Fünf kleine Mörderlein

Erschienen: Januar 1971

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen unter dem Titel „Thursday’s Folly“
- New York : Dodd, Mead & Company 1967. 185 S.
- Reinbek bei Hamburg : Rowohlt Verlag 1971. Übersetzt von Hella v. Spies. ISBN-13: 978-3-499-42215-7. 119 S.

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Michael Drewniok
Moderne Jugend: Rätsel und Horror

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jun 2019

Barchester ist ein kleiner Ort im neuenglischen US-Staat Vermont. Jede/r kennt jede/n, und normalerweise geht es ruhig zu, weshalb Eddie Southworth, Trooper im Dienst der bundesstaatlichen Polizei, zunächst keinen Verdacht schöpft, als das Schaufenster des kleinen Ladens eingeschlagen wird, den Linda Grant führt. Sie ist jung, hübsch und unverheiratet, wird aber von ihren Mitbürgern trotzdem geschätzt, sodass die Aufregung groß ist, als Southworth feststellt: Linda wurde entführt!

In den tiefen Wäldern der Umgebung wird es lebhaft. Polizisten und Bürger suchen nach Linda - oder ihrer Leiche. Der Journalist Peter Styles schließt sich an. Zusammen mit Southworth fährt er hinauf zu Thursday’s Folly, einem ehemaligen Hotel, das seit vielen Jahren der Maler Thursday Rule mit Langzeit-Modell und Lebensgefährtin Emily bewohnt. Der alte Mann hat nichts Verdächtiges beobachtet, doch Styles glaubt seinen Worten eine versteckte Botschaft entnehmen zu können und kehrt später noch einmal allein zurück - ein böser Fehler!

Thursday und Emily sind in der Gewalt einer Bande junger Schwerverbrecher, die nach einem bestialischen Massenmord untertauchen mussten. Auch Linda ist ihrer Gewalt, nachdem sie einen der Strolche beim nächtlichen Einbruch in ihren Laden ertappte. Angeführt wird die sechsköpfige Meute vom intelligenten, aber völlig skrupelfreien Karl Kramer. Er hält seine Bande nur mühsam im Zaum. Die junge Trudy ist dabei, weil die Gruppe ihr Schutz und Sex bietet.

Nun sitzt auch Styles in der Falle. Kramer macht keinen Hehl daraus, dass man alle Zeuge umbringen wird, sobald sich eine Gelegenheit zur Flucht ergibt. Den Gefangenen bleibt eine Galgenfrist, denn der alte Rule muss regelmäßig Lebensmittel einkaufen und sich in Barchester umhören.

Styles gedenkt sich nicht in sein Schicksal zu ergeben, während seine Schicksalsgefährten von Kramer eingeschüchtert sind. Er versucht die Schwachstellen der Gruppe auszuloten und provoziert Streitigkeiten, obwohl er gedemütigt, verprügelt und mit sofortigem Tod bedroht wird. Nach und nach beginnen sich das Kräfteverhältnis zu verschieben, doch Kramer ist nicht nur intelligent und aufmerksam; ihn reizt das Katz-und-Maus-Spiel mit Styles, das er auf die Spitze zu treiben gedenkt …

Mensch = Jäger und Beute

Was war bloß geschehen? In den 1960er Jahren begann für jene US-Bürger, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg eines angenehmen Daseins erfreuten, dessen politische und wirtschaftliche Stabilität höchstens durch den Korea- und dann durch den Vietnam-Krieg erschüttert wurde, eine Phase des inneren Umbruchs, der sie mehrheitlich überforderte. Die Jugend, die bisher brav Soldat, Fabrikarbeiter, Büroangestellter und Ehefrau geworden war, begehrte auf. Was ihren Eltern als Sicherheit erschien, betrachteten sie als Korsett, das ihren Lebenswillen abschnürte. Man wünschte und forderte schließlich Veränderungen, die diejenigen, die von den bestehenden Verhältnissen profitierten, keineswegs gestatten wollten.

Entscheidungsfreiheit, freie Liebe, Weltfrieden, Rassengleichheit … Die Geister waren ihren Flaschen entwichen und ließen sich nicht mehr zurückzwingen. Was in der Rückschau als logische und notwendige Entwicklung erkennbar wird, sorgte nicht nur für Unverständnis, sondern schürte echte Angst, als das Pendel allzu weit ausschlug: Weil das Establishment nicht schnell genug reagierte, wurde der Konflikt gewalttätig.

Dahinter steckte kein Plan, sondern eine vage gemeinsame Haltung, die sich sehr unterschiedlich artikulieren konnte. Für die überforderten ‚Alten‘ schien jedoch der Zusammenbruch von Recht und Ordnung, wie sie es verstanden, unmittelbar bevorzustehen. Die eigenen Kinder wurden zu Fremden und Feinden, die ihren Eltern den Krieg erklärt zu haben schienen.

Die Bestien sind los!

Judson Pentecost Philips (1903-1989) war ein durchaus liberaler Zeitgenosse, der immer wieder dorthin zeigte, wo das Establishment sich verkrustet hatte und Veränderungen nötig wurden. Allerdings war auch er ratlos, wenn er über die dunklen Seiten dieses Prozesses nachsann. Mehrfach zerbrechen sich die Gefangenen von Thursday’s Folly stellvertretend für den Verfasser (und die Leser) die Köpfe darüber, was ihre Peiniger in gnadenlose Mörder verwandelt hat. Diese selbst sind außerstande, ihre Wut in begründende Worte zu fassen. Nur Karl Kramer erklärt sich, aber Philips stellt ihn zwar düster, aber recht lebensfern als Soziopathen mit Gottkomplex dar, der überaus gern entsprechende Phrasen von sich gibt, sich eigentlich nach einer Vatergestalt sehnt, wie er Styles im Finale deutlich macht.

Die übrigen vier Strolche sind dumme, (mord-) geile Tiere. Als solche wuchsen sie vorbildfrei und undiszipliniert auf und ‚lernten‘, dass sie sich mit Gewalt holen mussten, was sie begehrten. Philips scheint an eine US-weit verbreitete Generation haltloser Wolfskinder zu glauben. Ansonsten ist er wie gesagt ratlos: Ist die Angst vor dem Atomkrieg die Ursache? Oder hat man „die Kinder“ verzärtelt, weshalb sie nicht ‚hart‘ genug sind, sich ihren Platz in der Gesellschaft durch Eingliederung und Fleiß zu sichern? Liegt es am inzwischen allgegenwärtigen Sex, der u. a. solche traurigen Kreaturen wie Trudy hervorbringt, die als kollektiv verfügbare Mitläuferin ihr Dasein fristet?

Philips weiß es nicht. Ihm fällt nur ein, die entmenschte Meute mit ihren Opfern zu konfrontieren, die weiterhin den ‚richtigen‘ Werten folgen. Das klingt zeittypisch bigott, doch der Autor relativiert: Thursday und Emily sind quasi ‚Früh-Hippies‘, die schon in den 1920er Jahren auf jene Konventionen gepfiffen haben, die sie für falsch und verlogen hielten.

Tollwütige Hunde müssen erschossen werden

Der Verzicht auf Gewalt macht den Unterschied. Philips legt großen Wert auf diesen Punkt. Peter Styles hat vor Jahren seinen Vater verloren, als Rowdys seinen Wagen von der Straße drängten; er selbst büßte bei diesem ‚Unfall‘ ein Bein ein. Seither reagiert Styles allergisch auf Akte sinnloser Gewalt, denen er beruflich nachspürt. („Fünf kleine Mörderlein“ ist der fünfte Band einer insgesamt 18-bändigen Styles-Serie, die bis 1982 lief.) Privat hat er den Eid abgelegt, sich Kreaturen wie Kramer & Co. niemals zu beugen. Deshalb sinnt Styles über Fluchtmöglichkeiten nach, obwohl sich Philips bemüht, uns Lesern die Aussichtslosigkeit solcher Gedankenspiele möglichst deutlich zu machen.

Selbstverständlich kommt es anders. Dem Verfasser bleibt die Herausforderung, diesen Umschwung glaubhaft zu beschreiben, statt auf wundersame Rettungs-Zufälle zurückzugreifen. Es gelingt, denn Philips war ein absoluter Profi - ein Vielschreiber, der seit den 1930er Jahren durchschnittlich drei Krimis jährlich schrieb; ein Tempo, das er bis ins hohe Alter beibehielt. Vor allem als „Hugh Pentecost“ fanden seine Romane auch hierzulande viele Leser, denn. Philips wusste, wie man Spannung erzeugte.

Freilich kannte er auch die Tricks, mit denen man möglichst rasch möglichst viele Manuskriptseiten füllen konnte. „Fünf kleine Mörderlein“ - der deutsche Schwachsinns-Titel ist Zeuge einer Ära, als Verlage hierzulande glaubten, Käufer durch Plump-‚Witz‘ locken zu können - liest sich wie die Drehbuchvorlage zu einem Thriller, den man viel zu oft gesehen hat. Da helfen die ‚reflexiven‘ Rückblenden, in denen die Protagonisten einander ausgiebig ihre Herzen ausschütten, wenig bis gar nicht. Als dieser Roman erstmals erschien, mag dies anders gewesen sein. Die Angst vor einer enthemmten Jugend war real, auch wenn sie in „Fünf kleine Mörderlein“ überspitzt und dramatisiert wurde, um das lesende Publikum in heimischer Sicherheit angenehm erschauern zu lassen.

Fazit:

Sauber konstruiertes Krimi-Drama, das den Versuch beschreibt, einer quasi perfekten Todesfalle zu entkommen. Viel Raum gibt der Autor der zeitgenössisch relevanten Diskussion um eine ziellose Jugend, die offenbar nur die Zerstörung der etablierten Ordnung im Sinn hat; hier kann das Werk sein Alter nicht verbergen: Lesefutter ohne Klassiker-Potenzial.

Fünf kleine Mörderlein

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