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Michael Seitz
Ein Engländer im Berlin des Jahres 1939

Buch-Rezension von Michael Seitz Sep 2019

John Russell ist englischer Journalist. Seit 1924 lebt er in Deutschland, er spricht die Sprache perfekt und möchte trotz des Aufstiegs der Nazis, die er als ehemaliger, inzwischen desillusionierter Kommunist verabscheut, im „Käfig“ Berlin bleiben. Nicht nur weil er hier seine Brötchen verdient, sondern vor allem, weil hier sein elfjähriger Sohn Paul bei seiner geschiedenen Frau Ilse lebt, und weil auch die attraktive Effi Koenen, mäßig erfolgreiche deutsche Schauspielerin und seine Geliebte, hier zu Hause ist.

Im Frühjahr des Jahres 1939 schlägt er sich als Freelancer für verschiedene amerikanische und englische Zeitungen mehr schlecht als recht durch, und da kommt ihm ein Angebot der Sowjets, gegen ein fürstliches Honorar für die „Prawda“ eine Artikelserie über die „normalen Deutschen“ zu schreiben und möglicherweise auch noch einige andere Aufgaben zu erledigen, gerade recht. Russell ist in Danzig, um über die gespannte Situation dort zu berichten, als ihn ein entfernter russischer Bekannter aus Moskauer Tagen anspricht und ihn mit einer Mischung aus sanftem Druck, finanziellen Anreizen und einem Appell an die Kameraden-Ehre anwirbt - für den NKWD, wie Russell sehr wohl weiß.

Mehrere Geheimdienste buhlen um Mitarbeit des Journalisten

Aber nicht nur die Russen, auch der deutsche SD und schließlich sogar der englische Geheimdienst interessieren sich alsbald für seine Dienste. Seine Position als akkreditierter Journalist mit gewissen Freiheiten, die in Nazi-Deutschland sonst kaum noch einer besitzt, ist einfach zu verlockend für Spione aller Couleur. Und so findet sich Russell bald in einer Situation, die ihn zwingt, all diese Bälle gleichzeitig in der Luft zu halten, wenn er am Leben bleiben will.

Euthanasie und Englisch-Unterricht

Im Zimmer unter dem, dass Russell als Bleibe in Berlin benutzt, wenn er nicht gerade in Effis großzügiger Wohnung am Kudamm übernachtet, wohnt der junge amerikanische Journalist McKinley, der Russell in seine Recherchen einweiht. Angeblich planen die Nazis, tausende von Kindern umzubringen, die sie für „lebensunwertes Leben“ halten, und McKinley glaubt, das auch beweisen zu können. Gemeinsam suchen Sie eine ehemalige Krankenschwester auf, die mit einem behinderten Kind im Geheimen lebt und die eine Kopie des Dokuments besitzen soll, mit der Hitlers Reichskanzlei den Massenmord absegnet.

Tatsächlich gelangt McKinley in den Besitz des Schreibens, aber kurz danach landet er unter den Rädern der Berliner U-Bahn. Selbstmord angeblich, an den Russell keinen Moment lang glaubt. Bereits seit längerem erteilt Russell zudem den Töchtern einer jüdischen Arztfamilie Wiesner Englischunterricht, haben die Eltern doch die Hoffnung, Ihre Kinder bald nach England in Sicherheit schicken zu können. Der ältere Bruder saß bereits im KZ, und nun gerät auch der Vater der Familie unter Verdacht und wird „abgeholt“.

Und auch der NKWD meldet sich wieder. Russell soll geheime Papiere über die tschechische Grenze schmuggeln. Und so erhält Russell die Gelegenheit, nicht nur den NKWD, den SD und den MI 5 zufriedenzustellen, sondern auch den Wiesners zu helfen und sogar das Vermächtnis des toten McKinley zu erfüllen. Aber um all dies auf einen Streich zu erreichen, muss sich Russell gleich mehrfach in akute Lebensgefahr begeben.

Historische Präzision und große Erzählkunst

„Zoo Station“ bildete 2007 den Auftakt zu der bislang sechsteiligen „Station“ Reihe um John Russell und Effi Koenen, so genannt, weil die Titel allesamt nach großen Bahnhöfen, zumeist in Berlin, benannt wurden. Obwohl von der Serie im englischsprachigen Raum angeblich über 7 Millionen Exemplare verkauft wurden, hat der Autor scheinbar bisher noch keinen deutschen Verlag gefunden. Das ist ebenso unverständlich wie bedauerlich, denn Downing versteht nicht nur mehr von deutscher Geschichte als die allermeisten Deutschen, er kann auch packend schreiben und die Fiktion seiner Geschichte so geschickt in die tatsächlichen Ereignisse von vor 80 Jahren einweben, dass man, wenn man wollte, das fiktive Geschehen sogar auf bestimmte Tage im Kalender des Jahres 1939 datieren könnte.

Aber das ist eher Nebensache. Die eigentliche Qualität dieses Romans liegt in der Wucht, mit der uns Downing das Grauen der Nazi-Herrschaft ebenso nahe bringt wie die halb zustimmende, halb resignative Haltung des Durchschnitts-Berliners zum herrschenden Regime. Wo Philip Kerr´s Bernie Gunther die beispiellose Grausamkeit mit Sarkasmus bricht, hält Downing stattdessen voll drauf. Wenn zwei „warme Brüder“ von SA-Schlägern zunächst entmannt und dann aus dem Fenster des vierten Stocks blutend auf den Hinterhof geworfen werden, während ein Braunhemd Russell und andere Passanten mit dem Bemerken „Hier gibt es nichts zu sehen“ weiter winkt, und wenn später Russells Hauswirtin dazu bemerkt, dass ginge sie ja schließlich auch nichts an, dann beschreibt das die Bestialitität des Regimes einerseits und die Obrigkeits-gläubige Gleichgültigkeit des Durchschnittsdeutschen andererseits besser als manch voluminöses Geschichtsbuch.

Spannung und Stringenz, Logik und Glaubwürdigkeit

Auch wenn solche Szenen wehtun, so kann man dieses Buch doch nicht gut auch nur eine Sekunde aus der Hand legen. Obwohl die Handlung sich chronologisch entwickelt und weitgehend ohne Cliffhanger, Rückblenden und andere Krimi-literarische Taschenspielertricks auskommt, baut sich die Spannung von Seite zu Seite kontinuierlich auf und gerade der Schluss ist ganz einfach grundsolides Handwerk. Man fiebert mit dem Helden mit, ohne dass die Geschichte auch nur einen Augenblick an Stringenz und Logik verliert.

Dabei ist Russell eigentlich weder Held noch Anti-Held, sondern eher ein ganz normaler, moralisch integrer Mensch, der mit dem Blick des Außenstehenden auf die Entwicklung in dem Land blickt, von dem er selbst sagt, er habe es einst geliebt. Zum Spion wird er aus Zufall, und so macht er Fehler, lernt dazu, hat mal Glück und mal Pech, ist mal opportunistisch und mal dreist, immer aber mit einem moralischen Kompass. Und deshalb kann man sich mit John Russell als Leser wunderbar identifizieren: Man glaubt ihm seine Überzeugungen ebenso wie seine Zweifel.

Fazit:

Ein großartiger Spannungsroman weit jenseits des Krimi-Mainstreams und zugleich eine überzeugende und lehrreiche Unterrichtsstunde in jüngerer deutscher Geschichte. Downing hat auch Sachbücher zur deutschen Geschichte verfasst, und das merkt man, ohne dass die Spannung darunter auch nur einen Augenblick leidet. Kleinere Fehler bei der Schreibweise deutscher Begriffe verzeiht man da gern, zumal sie wahrscheinlich vor allem auf ein schlampiges Lektorat zurückzuführen sind. Schade nur, dass man diesen erstklassigen Roman noch nicht in deutscher Sprache lesen kann.

Zoo Station

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