Ich kenne deine Lügen

Erschienen: Januar 2020

Bibliographische Angaben

- OT: When You Disappeared

- Übersetzung: Tanja Lampa

- TB, 412 Seiten

Couch-Wertung:

70°
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Sabine Bongenberg
Szenen einer Ehe

Buch-Rezension von Sabine Bongenberg Mär 2021

Catherine und Simon führen nicht die perfekte Ehe, und doch ist es ein recht normales, ein gutes Leben. Bis zu dem Punkt, wo Simon verschwindet. Er geht ohne ein Wort und ohne eine Erklärung. Catherine zappelt im Netz ihrer Fragen und kommt nicht weiter. Simon würde sie und ihre drei Kinder doch niemals verlassen - oder etwa doch? Simon kann nur einen Unfall erlitten haben. Ist es vielleicht doch kein Zufall, dass sich ein Obdachlosenheim an jemanden erinnert, der ihm ähnlich sah? Simon könnte keiner Fliege etwas zuleide tun. Und kann am Ende nicht jeder dem anderen Schaden zufügen – durch aktives Tun oder durch Unterlassen? Catherine muss lernen, ihr Leben zu leben, damit zurechtzukommen, dass ihre Fragen nicht beantwortet werden. Und dann steht Simon plötzlich vor ihrer Tür - und Catherine fragt sich, ob sie nicht lieber weiter im Ungewissen geblieben wäre …

Verschwinden von jetzt auf gleich

Eines möchte ich meiner Besprechung als Warnung vorweg setzen: Wer einmal einen plötzlichen Kontaktabbruch durchleben musste, der sollte vielleicht einen Bogen um dieses Buch machen, da die Fragen, die beim schweigenden Verlassenwerden aufgeworfen werden, hier wieder nah an einen herantreten.

John Marrs beschreibt in seinem Buch, das er bereits 2014 im Selbstverlag herausgab, die Geschichte der beiden Eheleute Catherine und Simon, die plötzlich aus ihrer Gemeinsamkeit herausgerissen werden: Simon verschwindet ohne Hinweis und ohne einen Abschiedsbrief, und die panische Catherine reißt sich regelrecht ein Bein aus, um ihn wiederzufinden. Da im Buch aber beide Partner als Ich-Erzähler berichten, weiß der Leser das, was Catherine nicht weiß: nämlich, dass Simon noch am Leben ist. Er weiß, wie beide Partner ihr neues Leben aufbauen, und er weiß, wer alsbald eine Spur von Verbrechen hinter sich zieht, um dieses neue Leben zu verschleiern - und natürlich zu finanzieren.

Es ist bei diesem Buch nicht zu übersehen, dass der Schriftsteller Marrs hier noch nicht die Feinheiten in der Spannung aufbauen konnte, wie bei seinen späteren Romanen. Auch bei seinen Personen ergeben sich einige Fragen: Es ist meiner Meinung nach nicht glaubhaft, wenn ein Mensch, der bisher in einer recht normalen Sozialisation lebte, eine Spur der Verwüstung hinter sich lässt und ohne jede erkennbare Regung eine solche Menge an Verbrechen begeht, die normalerweise allenfalls einem Psycho- oder von mir aus auch Soziopathen zugeordnet werden könnten. Dieser Punkt des Biedermanns, der plötzlich von hier auf jetzt im wahrsten Sinne des Wortes auch zum Brandstifter wird, erschien mir nicht glaubwürdig. Im Gegenzug wirkten einige Wendungen zu märchenhaft: Mutter und Tochter, die in einem Bordell anschaffen und ein unfassbares Vermögen erben? Das Leben mag schon seltsame Kapriolen drehen, aber das ist dann doch etwas zu viel.

Thriller oder Ehedrama?

Dennoch baut Marrs eine spannende Handlung auf, bei der ich mich aber auch mehrfach fragte, ob hier der Begriff des „Thrillers“ richtig gewählt ist und es sich nicht eher um ein – wenn auch spannend erzähltes – Ehedrama handelt. Geschickt sind aber einige Stilmittel gewählt, um den Leser schon früh an die Geschichte zu binden. So wird schon früh angezeigt, dass innerhalb der bestehenden Ehe etwas Unaussprechliches passierte, offensichtlich ein Kind zu Schaden kam und somit auch das Verlassen lediglich einen konsequenten Schritt aufzeigte.

Mit der Auflösung kommt die eigentliche Dramatik der Geschichte heraus, die sich darin aufbaut, wie Leben wegen einer fehlenden Frage und damit verbundenen unterlassenen Handlungen zerstört werden. John Marrs zeigt hier Schreckliches auf, und auch wenn alle Beteiligten sich zwangsläufig neue Leben aufbauten und große – fast ein wenig märchenhaft anmutende –, außergewöhnliche Lebenssituationen antrafen sowie besondere Karrieren aufbauten, kommt der Leser nicht umhin, um dieses vergeudete, verschwendete Leben zu trauern.

Fazit

John Marrs hat mit Ich kenne deine Lügen ein spannendes Familiendrama oder einen Thriller im familiären Umfeld geschaffen – wer will das schon so genau festlegen? Als frühes Werk sind Schwächen vorhanden, aber trotzdem ist es ein lesenswerter Roman. Dennoch kann John Marrs es besser – viel besser. Das hat er in seinen späteren Werken bewiesen.

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