Echo des Schweigens

Erschienen: Februar 2020

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Thomas Gisbertz
Zwischen Gesetz und Moral

Buch-Rezension von Thomas Gisbertz Apr 2020

Strafverteidiger Hannes Jansen steht vor dem brisantesten Fall seiner Karriere: Er vertritt den Polizisten Maik Winkler, der wegen Mordes an einem Asylbewerber angeklagt ist. Seine Kontrahentin ist ausgerechnet die Frau, die er liebt: Rechtsmedizinerin Sophie Tauber, die ein neues rechts-medizinisches Gutachten erstellt hat, das die Unschuld von Jansens Mandant in Frage stellt. Wie viel Wahrheit verträgt die Liebe zweier Menschen, wenn sie sich auf unterschiedlichen Seiten von Recht und Gerechtigkeit wiederfinden?

Chance zum beruflichen Aufstieg

Nach jahrelanger Arbeit als Anwalt in einer Hamburger Kanzlei erhält Hannes Jansen unerwartet von seinem Chef Boogs das Angebot, zum Partner aufzusteigen. Nicht nur das: Von dem versprochenen Bonus könnte er seine horrenden Privatschulden begleichen. Die Voraussetzung hierfür ist, dass er den Prozess als Verteidiger des mutmaßlichen Mörders gewinnt, das Opfer ist ein inhaftierter Senegalese. Abba Oteke wurde 2005 in seiner Zelle tot aufgefunden. Todesursache: Ersticken durch Verbrennen.

Winkler wurde damals in einem Indizienprozess freigesprochen. Dennoch wird er aufgrund neuer Beweise zum zweiten Mal angeklagt. Ist Winkler tatsächlich ein Mörder - oder selber Opfer?

Traurige Realität

Autor Markus Thiele ist hauptberuflich Rechtsanwalt und kennt den Gerichtssaal damit bestens. In seinem Roman verwebt er Fiktion und Realität am Beispiel eines wahren, bis heute ungeklärten Kriminalfalls. Die Geschichte ist angelehnt an das Schicksal von Oury Jalloh, einem in Deutschland lebenden Sierra-Leoner, der am 7. Januar 2005 bei einem Brand in Polizeigewahrsam ums Leben kam.

Der in diesem Zusammenhang wegen Körperverletzung mit Todesfolge angeklagte Dienstgruppenleiter des Polizeireviers,  und ein weiterer, wegen fahrlässiger Tötung angeklagter Beamter, wurden 2008 freigesprochen. Auch ein 2014 erneut eingeleitetes Ermittlungsverfahren blieb bis heute folgenlos.

Spiel mit den Zeiten

Thieles Roman spielt auf verschiedenen Zeitebenen, wobei zwei Handlungsstränge im Mittelpunkt stehen. Zum einen geht es dabei um die aktuelle Gerichtsverhandlung im Fall Winkler sowie die sich anbahnende Beziehung zwischen Hannes und Sophie, zum anderen greift der Autor die dramatischen Geschehnisse um Sophies Großmutter Lea in den Wirren des Zweiten Weltkrieges auf.

Das macht eine Bewertung schwierig, da es Thiele meines Erachtens nur bedingt gelingt, beides zusammenzuführen. Auch ist die literarische Qualität beider Handlungsstränge grundverschieden. Wenn der Autor über die Ereignisse der Kriegsjahre - beginnend im Jahr 1938 - rund um die Familiengeschichte von Sophie Tauber schreibt, dann gelingt es ihm, den Leser mit einer spannenden, aber auch  nachdenklich machenden Geschichte zu fesseln.

Es geht um Flucht, Verrat unter Brüdern, aber auch um Liebe in Zeiten des Hasses während des NS-Regimes. Die Hauptrollen spielen dabei die Jüdin Lea, und der deutsche Unternehmer Carl, der gemeinsam mit seinem Bruder Heinrich eine Kräuterlikörfabrik besitzt, und alles unternimmt, um Lea und deren Verwandte zu schützen. Die Liebe zwischen den beiden Protagonisten und die Beweggründe für ihr Handeln erfasst der Autor in teilweise bewegender Weise. Die Beschreibung der damaligen Ereignisse ist Thiele insgesamt ansprechend gelungen.

Ethisch-sittliche Normen

Im Gegensatz dazu verliert sich der aktuelle Gerichtsprozess in einer zu oberflächlichen Darstellung. Persönliche Verantwortung und ein instrinsisch  motiviertes Handeln - auch gegen äußere Widerstände - sind sicherlich zentrale Themen des Romans. Wenn es aber um moralische und ethische Wertmaßstäbe und das eigene Gewissen als höchste Instanz des Handelns geht, dann lässt sich das Verhalten eines jungen Mannes im Zweiten Weltkrieg, der auch auf eigene Gefahr für Leib und Leben hin einer Jüdin samt Familie hilft, nicht mit dem sittlichen Empfinden eines Anwalts vergleichen, der eigentlich nichts zu verlieren hat. Wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum der historische Teil des Romans deutlich besser gelungen ist.

Literarische Vielfalt

Das Hauptproblem ist, dass Autor Markus Thiele sich nicht entscheiden kann: Soll sein Roman einem Historien-, Familien- oder Gerichtsdrama entsprechen? Auf jeden Fall ist er kein Thriller und auch keine Kriminalerzählung. Ein Blick ins Nachwort genügt, um feststellen, welcher historischen und gegenwärtigen Quellen sich der Autor bedient.

Leider ist Thiele kein Georg Büchner, der aus nüchternen Fakten lebensnahe Menschen schafft. Man erwartet von „Echo des Schweigens“ mehr: einen Anwalt, der zwischen Gesetz und Moral schwankt, wenn er Zweifel an der Unschuld seines Mandanten bekommt. Hannes Jansen ist aber eher zwischen seiner Überzeugung und der Liebe zu Sophie, die er erst kurze Zeit kennt und die von Winklers Schuld überzeugt ist, hin- und hergerissen. Des Weiteren fehlt dem Gewissenskonflikt, dem sich Hannes ausgesetzt fühlt, die nötige Tiefe. Zweifel werden nur rudimentär thematisiert und Lösungen zu wenig diskutiert. Dass es dem Ende dann an dramaturgischer Konsequenz fehlt, ist leider zu erwarten gewesen.

Fazit:

Thiele legt mit „Echo des Schweigens“ einen ambitionierten, aber nicht konsequent genug umgesetzten Roman vor. Eine Diskussion, was Gerechtigkeit ist, und ob es sie überhaupt geben kann, wird nur ansatzweise geführt. Der Roman erreicht diesbezüglich nicht annähernd die Brillianz wie „Der Besuch der alten Dame“ von Friedrich Dürrenmatt. Wenn es um Moral und Recht geht, bietet auch Ferdinand von Schirachs Theaterstück „Terror“ deutlich mehr literarische Ausdrucksstärke und gesellschaftliche Brisanz.

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