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Almut Oetjen
1960er, CIA, LSD und die Revolte

Buch-Rezension von Almut Oetjen Mär 2020

Im Jahr 1960 heißt Jay Dark noch Jaroslav Darenski. Er ist 20  Jahre, auf den Straßen von Williamsburg aufgewachsen, und lebt von Einbruchdiebstählen. Zufällig stellt er fest, dass er mühelos Fremdsprachen erlernen kann. Bei einem Einbruch wird er erwischt. Um nicht im Knast zu laden, spielt er den Unzurechnungsfähigen.

Er kommt ins Bellevue Hospital, wo er freiwillig an Drogenexperimenten der CIA teilnimmt. Als er nicht auf das LSD reagiert, kommt er zu Doktor Harry Kirk alias Heinrich von Kircher. In Nazideutschland machte der brillante Psychiater Experimente im Bereich der Bewusstseinskontrolle. Nun arbeitet er für den US-Geheimdienst.

Kirk, der an keine Ideologie glaubt, hat eine Theorie des Chaos entwickelt. Sie soll das Überleben der Menschheit garantieren. Er weiht Jaroslav darin ein und macht aus ihm den Geheimagenten Jay Dark.

Jay Dark soll die rebellische Jugend in den USA, Frankreich, Großbritannien und Italien mit Heroin überschwemmen. Die CIA erhofft sich davon eine Selbstzerstörung der Protestbewegung. Kirk sieht es als Feldexperiment seiner Chaos-Theorie.

…und wie ein Autor heute gefesselt wird

Der Roman ist unterteilt in zwei Zeitebenen und 17 Episoden, die alternierend angeordnet sind. In jeder Zeitebene wird eine andere Geschichte erzählt, die von Jay Dark in den 60er Jahren und die eines verunsicherten Schriftstellers in der Gegenwart.

Der namenlose, mäßig erfolgreiche Schriftsteller aus Rom hat einen Roman über eine reale Person geschrieben. In „Blue Moon“ geht es um einen Polizisten, der entdeckt, dass hinter der Verbreitung des Heroins ein Spion steckt, der geheimnisvolle Großdealer J.D.

Das Buch stützt sich auf einige wenige Fakten, denn offiziell weiß man kaum etwas über Jay Dark, über seine Herkunft und sein abenteuerliches Leben, um das sich Legenden und Gerüchte ranken. Die seriöseren Dokumente sind mit Vorsicht zu genießen. Bekannt ist nur, dass irgendwann ein Mann mit einem Koffer voll Drogen in Italien verhaftet wurde.

Man fand bei ihm Telefonnummern von Personen aus Politik, Geheimdienst und Freimaurern. Er war Amerikaner, sprach elf Sprachen und hieß Jay Dark. Die DEA hielt ihn für den größten Drogendealer, der Untersuchungsrichter für einen Terroristen. Wegen seiner Verbindung zu einem verbündeten Geheimdienst kam er frei. Er verschwand, angeblich ist er tot.

Ein paar Tage nach Erscheinen der englischen Ausgabe erhält der Schriftsteller eine Mail von einer Anwaltskanzlei aus Los Angeles. Anwalt Alwyn Flint vertritt die Interessen von Jay Dark, dem Vorbild von J.D. Es kommt zu mehreren Treffen in Rom. Flint übt Kritik an „Blue Moon“: zu sentimental, seelenlos, vor allem fehlt ihm das wichtigste Element, das Chaos. Flint, der angeblich dabei war und Jay Dark kennt, erzählt dem Schriftsteller die wahre Geschichte von Jay Dark, der darüber ein Buch schreiben soll. Die Treffen werden in der Ich-Form von dem Schriftsteller erzählt.

Der Schriftsteller hört sich die Geschichte an

Trotz seiner Zweifel an der Glaubwürdigkeit Flints hört sich der Schriftsteller die Geschichte an. Seine zwischenzeitlichen Recherchen scheinen Flints Geschichte zu bestätigen.

Doch je mehr er über Jay Dark erfährt, desto stärker wird sein Widerwille. Jay Dark war nicht nur Großdealer, Spion, Agent provocateur, Ziehsohn eines Psychiaters, der unter den Nazis arbeitete, er wurde auch zum Verräter und Mörder an den eigenen Freunden. Für ihn ist Jay ein Arschloch und pathologischer Lügner.

Kann man einen skrupellosen Verbrecher zum Protagonisten eines Buchs machen? Nein, behauptet er. Doch! setzt der Anwalt dagegen. Und darum geht es in der zweiten Geschichte. Der Anwalt wirft dem Schriftsteller Feigheit vor, Angst vor den Verfechtern der Political Correctness, den Anfeindungen der Moralisten.

De Cataldo schreibt in den Gegenwartsepisoden über einen Schriftsteller, der über das Schreiben schreibt und über die Rezeption, darüber, ob ein Krimi Literatur ist, über Anfeindungen und Missverständnisse von Personen, die ihm Heldenverehrung von Kriminellen vorwerfen oder ihn beschuldigen, zu Verbrechen anzustiften. Er stellt die Frage nach der moralischen Verantwortung eines Autors, wie viel Vorwürfe ein Autor ertragen kann und ob es nicht besser ist, sich das Leben zu vereinfachen.

Autor schreibt gegen den Mainstream an

De Cataldo will dem Mainstream nicht folgen. Es gibt keine Identifikationsfiguren, keine dramaturgischen Raffinessen, keinen Spannungsaufbau, keine moralische Positionierung, kein Gut-Böse-Schema, stattdessen eine Abfolge von Handlungselementen, einen Protagonisten, der an keine Ideologie glaubt und nur seinem eigenen Überlebensinstinkt folgt, seinem individuellen Nutzenkalkül, und einen verunsicherten Schriftsteller, der nur zwei Optionen sieht: Unterwerfung oder Freiheit - und damit in gewisser Weise auch Vogelfreiheit.

Er gesteht, sich nicht mehr gegen die Missverständnisse und Feindseligkeiten wehren zu können und bedauert, nicht dem Rat seines Verlegers gefolgt zu sein. Der hatte ihm gesagt, wie man einen Krimi schreibt. Das Kochrezept findet sich auf Seite 215. Es klingt zynisch und pragmatisch zugleich.

Jay Darks Geschichte ist ein Parforceritt durch die 60er, erzählt von der Protestbewegung gegen den Vietnamkrieg, Studentenrevolten, Blumenkinder, Charles Manson, Black Panther, die Weathermen, Andy Warhol, Bob Dylan, Joan Baez, Jerry Rubin. Die Geschichte des Schriftstellers ist eine Bestandsaufnahme der aktuellen Misere eines Autors, die zusammengefasst lautet: Adapt or Die. In Flints Erzählung finden sich Hinweise darauf, dass er selbst Jay Dark sein könnte. Der Schriftsteller wiederum weist Parallelen zu De Cataldo auf.

Der Roman basiert auf tatsächlichen Ereignissen, auf den Drogenexperimenten der CIA in den frühen sechziger Jahren und Drogenhandel als politisches Instrument.  

Fazit:

Ein bitterböser Roman eines mutigen Autors, dezidiert gegen den Mainstream geschrieben, vor dem Hintergrund der Protestbewegung der 60er Jahre, kontrastiv abgesetzt gegen heutige Political Correctness. Für Krimifans eher ungeeignet, da es nicht auf Lesespaß abstellt und eben gegen den Mainstream geschrieben ist. 

Der Agent des Chaos

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