All dies ist nie geschehen

Erschienen: März 2019

Bibliographische Angaben

Alexandra Hölscher (Übersetzung)

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Thomas Gisbertz
Nichts ist schwerer zu ertragen als die Realität

Buch-Rezension von Thomas Gisbertz Jun 2019

Als Adam Sakis seiner Frau und seiner Tochter zur Flucht aus ihrer Heimat Syrien verhilft, ahnt er noch nicht, dass er beide nie wiedersehen wird. Der Syrer war über 15 Jahre lang Polizist und diente zuletzt als loyaler Beamter der Militärpolizei unter Baschar al Assad. Tatsächlich arbeitet er aber im Untergrund für eine Rebelleneinheit der Freien Syrischen Armee. Als seine Tarnung aufzufliegen droht, flieht auch er über Libyen und das Mittelmeer nach Calais.

Dort, im Flüchtlingslager, das alle nur den „Dschungel“ nennen, will er sich mit seiner Frau und seiner Tochter treffen. Was Adam aber nicht weiß: Die beiden sind bei der Überfahrt getötet worden. Jeden Tag sucht er nach ihnen, und gibt die Hoffnung nicht auf, sie lebend wiederzusehen. Um nicht verrückt zu werden, wie so viele im Lager, und seinem Gerechtigkeitssinn folgend, versucht er ein sudanesisches Kind vor der allgegenwärtigen Gewalt im Lager zu beschützen. Aber auch Adam kann nicht verhindern, dass es immer wieder zu Gewalt und Übergriffen kommt.

Junger Polizist mit Idealen

Unterstützung erfährt Adam von Bastien Miller, einem jungen französischen Police-Lieutenant. Gerade ist dieser erst mit seiner Familie von Bordeaux nach Calais gezogen. Mit seiner Hilfe für den syrischen Flüchtling und Polizisten Adam geht Bastien ein hohes Risiko ein. Dabei zieht er auch seine Kollegen, die sich anfangs gegen ihn und sein Vorgehen stellen, und sogar seine Familie in seine illegalen Bemühungen hinein.

Mehr und mehr muss der jungen Lieutenant erkennen, dass eine Hilfe für die Flüchtlinge im Camp weder gewollt noch möglich zu sein scheint. Bastiens Menschlichkeit scheint aber keine Grenzen zu kennen, auch wenn er sich und andere dabei in Gefahr bringt.

Erfolgreicher französischer Autor

Olivier Norek, geboren 1975 in Toulouse, arbeitete drei Jahre für „Pharmaciens sans frontières“ und wurde Police-Lieutenant in Seine-Saint-Denis. Seine Erfahrungen im Polizeidienst verarbeitete er 2013-2016 in den drei Kriminalromanen der Captaine-Coste-Trilogie, die ihn zu einem Star der französischen Krimiszene machten. Er wurde u.a. mit dem „Prix du polar européen“ und mit dem „Grand Prix des lectrices de Elle, catégorie: Policiers“ ausgezeichnet.

Norek hat selber den Mut aufgebracht, einige Zeit im „Dschungel“ (vom Persischen „jangal“ (der Wald), aus dem irgendwann „jungle“ wurde) zu leben. Er hat am eigenen Leib zu spüren bekommen, was es bedeutet, in diesem Lager auszuharren. In Form eines authentischen, auf Tatsachen beruhenden Spannungsromans stellt der Autor ebenso ungeschönt wie zu tiefst bewegend das Leben in einem der bedeutendsten Flüchtlingslager in Europa dar. Der Bestseller aus Frankreich wurde als bester Kriminalroman mit dem „Étoile du Parisien du meilleur polar“ 2017 ausgezeichnet, wobei es sich bei „All dies ist nie geschehen“ sicherlich eher um einen spannenden Tatsachenroman als um einen Krimi handelt.

Der Dschungel von Calais

Der Roman beginnt mit einer drastischen Szene, die das Ende vorwegnimmt, ohne dieses jedoch in seiner Bedeutung einschätzen zu können: Bei der Auflösung des Flüchtlingscamps in Calais findet man ein Massengrab. Ein Mann, mit Machete bewaffnet, stürzt aus dem nahegelegenen Wald, wühlt in den Gebeinen der Toten und verschwindet wieder. Die Aussicht, nachts im Dunkeln den Wald nach dem Unbekannten zu durchsuchen, schreckt die Polizisten jedoch davon ab, dem Staatsanwalt von diesem Vorgang zu berichten. Gleichgültig stellen sie fest: „Na ja, außerdem gucken wir seit zwei Jahren weg, warum sollten wir das ausgerechnet heute ändern.“

Nichts gibt die Stimmung des Romans so gut wieder wie diese Aussage. Den Menschen in Calais – nicht nur den Polizisten – ist das Schicksal der Flüchtlinge bestenfalls gleichgültig. Aber zum Glück gibt es den einen, der nicht wegschaut und „der sich für die Scheiße hier interessiert“: den jungen Police-Lieutenant Bastien Miller. Wie so viele hat er im Fernsehen von der Flüchtlingsdebatte gehört, Bilder gesehen und die Aussagen der Politiker verfolgt. Aber erst vor Ort, hier in Calais, dem Tor zu Großbritannien, mit dem tausende Flüchtlinge im Lager ihre Hoffnungen verbinden, erkennt und versteht er, was wirklich geschieht.

Am Rande der Stadt befindet sich auf dem Gelände eines alten Friedhofs und einer ehemaligen Müllhalde ein Zeltlager mit fast 10.000 Flüchtlingen. Die hygienischen Zustände sind katastrophal, die Menschen unterschiedlicher Herkunft leben in großer Unsicherheit. Gewalt ist an der Tagesordnung. Selbst die Polizei schaut nur aus der Distanz zu und vermeidet es, die Zeltstadt zu betreten. Man beschränkt die Aktivitäten darauf, nachts zu verhindern, dass die Flüchtlinge sich auf Lkw verstecken, die durch den Euro-Tunnel nach England fahren. Lediglich Aktivisten von „No border“ versuchen den Flüchtlingen vor Ort zu helfen.

Menschlichkeit inmitten von Gewalt

Der Roman wird von zwei Protagonisten getragen, die sich in ihrer Art sehr ähneln und denen das Schicksal der Menschen im Camp nicht gleichgültig ist: Adam, der ehemalige Polizist aus Syrien, und Bastien, ein idealistischer, mutiger Lieutenant, die beide nicht akzeptieren wollen, nicht akzeptieren können, was sich im Lager abspielt. Die sich gegen die alltäglichen Vergewaltigungen, Misshandlungen und Morde auflehnen. Sie zeigen in beeindruckender Weise, dass Menschlichkeit damit beginnt, nicht wegzuschauen. Das Motiv ihres Verhaltens fasst Adam auf eindrucksvolle Art zusammen: „Am Ende unseres Lebens werden wir uns damit auseinandersetzen müssen, was wir widerstandslos hingenommen haben. Und an diesem Tag will ich mich nicht schämen müssen.“

Mit seinem Enthusiasmus steckt Bastien auch mehr und mehr seine Kollegen an, die bereits vor allem aus dem Gefühl der Ohnmacht heraus resigniert und kapituliert haben, aber nicht davonlaufen können. Auch Bastiens Familie unterstützt ihn zunehmend in seinem Kampf gegen das Unrecht, gleichwohl der Polizist erkennen muss, dass seine Arbeit einem Kampf gegen Windmühlen gleicht. Zu oft wird er nicht nur von seinen Vorgesetzten ausgebremst.

Erzählerische Vielfalt

Seine Stärke gewinnt der Roman auch durch die Tatsache, dass er die Flüchtlingsproblematik aus vielerlei Perspektiven aufzeigt. Dabei kommen neben den Betroffenen auch andere Gruppen zu Wort, wie unter anderem die Polizisten, die vollkommen alleingelassen, mit der Situation vor Ort fertig werden müssen. Der Umgang mit den Flüchtlingen, die man weder verhaften noch ihnen helfen kann, ist oftmals erschreckend brutal: „Man lässt sie in Ruhe vor sich hin rotten und hofft, dass sie von selber wieder gehen.“ Aber auch unter den Flüchtlingen unterschiedlicher Religion und ethnischer Herkunft gibt es Hass und Gewalt.

Norek durchleuchtet alle Seiten und überlässt es dem Leser, den Schuldigen für diese Situation zu finden. Man muss beim Lesen oft fassungslos den Kopf schütteln, wenn man von Seiten der Politik nur auf Ignoranz und Gleichgültigkeit stößt. Das Interesse des Staates, wenn es zum Beispiel um die Ergreifung oder Tötung des mutmaßlichen IS-Manns „Ombre“ geht, steht klar und unmissverständlich über den Belangen der ortsansässigen Polizei und den Menschen im Flüchtlingslager.

Fazit:

„All dies ist nie geschehen“ ist ein Buch, das man gelesen haben muss: schockierend, realistisch, anklagend, schmerzvoll. Ein Roman, der lange nachhallt, der einen nicht mehr loslassen will. Er macht in beeindruckender Weise deutlich, dass in Bezug auf die Missstände dieser Welt immer noch eine Einstellung des Nicht-Sehen-Wollens überwiegt. Es ist gut, dass es Menschen wie Olivier Norek gibt, die sich nicht abwenden und uns zwingen, hinzusehen, sodass wir nicht mehr sagen können, wir hätten davon nichts gewusst. Der Roman ist sicherlich eine der eindrucksvollsten Neuerscheinungen des Jahres.

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