Eine Frage der Sühne

Erschienen: September 2019

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen unter dem Titel „Now We Are Dead“
- London : HarperCollinsPublishers 2017
- München : Goldmann Verlag 2019. Übersetzung: Andreas Jäger. ISBN-13: 978-3-442-48826-1. 476 Seiten
- München : Goldmann Verlag 2019 [eBook]. Übersetzung: Andreas Jäger. ISBN-13: 978-3-6412-3780-6. 2,92 MB [ePUB]

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Michael Drewniok
Roberta Steel im Sturzkampf-Modus

Buch-Rezension von Michael Drewniok Sep 2019

Sie ist tief gefallen: Da Chief Inspector Roberta Steel von der Kriminalpolizei der schottischen Großstadt Aberdeen den Mehrfach-Vergewaltiger Jack Wallace nicht hatte überführen können, manipulierte sie Beweise, um ihn hinter Gitter zu bringen. Doch die exzentrische Polizistin überspannte den Bogen damit endgültig. Nicht einmal ihr Untergebener und Freunde Logan McRae war bereit ihr Tun zu decken. Zwar konnte Steel den Rausschmiss vermeiden, doch sie wurde zum Sergeant degradiert und muss nun Ladendiebe und Exhibitionisten jagen.

Steel will unbedingt wieder dort mitmischen, wo ‚richtige‘ Verbrecher gejagt werden. Ein zusätzlicher Pfahl in ihrem Fleisch ist Jack Wallace, der nicht nur auf freien Fuß gesetzt werden musste, sondern auch die Polizei zu verklagen droht. Um das Maß voll zu machen, ist Wallace nach Aberdeen zurückgezogen. Er weiß genau, dass Steel ihn weiterhin verdächtigt, und reizt sie, um sie zu jenem Übergriff zu verleiten, der ihren beruflichen Untergang vollenden würde.

Wohl oder übel in einem Boot mit Steel sitzen Constable Stewart „Tufty“ Quirrel sowie die Kollegen Lund, Barrett und Harmsworth. Meist müssen sie ausbaden, was ihre ebenso ehrgeizige wie respektlose Chefin verursacht, wenn sie Verdächtige ‚befragt‘ oder Vorgesetzte beleidigt. Dass ihr Job am seidenen Faden hängt, ist Steel durchaus bewusst, doch es ist ihre Art, ein ins Auge gefasstes Ziel ohne Rücksicht anzusteuern. Deshalb täuscht sie ihre misstrauischen Vorgesetzten und ermittelt vorschriftswidrig gegen Wallace.

Der nimmt die Herausforderung an und lässt Steel ins offene Messer laufen. Die wütet inzwischen an mehreren Fronten und ist hinter einem Kredithai her, der säumige Zahler übel zusammenschlägt. Auch auf einen jugendlichen Drogendealer hat sie abgesehen. Verzweifelt versucht das Team den Anschluss nicht zu verlieren, während Steels Ungestüm immer höhere Wellen unter Verbrechern und Polizisten aufwühlt …

Zorn & Leidenschaft in Giftpilz-Gestalt

Wir kennen Roberta Steel bereits aus der Serie um den schottischen Polizisten Logan McRae. Der wird seit jeher beruflich wie privat tüchtig gebeutelt, weshalb niemand sich wunderte, dass irgendwann Steel über ihn kam. Die beiden verbindet eine kuriose Hassliebe, die MacBride-typisch dadurch gekrönt wird, dass McRae sich als Samenspender für Steel und ihre Ehegattin Susan zur Verfügung stellte.

Dies bewahrte ihn keineswegs vor jener scheinbar ADHS-geprägten Polizeiarbeit, die Steel an den Tag legt. Ihr Temperament gleicht einem brodelnden Vulkan, das Herz - dessen Vorhandensein Kollegen und Vorgesetzte in Frage stellen - liegt ihr auf der Zunge. Steel ist weniger faul als nicht bereit, sondern angeödet von bestehenden Regeln und nicht bereit sich ihnen unterzuordnen. Dies ließ sie in „Totenkalt“ - Band 10 der McRae-Serie - den einen entscheidenden Schritt zu weit gehen, als sie Indizien manipulierte, um einen Kriminellen ins Gefängnis zu bringen, von dessen Schuld (nicht nur) sie überzeugt war.

Von der Erinnerung an ihre Tat und deren Folgen wird Steel verfolgt; entsprechende Passagen begleiten diesen Roman, in dem Logan McRae nur zwei Gastauftritte absolviert, um ansonsten seiner ehemaligen Chefin das Feld zu überlassen. Dem regelmäßigen Leser der Serie stellt sich die bange Frage: Kann Roberta Steel, die Autor MacBride karikaturesk überzeichnet und bisher als Nebenfigur einsetzte, ins Zentrum einer Handlung rücken, die mehr bieten muss als eine irre Cop-Komödie?

Frustration und Grauen: das unzertrennliche Paar

Die Furcht ist nicht unberechtigt, denn für „Eine Frage der Sühne“ hat MacBride - der offensichtlich auch zeichnerisch begabt ist - eine Art Comic („Super-Tuftys supergeheimer Plan von Aberdeen“) gezeichnet, der dem Roman als Anhang folgt. Er fasst die Ereignisse als Wunschvorstellung des chronisch treuherzigen Constables Quirrel zusammen; der Humor ist SEHR naiv.

Auch das Geschehen bietet immer wieder Vorfälle, die nur bei großzügiger Interpretation in einen ‚richtigen‘ Kriminalroman gehören; an der Spitze steht dieses Mal eine Gülle-Attacke auf Aberdeens politische Führungsspitze. Nichtsdestotrotz hat der MacBride-Slapstick einen hysterischen Unterton, der sich mehrfach unvermittelt Bahn bricht und den Lesern das Lachen im Hals erstickt. Eine kapitale Kriminalität, die so selbstverständlich geworden ist, dass Politiker und hohe Polizeibeamte die Opfer als traurige, aber in einer globalisierten Ära ständiger Personal- und Budgetkürzungen leider unumgängliche Kollateralschäden betrachten, wird von MacBride hinterlistig ‚verständnisvoll‘ präsentiert. Allerdings beschreibt er auch die Folgen solcher Ignoranz - und die sorgen für Unbehagen!

Roberta Steel steht für eine scheinbar veraltete Auffassung von Recht. Sie weigert sich Drogendealer, Schuldeintreiber oder Vergewaltiger als unvermeidliche Begleiter der modernen Gesellschaft zu akzeptieren. Ihr widerborstiges Verhalten beschreibt MacBride als buchstäblichen Stachel im Fleisch derer, die sich damit abfinden wollen, weil sie nicht betroffen sind. Dafür zahlt Steel einen hohen Preis, denn zunächst einmal trifft es sie, wenn sie gut vernetzten, vermögenden Strolchen ans Bein pinkelt.

Hamster im Rad

Steels zwar regelmäßig schwer erschütterte, aber unverbrüchlich treue Mitarbeiterschar stellt sich ihrer Chefin ebenso maulend wie zuverlässig (oder nibelungentreu) zur Seite. Ihre Untergebenen verfügen nicht über ihre Hartnäckigkeit oder ihr kriminalistisches Talent, wissen aber durchaus, wofür Steel steht, weshalb sie sich ihren Launen fügen. Dank dürfen sie dafür nicht erwarten. Stuart MacBrides literarische Welt ist schlecht. Glück und Gerechtigkeit müssen sich einschleichen, was ihnen vom Verfasser so schwer wie möglich gemacht wird.

MacBride ist eine nie versiegende Quelle absurder Schauerlichkeiten, was seinen Humor explizit einschließt. Der ist ganz sicher nicht subtil und manchmal definitiv infantil, Körperfunktionen und -ausscheidungen stehen weit oben auf der Liste, aber insgesamt erstaunlich unterhaltsam, weil der Autor ihn mit dem Regelbruch verknüpft, der etablierte, aber nutzlose oder ungerechte Institutionen bloßstellt. Auch in diesem Umfeld wird aus ‚Spaß‘ nicht selten eine bittere Farce. Dies gipfelt konsequent in einem ebenso grotesken wie grausigen Finale.

Fazit:

Zwar verzichtet Autor MacBride auf seine Serienfigur McRae, lässt diesen Roman jedoch im eingeführten Aberdeen-Mikrokosmos spielen, weshalb viele bekannte Figuren wiederkehren. Absurd überspitzter, rauer Humor verbirgt scheinbar die Verzweiflung über einen Alltag, in dem Ungerechtigkeit nicht mehr verfolgt, sondern als Schicksal hingenommen wird: ausgezeichnet in Plot und Umsetzung!

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