Die Wildgänse kommen

Erschienen: Januar 1978

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen unter dem Titel „The Wild Geese“
- London : Heineman 1977
- München : Heyne Verlag 1978. Übersetzung: Leni Sobez. ISBN-13: 978-3-453-00917-2. 253 Seiten

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Michael Drewniok
Alte, müde, mörderische Hunde des Krieges

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mär 2020

1970 ist Afrika ein Kontinent in Aufruhr. Nachdem die alten Kolonialmächte vertrieben wurden, kämpfen lokale Warlords und Militärs um die Macht. Kräftig angeheizt werden die blutigen Konflikte von westlichen und östlichen Geheimdiensten, die den Einfluss von Politikern, Geschäftsleuten und Banken sichern wollen: Afrika ist reich an Bodenschätzen, die man weiterhin möglichst kostengünstig ausbeuten will.

Es sind goldene Zeiten für Söldner, die für Geld kämpfen und sich um die Motive ihrer Auftraggeber nicht scheren. Zu diesen Lohnkriegern gehört Ex-Colonel Faulkner, ein Brite, der zu den Großen seiner Zunft zählt. Zuletzt war Faulkner allerdings vom Pech verfolgt, weshalb er verzweifelt genug ist, einen heiklen Auftrag zu übernehmen: Um im Kongo die Herrschaft des im Westen in Ungnade gefallenen Diktator-Generals Ndofa zu brechen, soll er den ehemaligen Präsidenten Julius Limbani befreien, der sich an die Spitze kongolesischer Freiheitskämpfer setzen soll.

Limbani befindet sich in algerischer Gefangenschaft, wird aber nun an Ndofa ausgeliefert, der ihn sofort hinrichten will. Mit 50 Söldnern soll Faulkner ihm einen Strich durch diese Rechnung machen. Er heuert alte Kampfgefährten an, die sämtlich Spezialisten im Kämpfen und Töten sind. Die Befreiung Limbanis gelingt, aber dann wird der der minuziös geplante Drei-Stunden-Einsatz zum Himmelsfahrtkommando. Ndufas Schergen sind überall, und Faulkners Truppe ist entbehrlich - aber nicht gewillt aufzugeben …

Für alles gibt es Fachleute

Wenn man es sich leisten kann, heuert man Söldner an, doch niemand mag sie, die ihr Leben nicht für hehre Ideale, sondern ausschließlich für Geld riskieren. Opfermut darf man von ihnen nicht erwarten, sondern muss stattdessen hoffen, dass der Gegner nicht mehr Lohn bietet, weil besagte Söldner womöglich überlaufen. Krieg ist aber auch ein blutiges Handwerk, weshalb man einschlägig begabte Spezialisten benötigt, die diesen Job beherrschen. Man mietet und bezahlt sie  - und verschweigt ihren Einsatz, denn Söldner gehen rücksichtsloser als völkerrechtlich eingebundene Armeen vor. Sie scheren sich nicht um Gesetze oder Menschenrechte, weshalb ihre Blutgeld-Forderungen hoch ausfallen: Kranken- oder rentenversichert sind sie nicht.

Autor Daniel Carney schildert Faulkner und seine Kerntruppe nicht als rauflustige Kampfhähne, die das raue Abenteuer lieben. Stattdessen ziehen alternde Männer, die finanziell am Ende sind, noch einmal in den Krieg, weil sie es müssen und nichts anderes können. Carney nimmt sich die Zeit, seinen Söldnern Biografien zu geben. Es sind deprimierende Beispiele für privates Scheitern. Keine Frau konnten sie halten, der Kontakt zu den Kindern ist abgebrochen. Sie sind wurzellos, unglücklich - und umso gefährlicher, weil sie nichts mehr zu verlieren haben.

Afrika ist für Männer wie Faulkner & Co. in den 1970er Jahren der ideale Arbeitsplatz. Man kommt einander nicht ins Gehege, denn es ist Platz genug für alle. Nachdem europäische Mächte Afrika über Jahrhunderte besetzt und ausgebeutet hatten, waren die Kolonien nach und nach selbstständig geworden. Portugal kämpft noch erbittert um Angola und Mosambik, als Faulkner mit seiner Horde in den Kongo einfällt. Die Briten gehen taktischer vor. Ihre Kolonien sind offiziell verloren, doch politische und ökonomische Interessen lassen sich steuern, wenn man die neuen Machthaber kauft oder beseitigt.

Kein Ort für Idealisten

Anders als der Film, den der zuverlässige, aber nie einfallsreiche Hollywood-Routinier Andrew V. McLaglen 1978 drehte, legt Carney den Fokus nicht nur auf Action und Gewalt. Leider singt auch er das offenbar unverzichtbare Hohelied der bedingungslosen Kameradschaft, und er spart nicht jenen Militär-Humor aus, der sich gern dort breitmacht, wo Jungs gedrillt, geschliffen und beschossen werden. Das Frauenbild ist zeitgenössisch, doch der Autor lässt die harten Männer in der Liebe ohnehin kläglich scheitern, da sie die Regeln der Zweisamkeit nie gelernt haben. Es geht dabei recht melodramatisch zu, weshalb es gut ist, dass sich diese Passagen überspringen lassen, ohne den Handlungsfaden zu verlieren.

Carneys Blick auf Afrika ist ambivalent: Dort haben Glücksritter, Geschäftemacher und Geheimdienstler das Sagen. Idealisten wie Limbani stehen auf verlorenem Posten. Unbeholfen lässt Carney den Freiheitskämpfer Limbani mit dem Söldner Goetze diskutieren. Wenn ihnen gerade keine Kugeln um die Ohren zischen, streiten sie über weiße und schwarze Fehler, die in Afrika begangen wurden, zählen Gründe auf - und kommen doch nicht zueinander. Aus heutiger Sicht weist Carneys Argumentation deutliche Schwächen auf; vor allem um die Apartheit drückt sich der 1944 in Afrika geborene, dort aufgewachsene und schon 1987 gestorbene Autor lieber. Für einen Söldner-Thriller überrascht die Ernsthaftigkeit trotzdem – auch dann, wenn man „Die Wildgänse kommen“ mit einem der modernen Nahost-Thriller vergleicht, in denen tapfere US-Helden vertierte Terroristen unter dem Jubel ihres intellektuell niederfrequenten Publikums wie Fliegen auslöschen.

Freilich lassen auch die Wildgänse im Bedarfsfall wenig Zurückhaltung walten; da werden hunderte ahnungslos in ihren Kasernenkojen schlafende Soldaten mit Giftgas umgebracht. Nichtsdestotrotz gelingt Carney das unerwartete Kunststück der Differenzierung. Faulkner ist ein Ehrenmann, aber auch ein Soziopath, den einmal der beste Freund mit Waffengewalt davon abhalten muss, einen lukrativen Bürgerkrieg zu entfachen. Wenig Rücksicht wird auf die einheimische Bevölkerung genommen, die Carney jedoch keineswegs außen vor lässt: Sie dringt zu Faulkner vor und macht ihm deutlich, dass sie es sein wird, die Ndofas Rache erwarten muss.

Entschlackt für das Kino

Zwar entstand der Film „Die Wildgänse kommen“ 1978 und damit nur ein Jahr nach dem Erscheinen des Romans. Dennoch handelt es sich hier nicht um ein „tie-in“, d. h. um einen das Filmgeschehen beschreibenden Roman, sondern um ein unabhängiges Werk. Vom Film weicht das Geschehen zum Teil erheblich ab; so fehlt ein Epilog, in dem Faulkner - der im Roman nicht überlebt - einen Verrat rächt, der sich im Buch nicht ereignet. Anders als Carney legen Drehbuchautor Reginald Rose und Regisseur McLaglen den Fokus auf die Kampfszenen; sie waren dabei im Einklang mit dem profitorientierten Produzenten Erwin C. Dietrich, der kein Interesse an ‚akademischen‘ Abschweifungen hatte.

In den Hauptrollen mussten Schauspieler wie Richard Burton, Richard Harris, Roger Moore oder Hardy Krüger ihr Talent kaum anzapfen, sondern mit Blick auf das Honorar die harten Dreharbeiten überstehen. Als 1985 ein weiterer „Wildgänse“-Streifen - ebenfalls nach einer Vorlage von Carney - anstand, war Burton tot, während die übrigen Darsteller klug abwinkten: „Wildgänse II - Sie fliegen wieder“ war unappetitlicher Trash, der sich um die Befreiung des Nazi-Verbrechers Rudolf Hess aus dem Gefängnis Spandau drehte.

Anmerkung: „Wildgänse“ nannten sich jene irischen Soldaten, die 1691 vor der Unterdrückung durch die siegreichen Engländer nach Europa flohen und in die Armeen zahlreicher Länder eintraten.

Fazit:

Zwar oft bemüht und nicht immer überzeugend, aber im Rahmen eines im Söldner-Milieu spielenden Action-Thrillers überraschend deutlich geht Autor Carney nicht nur auf die zeitgenössischen Miseren Afrikas ein, sondern zeichnet echte Figuren, statt grenzdebile Killer-Raufbolde von der Kette zu lassen: sicher kein Meisterwerk, aber - unabhängig von der wesentlich grobschlächtigeren Verfilmung - unerwartet lesenswert.

Die Wildgänse kommen

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Letzte Kommentare:
17.04.2020 18:28:08
Peter Schmidt

Gut geschriebenes Buch, welches die Entführung von Moïse Tschombé,1967, und die vermutliche Befreiung , zum vorbild hat. Wie H. Drewniok schreibt, sind Buch und Film nicht identisch. Und das ist auch gut so. Der Film war zu seiner Zeit super, das Buch finde ich auch heute noch gut lesbar. leider ist die Schrift in der Ausgabe von 1978 sehr klein!!