Der Mann, der Sherlock Holmes tötete

Erschienen: Februar 2019

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen unter dem Titel „The Sherlockian“
- New York : Twelve/Grand Central Publishing/Hachette Book Group 2010. 350 S.
- Köln : Eichborn/Lübbe Verlag 2019. Übersetzt von Kirsten Riesselmann. ISBN-13: 978-3-8479-0038-2. 480 S.
- Köln : Lübbe Verlag 2019. Übersetzt von Kirsten Riesselmann. ISBN-13: 978-3-7325-6043-1. 1,9 MB (ePUB)

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Michael Drewniok
Doyle & Stoker/Harold & Sarah: Ermittlungen in zwei Jahrhunderten

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jul 2019

Im Herbst 1900 sind sieben Jahre verstrichen, seit Schriftsteller Arthur Conan Doyle den überaus erfolgreichen, ihm jedoch verhasst gewordenen Sherlock Holmes ‚umgebracht‘ hat. Weiterhin zürnen ihm die Fans, Dennoch schließt Doyle Rache aus dieser Richtung aus, als er nur knapp der Explosion einer ihm ins Haus geschickten Paketbombe entkommt. Da die Polizei aus seiner Sicht den Fall zu lax behandelt, wird Doyle zu Holmes und beginnt selbst zu ermitteln.

Das ist leichter gesagt als getan, weshalb Doyle Bram Stoker, einen Autorenkollegen und Freund, um Unterstützung bittet. Das Duo kommt in Schwung und einer mysteriösen Mordserie auf die Spur: Junge Frauen mit dem Bein-Tattoo einer dreiköpfigen Krähe werden erdrosselt; zurück bleibt bei der Leiche ein Hochzeitskleid. Die Polizei tappt im Dunkeln bzw. tut die Mordopfer als „Bordsteinschwalben“ ab. Tatsächlich ist ein Komplott im Gang, das sich offenbar gegen die Suffragetten richtet, die eine Gleichberechtigung der im viktorianischen England diskriminierten Frauen fordern.

110 Jahre später freut sich Literaturwissenschaftler Harold White in New York City über seine Ernennung zum „Baker Street Irregular“. Der illustre Club tagt dieses Mal in Erwartung einer besonderen Enthüllung: Holmes-Forscher Alex Cale hat nach jahrzehntelanger Suche jenen verschollenen Tagebuchband gefunden, der im Leben von Arthur Conan Doyle die Monate Oktober bis Dezember 1900 abdeckt. Die neugierigen (und neidischen) „Irregulars“ warten vergeblich: Cale wird ermordet, das Tagebuch verschwindet erneut.

White fühlt sich zum Privatermittler berufen, zumal sich die schöne Journalistin Sarah Lindsay zu ihm gesellt. Sehr interessiert zeigt sich außerdem Sebastian Conan Doyle, ein Urenkel des Schriftstellers, der das Tagebuch als Familienbesitz einfordert. In England beginnen die Nachforschungen, die Harold und Sarah nicht nur mit unangenehmen ‚Konkurrenten‘ in Kontakt, sondern auch in Lebensgefahr und an die berüchtigten Wasserfälle von Reichenbach bringen …

Der zufällige Mythos

Vier Romane, sechzig Kurzgeschichten: Das ist der „Kanon“, der der jene Sherlock-Holmes-Werke umfasst, die Arthur Conan Doyle (1859-1930) zwischen 1887 und 1927 verfasste. Man kann sich die Begeisterung des zeitgenössischen Publikums kaum verstellen. Vor allem das Erscheinen der frühen Storys wurde sehnsüchtig erwartet, weshalb es eine (zumindest so empfundene) Tragödie war, als Doyle Holmes im Kampf gegen den schurkischen Professor Moriarty in den Schlund des Reichenbachtals stürzen ließ.

Graham Moore schildert zeitgenössische Szenen; Leser banden sich schwarze Trauerbinden um einen Ärmel, manche/r äußerte Doyle gegenüber einen Zorn, der sehr modern wirkt, und selbst seine Mutter versuchte ihn von seinem Tun abzubringen: Obwohl Hyper-Fans und Trolle vor der Internet-Ära noch persönlich aktiv werden mussten, gab es sie bereits.

Sie können bekanntlich gefährlich werden. In Doyles Fall gilt dies auch deshalb, weil er mit Holmes & Watson einen modernen Mythos schuf. Infolgedessen besitzt alles, was mit Doyle in Zusammenhang steht, einen beträchtlichen Wert - ideell und finanziell, was dem von Moore erwähnten Tagebuch als Auslöser einer gefährlichen Schnitzeljagd durchaus Glaubwürdigkeit verleiht. Die „Sherlockians“ nehmen ihr ‚Hobby bitterernst, und es gibt sie lang genug, um einen Mikrokosmos zu schaffen, dessen Bewohner über Hierarchie- und Konkurrenzdenken keineswegs erhaben sind.

Rätsel um des Rätsels willen

Diese kleine Welt bietet Graham Moore den Hintergrund für einen Roman, der gleichermaßen Krimi wie Reflexion über die Macht der (populären) Medien ist. Beide Aspekte prägen ein Geschehen, das auf zwei Zeitebenen spielt. Im Jahre 1900 erliegt Arthur Conan Doyle dem eigenerschaffenen, lange verhassten Mythos, und schlüpft selbst in die Rolle von Sherlock Holmes. Er stellt dabei erwartungsgemäß Diskrepanzen zwischen dem literarischen und dem echten Verbrechen fest; ein Erfahrungsprozess, den Moore für Szenen nutzt, die manchmal zu effektlastig sind; so ist es weniger witzig als vom Verfasser erwartet, Doyle als Frau verkleidet eine Suffragetten-Versammlung unterwandern zu sehen.

Insgesamt weckt Moore die Figur Conan Doyle zu überzeugendem Leben. Er hat sich in die Biografie dieses Mannes eingearbeitet, der in der Tat mehr war als der Schöpfer von Sherlock Holmes. Leider fallen die ‚modernen‘ Figuren dem gegenüber deutlich ab und bieten Charaktere zwischen Klischee und Beliebigkeit. Harold White soll offensichtlich den jungen Jedermann darstellen, der in der Krise unerwartete Fähigkeiten entwickelt und ‚reift‘; ein Prozess, der insgesamt unbeholfen wirkt, zumal Sarah Lindsay als ‚moderne‘ und ‚starke‘ Frau ebenso blass bleibt. (Auf eine Liebesgeschichte verzichtet Moore dankeswerterweise.)

Die Handlung windet sich einerseits verführerisch, während sie sich andererseits vor allem im Mittelteil dahinschleppt. Moore bemüht sich, dies durch ständige Zeitsprünge zu bemänteln. Jedes Kapitel endet mit einem „Cliffhanger“, dessen Auflösung warten muss, da erst einmal zurück- oder vorausgeblendet wird. Geht es weiter, erweist sich die angebliche Krise meist als Nichtigkeit, die sich umgehend in Wohlgefallen auflöst.

Blinder Eifer schadet auch hier

Was Conan Doyle Anno 1900 so aus dem Gleichgewicht bringt, dass seine Niederschrift der Ereignisse noch mehr als Jahrhundert später von kriminalistischer Relevanz ist, fällt ebenfalls in diese Sparte. Der Plot ist kompliziert und wird schließlich mit beinahe ärgerlicher Beiläufigkeit aufgelöst. Von Brisanz kann man nicht sprechen.

Den in der Gegenwart spielenden Handlungsstrang hätte sich Moore sogar gänzlich sparen können. Die Jagd nach dem Tagebuch reflektiert nur, was in der Vergangenheit tatsächlich bewegt, und steht mit den relevanten Ereignissen nur in einem behaupteten Zusammenhang. Irritierend ist Moores Einfall, die Doyle-Sippe - die auch in der Gegenwart kopfstark präsent ist - durch ein fiktives Mitglied zu ‚ergänzen‘, das die Rolle eines Verdächtigen spielt, jedoch so prominent ist, dass er als solcher umgehend ausfällt: An solchen Stellen läuft die Plot-Maschine besonders unrund.

Hierzulande erscheint „Der Mann …“ mit knapp zehnjähriger Verspätung. Graham Moore hat es in dieser Zeit zu Ruhm gebracht. Sein zweiter Roman („The Last Days of Night“, 2016; dt. „Die letzten Tage der Nacht“) war deutlicher erfolgreicher als der Erstling, und für das Drehbuch zum Film „The Imitation Game - Ein streng geheimes Leben“ wurde Moore 2015 mit einem „Oscar“ ausgezeichnet. Diese Klasse erreicht er mit „Der Mann …“ (noch) nicht, ist aber unschuldig an dem marktschreierischen deutschen Titel.

Fazit:

Auf zwei Zeitebenen versuchen sich Arthur Conan Doyle persönlich und 110 Jahr später ein junger Fan als Mordermittler. Beide erfahren von einem Geheimnis, das an Gefährlichkeit auch in der Gegenwart nicht eingebüßt hat … - Sein immenses Wissen in Sachen Doyle und Holmes übertrifft die Fähigkeit des Verfassers, eine wirklich fesselnde Geschichte zu erzählen oder interessante Figuren zu schaffen. Das Hin und Her zwischen Vergangenheit und Gegenwart bleibt zu offensichtlich stilistisches Mittel: für Holmes-Aficionados ein Fest, für ‚normale‘ Leser vor allem im Mittelteil oft schleppend.

Der Mann, der Sherlock Holmes tötete

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