er bemüht sich, eine neue Identität als Australier aufzubauen, trainiert sich mit Hilfe seiner Freundin Sonja, einer Krankenschwester aus Vietnam, seinen verräterischen Akzent ab, imitiert Haltung und Ausdruck der Australier, lässt sich goldene Highlights ins Haar färben.

Beinahe ist er in Australien angekommen. Aber nur beinahe, denn ohne Pass und Steuernummer kann er sein veraltetes und bald unnützes G2-Handy nicht durch ein G3-fähiges ersetzen, er kann keinen Führerschein beantragen, hat keinen Anspruch auf medizinische oder polizeiliche Hilfe. Es ist ein Leben in ständiger Angst. Denn wenn er auffliegt, wird er in das wegen der hohen Suizidrate berüchtigte Abschiebegefängnis von Villawood gesperrt und deportiert.

Eines Tages wird seine ehemalige Kundin Radha Thomas ermordet aufgefunden. Die Ehefrau eines Maklers wurde erstochen und in einem Fluss versenkt. Bald glaubt Danny, dass sein früherer Kunde Prakash der Mörder ist. Radha hatte mit Prakash, einem Spieler, Ex-Soldaten und Bergarbeiter, eine wilde Affäre. Danny vermutet, dass Radha ihrem Lover alles über ihn erzählt hat. Das würde ihn erpressbar machen. Er steht vor einem Dilemma. Wenn er der Behörde von Prakash erzählt, verrät er auch sich selbst.

Die schwarze Linie

Das Leben des Protagonisten verläuft in einigermaßen normalen Bahnen, bis es durch ein plötzliches Ereignis in Frage gestellt wird. Der Konflikt wird nachvollziehbar gestaltet. Der Mord an Radha betrifft Danny in besonderer Weise, weil sie seine einzige Vertraute war. Nur ihr hat er erzählt, dass er ein Illegaler ist. Das ist der Auslöser für Dannys weiteres Handeln und treibt die Geschichte voran.  Danny hat einen einzigen Tag Zeit, um die Wahrheit aufzudecken und eine Antwort auf die Frage zu finden, ob ein Mann ohne Rechte in dieser Welt auch von seiner Verantwortung befreit ist.

Auf der Suche nach Antworten begleitet der Leser ihn kreuz und quer durch Sydney, nach Erskineville, Glebe, ins Rotlicht-Viertel Kings Cross, Potts Point, in den Hyde Park mit der Kanone der „Emden“. Alle Berührungspunkte Dannys an diesem einzigen Tag, der morgens um 8 Uhr 46 beginnt und abends um 19 Uhr zwei endet, werden nachvollzogen. Mehr noch als die Orte wirken die Mitmenschen auf ihn, denen er mit Skepsis begegnet. Denn er schwebt in permanenter Gefahr, als Illegaler erkannt und bei der dob-in Telefonnummer verpfiffen zu werden, absurderweise weniger von den Weißen, für die er „unsichtbar“ ist, als von den Menschen mit brauner Hautfarbe und legalem Status.

Die zweite Gefahr droht ihm von Prakash, dem möglichen Mörder, der ihn mit Telefonaten bombardiert und ihn treffen will. Einer der Höhepunkte ist die von unterschwelliger Gewalt und animalischem Überlebenstrieb beherrschte Konfrontation zwischen den beiden Männern.

Rückblenden unterbrechen die Gegenwartserzählung

Doch wie in „The White Tiger“ oder „Last Man in Tower“ ist auch in „Amnesty“ das zentrale Thema die Konfrontation des Protagonisten mit sich selbst. An diesem Tag kann er herausfinden, ob er wirklich seinem Selbstbild als der ehrliche, tapfere, intelligente Danny entspricht und den Mut hat, das Undenkbare zu tun - die Überquerung der schwarzen Linie.

Unterbrochen wird die Gegenwartserzählung durch Rückblenden in die Vergangenheit, Dannys Leben in seinem Heimatort Batticaloa in Sri Lanka, als er noch an Meerjungfrauen glaubt, den schrecklichen Vater mit dem Rohrstock, das erbärmliche Jahr in einem Hotel in Dubai, seine Ankunft in Australien, der Traum von einer Zukunft, der zerschellt wie Chennai unter den Kanonen der Emden, die kurze Zeit am Mackenzie College, die absurde Begründung für die Abweisung seines Antrags auf eine Änderung seines Status, die vier Jahre als Illegaler.

Der Leser erfährt von einem verlogenen, ausbeuterischen System, bei dem Männer in Anzügen Menschen aus Schwellenländern an windige Universitäten locken, wo sie hohe Gebühren zahlen und unter dem Mindestlohn schuften für ein vages Versprechen auf einen Abschluss und ein Visum, von australischen Farmern, die Illegale als Erntehelfer anheuern und am Saisonende bei Lohnfälligkeit die Immigrationsbehörden alarmieren, von Hotels in Dubai, die ihre Mitarbeiter um ihren Bonus betrügen, von der australischen Mittelschicht, den Juristen, Maklern, Buchhaltern, die Illegale als billige Cleaner beschäftigen, von Behörden in Sri Lanka, die willkürlich Menschen als Mitglieder der Terrorgruppe Tamil Tigers bezichtigen und foltern. 

Der Titel bezieht sich auf die in 1970er erlassene Amnestie für alle Illegalen.

Fazit:

Aravind Adiga erzählt in „Amnesty“ die düstere Geschichte eines illegalen srilankischen Immigranten in Sydney aus dessen Perspektive, seinen Weg aus der Gesellschaft und in ein kompliziertes Kontrollsystem, in dem er gefangen ist und dass so von Restriktionen bestimmt ist, dass die kleinste Bewegung zum Desaster führen kann. Neben dem Schicksal eines Mannes, der gegen alle Widerstände seine Würde und seine Identität zu verteidigen versucht, thematisiert Adiga ein universelles moralisches Dilemma und globale politische Probleme wie Armut, Korruption, rassistische Ressentiments, krasse Ausbeutung.

Inspiriert und mit starken Metaphern geschrieben, einfühlsam gegenüber den Figuren und ihrer Würde, aber mit knallharten Fakten und klarer, eindeutiger Aussage.

Amnesty

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