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Thomas Gisbertz
Wenn das Leben die Fiktion einholt

Buch-Rezension von Thomas Gisbertz Jun 2020

Antilopen-Herden in Südafrika und Fledermaus-Kolonien auf der Schwäbischen Alb: Weltweit verenden innerhalb kurzer Zeit große Tier-Populationen, ganze Arten sterben in erschreckendem Tempo aus. Experten schlagen Alarm, denn das mysteriöse Massensterben scheint vor keiner Spezies Halt zu machen. Der junge Pharmareferent Fabian Nowack stößt auf Hinweise, dass selbst der Fortbestand der Menschheit unmittelbar bedroht ist. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, an dessen Ende unsere Erde nie wieder so sein wird wie zuvor.

Unheimliches Massensterben

Fabian Nowack ist geschockt, als er von seinem Arzt erfährt, dass er an einer seltenen Form von Progerie erkrankt ist. Hinzu kommt, dass seine Erkrankung einen ungewöhnlich schnellen Verlauf nimmt. Hoffnung macht ihm die Teilnahme an einem Forschungsprojekt des Robert-Koch-Instituts in Zusammenarbeit mit dem Pharmaunternehmen Artinova, welches ein Gen-Therapeutikum zur Heilung entdeckt zu haben glaubt. Nowacks Erkrankung ist aber kein Einzelfall: Mehr und mehr Menschen scheinen sich infiziert zu haben. Nicht nur in der Tierwelt setzt ein unerklärliches Massensterben ein.

Techno-Thriller-Autor

Der 1971 in Rumänien geborene Autor arbeitete zunächst an der Deutschen Terminbörse, bevor er mehrere Jahre lang im Pharma-Außendienst tätig war. Seit 2010 ist Laub selbstständig. 2013 erschien sein Debüt „Blow out“. Der Science-Thriller entwickelte sich zu einem Überraschungserfolg. Der Science-Thriller „Sturm“ erschien 2018 im Heyne-Verlag. Nun ist sein neuer Thriller „Leben“ erschienen. Aktuell schreibt Laub bereits am nächsten Roman, der ebenfalls bei Heyne erscheinen wird - voraussichtlich Herbst/Winter 2021.

Wenn Fiktion Wirklichkeit wird

Es gibt - leider muss man sagen - keinen passenderen Zeitpunkt für das Erscheinen des neuen Thrillers von Uwe Laub. Der Roman erinnert in vielerlei Passagen und Aussagen an die seit Monaten andauernde weltweite Corona-Krise. Anfang 2020 hätte man „Leben“ durchaus als Fantasy-Thriller durchgehen lassen können, der vereinzelt auch reale Bezüge hat. Nun liest sich das Buch aber vollkommen anders. Die Realität ist von der Fiktion eingeholt worden. Auch wenn es nicht um ein Virus geht (mehr wird nicht verraten), so verbreitet sich auch dieser Erreger rasend schnell und bleibt monatelang unentdeckt. Dabei ist er noch tödlicher als Covid-19 und trifft nicht nur Menschen.

Vieles, was den meisten von uns zuvor unbekannt war, gehört mittlerweile zum Alltag und spielt auch in Laubs Thriller eine zentrale Rolle: So nimmt sich zum Beispiel das Berliner Robert-Koch-Institut der Pandemie an. Einer Pandemie, die durch eine Zoonose, d.h. eine Übertragung eines Erregers vom Tier auf den Menschen, verursacht wurde. Es werden Notfall-Paragraphen und andere Maßnahmen durch die Regierung erlassen. Die Folge: Geschäfte müssen schließen, das Tragen eines Mundschutzes - der in diesem Fall aber definitiv nutzlos ist - gehört zum Alltag.

Überzogen oder wirklichkeitsnah?

Uwe Laub gelingt ein temporeicher Thriller, der nie belehrend, aber immer informierend ist. Aus verschiedenen Perspektiven thematisiert er die Frage nach dem Umgang mit und den Konsequenzen aus einer Pandemie. Nicht jedem Autor gelingt es dabei so ausgezeichnet wie Uwe Laub, die Balance zwischen Spannungsroman und guter Recherchearbeit zu halten. Zu oft verkommen Thriller dann zu „Sachbüchern“.

Dynamik erhält die Story durch den Hauptprotagonisten Fabian Nowack, dem nicht viel Zeit bleibt, ein Mittel gegen seine Erkrankung zu finden, da diese rasend schnell fortschreitet. Dabei lässt Laub immer wieder geschickt Fakten und Hintergrundwissen zu Themen wie das Artensterben oder die Zerstörung des Ökosystems einfließen, ohne dabei Spannung aus der Handlung zu nehmen. Diese zieht der Roman auch durch seinen hohen Grad an Authentizität, auch wenn es Figuren wie Philipp von Cronberg gibt, die eigentlich eher extravagant wirken, aber für die Reflexion des Romaninhalts durch den Leser eine wichtige Rolle spielen. Für den ein oder anderen mag das Ende des Thrillers vielleicht zu hollywoodesk sein. Es ändert aber nichts an der Aussagewucht des Romans.

Der Homo sapiens auf der Roten Liste

Auch der inhaltliche Aufbau des Thrillers weiß zu überzeugen. Während zunächst die schockierenden Ereignisse weltweit thematisiert werden, die mehr als deutlich machen, dass es um die Existenz der Menschheit geht, baut Laub anschließend eine Rückblende ein. Im Mittelpunkt stehen dabei die dunklen Machenschaften des Pharmaunternehmens Artinova, für das auch Nowack arbeitet. Hier geht es um Macht, Größenwahn und Geldgier. Man geht über Leichen, wenn man den eigenen Profit vergrößern kann. Geschickt schließt der Autor anschließend die Jagd nach dem rettenden Impfstoff an. Fortan überschlagen sich die Ereignisse regelrecht.

Dabei gibt es aber nicht nur zahlreiche Opfer und - wie das Pharmaunternehmen - vermeidliche Profiteure der Pandemie, sondern es gibt eine dritte Gruppe: den Club of Magyar bzw. die Von-Cronberg-Stiftung, die Projekte unterstützt und initiiert, die Nachhaltigkeit fördern und der Ausbeutung nicht-erneuerbarer Ressourcen entgegenwirken. Diese Gruppe weist zurecht die Schuld an den Missständen und dem Ungleichgewicht des Ökosystems dem Menschen zu. Gleichzeitig ist ihr Handeln von einer Radikalität beherrscht, die einerseits zwingend notwendig ist, andererseits den Leser schockiert. Über alles schwebt die Frage: Was ist der Mensch bereit zu tun, um das Gleichgewicht des Ökosystems beizubehalten und damit auch das Überleben der Menschheit zu sichern.

Fazit: 

Uwe Laub gelingt ein erschreckend realitätsnaher Thriller: packend, temporeich und beängstigend. Romane wie diese wirken lange nach, weil sie längst nicht mehr nur Romane sind. Themen wie das weltweite Artensterben und die Zerstörung des Ökosystems durch den Menschen wurden selten so gut umgesetzt wie in Uwe Laubes „Leben“ - auch weil er eine interessante Geschichte zu erzählen hat.

Leben

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