WATCH – Glaub nicht alles, was du siehst

Erschienen: Januar 2021

Couch-Wertung:

65°
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Sabine Bongenberg
Solide Unterhaltung – mit ein paar Kratzern im Lack

Buch-Rezension von Sabine Bongenberg Aug 2021

Dem Netzwerk der Europäischen Polizei Europol ist es gelungen, ein grandioses Werkzeug zur Verbrechensbekämpfung zu entwickeln: Das System „Watch“ fasst die weltweit laufenden Kameraüberwachungen zusammen und dank der Kombination mit einem Gesichtserkennungs-System ist es nun möglich, die Aktivitäten der weltweit agierenden Verbrecherclans lückenlos zu überwachen. Solange diese nicht mitten im Wald fernab jeglicher Technik und Kamera unterwegs sind, versteht sich.

Mit Hilfe von „Watch“ soll es jetzt insbesondere den kriminellen Großfamilien an den Kragen gehen. Dazu gehört zum Beispiel der Clan der Taffas, der durch seine Verbrechen reich geworden ist, mittlerweile skrupellos europaweit agiert und offensichtlich einen großen Schlag in London vorbereitet. Dennoch ist auch ein solches neues System nicht hundertprozentig fehlerfrei: Manchmal fehlen ein paar Minuten der Aufzeichnungen und auch die Mitglieder der überwachten Familie verhalten sich auffällig eigenartig. Das gilt insbesondere für Alia Taffa, die obwohl frisch verheiratet, offensichtlich mit ihrem Leibwächter zu flirten scheint. Ein regelrecht befremdliches Verhalten für eine Muslima aus einer prominenten Familie…

Verbrecherjagd auf einem neuen Level

Für die Gegner des Überwachungsstaates ist es ein wahr gewordener Albtraum: Durch eine Vernetzung werden europaweit sämtliche Überwachungsbilder in einem großen Kanal gesammelt und die Polizei sitzt entspannt in einem Fernsehsessel und sieht sich in aller Ruhe die Aktivitäten ihrer „Kunden“ an, sammelt und speichert Material und braucht diese nur noch irgendwann abzugreifen. Was aber dem Datenschützer ein Dorn im Auge wäre, wäre möglicherweise eine enorme Hilfe für die Ordnungshüter – vorausgesetzt, dieses System würde ordnungsgemäß funktionieren und die bösen Buben und Mädchen hätten keine Ahnung davon.

Hier beginnt jedoch schon einer der Punkte, der mir an diesem grundsätzlich spannenden und actionreichen Roman nicht gefiel: Bei der Wahl der Firma, die das System installierte und aufsetzte, wurden so krude und haarsträubende Fehler gemacht, dass es offensichtlich sogar einer einzelnen Person möglich ist, sich dank eingebauter Hintertürchen ganz elegant in dieses angeblich doch so sichere und hocheffiziente System einzuklinken. Persönliche Überprüfungen haben vorher offensichtlich nicht stattgefunden und bei mir drängte sich fast der Eindruck auf, dass die Firma „umme Ecke“ die Installation übernahm und dann auch ganz klar ist, dass da ab und zu mal ein wenig gemogelt wird.

Immerhin – spannend erzählt ist die Geschichte der Journalistin Tina, die sich in Köln mit „Action-Journalismus“ durchschlagen muss und dabei mit Kollegen die „anschaulichsten“ Fotos von Unfallopfern präsentiert. Natürlich kann sie aber in diesem Job nicht sonderlich punkten, denn es ist ja schon lange nicht mehr das Privileg der Presse möglichst schreckliche und intime Momente zu fotografieren, das kann der interessierte Handybesitzer ja im DIY selbst erledigen. Und so freut sie sich zunächst über das Angebot eines schon etwas gruseligen Zeitgenossen, ein paar Tage in London zu verbringen, da ein bisschen zu shoppen, viel Geld auszugeben und ansonsten den Mund und den Ball flach zu halten.

Ob jemand mit einem akademischen Abschluss und dem damit verbundenen höchsten Schulabschluss in Deutschland, der zumindest eine gewisse Grundintelligenz voraussetzen sollte, sich auf so eine Geschichte einlassen würde, bleibt immerhin noch zu erfragen, aber wenn schon Europol seine Überwachungssysteme vom Hausmeister aufstellen lässt, so muss auch das sicherlich nicht überraschen.

Trotz dieser Ungereimtheiten ist Michael Meisheit mit „Watch“ ein solider Unterhaltungsroman gelungen, wenn mich die Handlung und deren Wahrscheinlichkeit doch auch gelegentlich an die Helden der RTL-Serien erinnerten: Auf den ersten Blick sind alle sympathisch, eine richtige Tiefe hat aber keiner von ihnen. Dazu kommen dann auch noch ein paar Eigenheiten, die mich beim Lesen noch einmal besonders aus dem Tritt brachten: So zum Beispiel, wie ein Top-Ermittler, der jeden Abend um die zwei Flaschen Wein wegknallt, noch seiner Arbeit nachgehen will und sich selbst bei der heftigsten Verbrecherjagd noch ein paar Gläser Rotwein gönnt und darüber sinniert, dass in diesem Umfeld doch eine erfreuliche Qualität geboten wird. Hier fragte ich mich manchmal, ob der Autor schon auf die Verfilmung und auf die entsprechende Produktplatzierung schielt. Befremdlich auch einige Eigenschaften seiner Heldin, die – nachdem ihr eine alte Freundin unerwartet und hilfreich zur Seite sprang – nichts Besseres zu tun hat, als in deren Abwesenheit erst einmal in Ruhe die Wohnung zu durchsuchen und das so zu verkaufen, als ob das unter Freundinnen gang und gäbe sei.

Aber beschränkt auf das Hauptgeschäft – nämlich auf die Jagd nach den bösen Buben und Mädels vermag der Roman durchaus zu fesseln und die Idee der Überwachung kannte ich bisher auch nicht.

Fazit:

“The Watch – Glaub nicht alles, was du siehst“ punktet mit Action und Tempo und manchmal lehnt halt die Logik schwer atmend an der Ecke und kann nicht ganz mithalten. Dennoch – eine solide Urlaubslektüre wird mit diesem Roman alle male geboten und wer das Thema „Datenschutz“ entspannt und ein paar Fragen der Logik noch entspannter sieht, fühlt sich hier auf jeden Fall gut aufgehoben.
 

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