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Sabine Bongenberg
Ein Buch wie der November - Grau, freudlos, leidenschaftslos

Buch-Rezension von Sabine Bongenberg Nov 2019

Wer einmal eine Ausbildung bei irgendeiner Verwaltung gemacht hat, der kennt sie noch: Diese zerfledderten Aktendeckel, gerne in einem ein bisschen angeschmuddelten Ocker, lieblos zusammengehalten von einem großen Gummi. So freudlos wie die Hülle war meistens auch der Inhalt. Damit ist auch schon der erste Eindruck vermittelt, den Max Annas Werk „Morduntersuchungskommission“ vermittelt: Ein Buch wie der November - Grau, freudlos, leidenschaftslos.

Job, Ehefrau, Kinder, keine Haustier

In einer ähnlichen Richtung verläuft auch das Leben von Oberleutnant Otto Castorp: Ein solider Job bei der Polizei, verheiratet, zwei Kinder, keine Haustiere, eine Geliebte. Immerhin: Ein Job, der ihn so halbwegs ausfüllt, wenn es auch gelegentlich dazu kommt, dass die Suche nach dem Täter aus Gründen der Staatsraison eingestellt werden muss. Oder der Öffentlichkeit aus gerade diesen Gründen nur die halbe Wahrheit bei der Auflösung eines Falls berichtet wird.

Otto lebt in der DDR und es gibt Taten, die lassen sich nicht mit der Ideologie des real existierenden Sozialismus verbinden. So etwas tut man nicht im Sozialismus, und was nicht sein darf, das ist dann auch nicht. Unglücklicherweise kann Otto diese Haltung aber immer weniger akzeptieren.

Otto blickte auf und sah, dass alle Erwachsenen am Tisch zuhörten, Mutter inklusive, die sich wieder hingesetzt hatte. „Im Unterschied zum Westen haben wir hier den Anspruch, alle Mordfälle aufzuklären. Drüben sind die stolz, wenn sie viele aufklären, aber unser Anspruch geht darüber hinaus. Das ist das erste, was wir lernen, wenn wir uns zum Mordermittler ausbilden lassen. Und das ist doch auch ein Versprechen an die Leute. Und deshalb will ich, dass die, die das getan haben, zur Rechenschaft gezogen werden.“ Noch bevor er zu Ende geredet hatte, konnte Otto hören, wie Vater tief ein- und ausatmete. „Du bist manchmal wirklich naiv“, sagte er.

Mit dieser Grundidee wäre ein spannender Krimi machbar gewesen, von einem Polizisten, der sich mit den vorgegebenen Parolen nicht mehr zufrieden zeigt, der weiter ermitteln will und zwischen die Fronten gerät. Grundsätzlich erzählt Max Annas auch diese Geschichte, die sogar an einen realen Kriminalfall in der DDR anlehnt. Aber warum müssen das Leben, das Temperament und die generelle Gefühlswelt der Helden so grau sein, wie die weiland hauptsächlich vorherrschende Farbe in der DDR?

Was Castorp tatsächlich antreibt, was seine Handlungen befeuert, warum er die eine Frau betrügt und mit der anderen Frau ins Bett steigt – es bleibt sein Geheimnis. Unglücklicherweise schafft das aber keine Empathie. Der Held bleibt dem Leser fremd, und genauso die meisten der anderen auftretenden Figuren. Auch über das Mordopfer wird wenig bekannt – ein Schwarzafrikaner, fremd in Deutschland, auf der Suche nach ein bisschen Glück – aber genauso fremd für den Leser. Max Annas widmet sein Buch dann auch der Erinnerung des 1986 in der DDR ermordeten Manuel Diogo. Damit kann er den Leser berühren – unverständlich bleibt, warum alles andere im Buch kaum dazu angetan ist, Nähe zu schaffen.

Warum muss es denn immer spannend sein?

Vielleicht runzeln jetzt einige pikiert die Stirn und meinen, dass die Forderung nach Spannung - idealerweise in einem Krimi - einer oberflächlichen Haltung entspricht. „Muss es denn immer fesseln, Frau Bongenberg?“ Nein, das muss es sicherlich nicht – aber es erreicht den Menschen besser, wenn es das kann. Annas verfasst eine gute und lesenswerte Botschaft, die Fragen aufwirft: Wurden die heutigen Neonazis durch die Entwicklungen aus der ehemaligen DDR befeuert?

War es wiederum das Ziel der DDR, dass die eher Unerwünschten – da zu dumm, zu faul, zu renitent, zu unbegabt – gerne dazu animiert wurden, in das Lager der Rechten zu wechseln, damit sie verurteilt und eingesperrt, und dann vom Westen freigekauft werden konnten – quasi als Einnahmequelle, die sich selbst gerierte? Es ist ein spannendes und berührendes Thema und liest über weite Strecken wie ein Börsenbericht.

Erst zum Ende kommt dann doch endlich einmal Fahrt in die Geschichte, aber hier ist der Leser dann schon so eingelullt, dass er fast das Paukenschlag-Ende überliest. Aber auch dieses Ende ist letztendlich nur eine Kapitulation. Der ordentliche Ermittler ist ohnmächtig und muss dem System gehorchen, grundsätzlich triumphiert auch hier der Lynchmob.

Fazit:

Mit einem unguten Gefühl bleibt der Leser nach dem letzten Kapitel zurück, das mit der Aufklärung des eigentlichen Verbrechens schon nichts mehr zu tun hat, fragt er sich doch, ob hier ein Monster geschaffen wurde. Aber wie vorher auch, lässt sich Otto Castrop wieder nicht in der Karten sehen – und das ist schade. Von jemandem den man kennt, von dem möchte man noch mehr lesen, der interessiert einen. Ein Fremder dagegen braucht nicht wiederzukommen.

Morduntersuchungskommission

Morduntersuchungskommission

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Letzte Kommentare:
21.11.2019 07:40:17
Theorp

Frau Bongenberge, Sie haben vollkommen recht: Es ist zweifellos eines der besten und wichtigsten Bücher des Jahres.