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Almut Oetjen
Konflikte im verständigungsarmen Raum

Buch-Rezension von Almut Oetjen Jan 2020

Mit einer Blechbox im Kofferraum fährt Nina von Wien in ihr Heimatdorf, das sie zwölf Jahre zuvor in einer Fluchtbewegung verlassen hatte. Sie behauptet, in Wien ein gutes Leben zu führen, zu funktionieren. Ihr, wie sie es nennt, „sicheres Nest“ verlässt sie auf der Suche nach einem Teil von sich. Nach ihrer Ankunft erzeugt allein ihre Gegenwart schon Unruhe. Sie wohnt bei ihren Eltern und trifft sich mit Freunden aus ihrer Jugendzeit. Unter dem Bett versteckt sie die Blechbox, die einen für sie wichtigen Gegenstand enthält. Im Kopf hat sie einen vorbereiteten Plan, den sie effizient durchführen will.

„Manchmal stelle ich mir vor, wie es wohl wäre. Jemanden umzubringen, meine ich. Ich weiß, wen ich umbringen würde. Ich weiß es ganz genau.“

Das Herzstück der Geschichte ist ein aus zwei Jungen und zwei Mädchen bestehendes Kleeblatt auf dem Weg durch die Jugend und in die Erwachsenenzeit: zwei Brüder, Dominik und Tobias, und zwei beste Freundinnen, Nina und Mel(anie), verbunden durch Nachbarschaft und Schule, Sex und Liebe, Begehren und Angst, Vertrauen, Lügen und Verrat, die die Gruppe treibenden Konflikte. Es beginnt damit, dass Dominik etwas mit Mel anfängt, Tobias Nina begehrt (seit er 13 war), Nina Dominik nicht begehrt, aber Probleme damit hat, dass Dominik ihr Mel vorzieht. Es endet in einer Katastrophe, die Nina veranlasst, nach Wien zu ziehen.

Die Romanstruktur ist durch drei Erzählstränge und drei Erzählinstanzen bestimmt. Nina und Tobias erzählen in der Ich-Form, Dominik und Melanie haben keine eigene Stimme. Der dritte Ich-Erzähler ist Ninas Vater Gregor. Die Gegenwartshandlung spielt im April und Oktober 2019. Die Rückblicke in die Vergangenheit umfassen wenige Momente aus 1992-1999 sowie die Jahre 2004-2007. Die 1990er Jahre und die frühen 2000er beschreiben, wie die Protagonisten wurden, was sie heute sind.

Eine folgenreiche Begegnung im April 2019

Der Auslöser für die Ereignisse in der Gegenwart besteht aus zwei Handlungen, die nur kurze Zeit auseinanderliegen. Die primäre Ursache ist eine Begegnung im April 2019, in deren Folge Nina den Plan entwickelt, der sie in ihren Heimatort zurückführt.

Mit Ninas Rückkehr im Oktober 2019 ist auch gleich der Ort bestimmt, an dem der Konflikt in Form einer Konfrontation mit tödlichem Ergebnis ausgetragen werden soll. Etwas hat sich vor zwölf Jahren an diesem Ort zugetragen. Dieses Ereignis definierte die Charaktere psychologisch. Im Zentrum der Konfliktlösung befinden sich Nina, Mel und Tobias, die aus dem gleichen Geschehen heraus ein schweres Trauma erlitten haben, das nicht archiviert, geschweige denn bewältigt worden ist.

Komplikationen ergeben sich, weil es sich mit den Dingen nicht so einfach verhält, wie Nina denkt. Die Offenlegung dessen, worüber zwölf lange Jahre geschwiegen wurde, die sich darin äußernde abweichende Sichtweise auf die zurückliegenden Geschehnisse, führt dazu, dass sich eine latente Krise langsam entfaltet, bis es zu einer überraschenden Auflösung kommt.

Solange niemand weiß, was Nina eigentlich will, kontrolliert sie die Ereignisse. Als den anderen deutlich wird, worum es ihr geht, entgleitet ihr die Kontrolle und beginnt sich zwischen den Figuren zu verschieben. Diese Verschiebung ergibt sich daraus, dass die Backstory inhaltlich verdichtet und perspektivisch komplizierter wird.

Jahrelanges Schweigen führt zu Einsamkeit und Verzweiflung

Nina sieht die Umsetzung ihres Plans als rein mechanischen Akt. Innerhalb eines sich selbst vorgegebenen Zeitfensters will sie ihr Vorhaben einer bestimmten Logik folgend verwirklichen. Die psychischen Probleme, die emotionalen Beziehungen, die Offenbarung der Dinge, über die die Figuren geschwiegen haben, stehen der von Nina angestrebten mechanischen Umsetzung des Plans als sinnliche Störgrößen entgegen. Die Wahrheit erweist sich als abhängig vom Stand des Wissens, von dessen Interpretation und vom Wollen der Akteure. Die Offenlegung dessen, worüber zwölf Jahre geschwiegen wurde, der damalige Abbruch jeglicher Kommunikation, führten zu Einsamkeit und Verzweiflung.

Während Ninas Aufenthalt im Dorf verfolgen wir Nina, Tobias und Gregor in Gesprächen, Gedanken und Erinnerungen, jeweils in der Ich-Form dargeboten, weshalb auch die Gespräche immer aus Sicht einer Figur wiedergegeben werden. Bedenkt man die Traumatisierungen und die Bindung der Dialoge an persönliche Wahrnehmungen, ist die Wahrheit des Erzählten in letzter Konsequenz nicht überprüfbar. Die Subjektivierung der Geschehnisse durch die erzählenden Figuren führt gelegentlich zu Widersprüchen, häufiger zu unterschiedlichen Einschätzungen.

Ninas Perspektive lässt sich auch lesen als stark subjektiv gefärbter Bericht der Umsetzung eines Plans vor den Augen der Leserschaft, einschließlich Beobachtungen und Bewertungen.

Hinzu kommt eine Erweiterung um zwei Ich-Perspektiven, die, neben anderen Dingen, eine andere Sicht auf die Ereignisse erlauben. Gewissermaßen in Bewegung und zum Leben kommt die ganze Geschichte durch Nina, die beiden anderen Perspektiven gäbe es ohne ihren Bericht nicht. Deshalb bildet Nina das Zentrum der Handlung und der Erzählung, trotz dreier vordergründig gleichwertiger Ich-Perspektiven.

Gregor hat mit seinen eigenen Problemen in einer Erwachsenenwelt zu tun, die in Details die Situation der Jugendlichen spiegelt. Außerdem erhalten wir durch seine Ausführungen Informationen, die zum besseren Verständnis mancher Zusammenhänge beitragen.

Sprachlich ähneln sich die drei Erzähler. Distanziert im Ton, dadurch weniger emotional wirkend, zeigt die Geschichte Menschen, die Grenzen gewöhnlichen Verhaltens überschreiten. Gegen die Form abgesetzt ist die Leidenschaft im Handeln. Die Charaktere, die auf je eigene Weise in dysfunktionalen Familien leben, werden weniger durch das Ereignis traumatisiert als durch ihre Emotionen.

Fazit:

„Worüber wir schweigen“ erzählt die alltägliche wie komplizierte Geschichte der Beziehung von vier Jugendlichen in einem Dorf bei Wien. Die Dynamik innerhalb der Gruppe führt auf Probleme, die in eine Katastrophe münden. Jede Leserin dürfte einen eigenen Zugang zu den Figuren entwickeln. Es besteht die Möglichkeit, dass insbesondere Nina (sehr) negativ beurteilt wird.

Worüber wir schweigen

Worüber wir schweigen

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