Der unschuldige Mörder

Erschienen: November 2019

Bibliographische Angaben

Aus dem Schwedischen von Annika Krummacher
Originaltitel: En nästan sann historia
Originalverlag: Forum, Stockholm 2016

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Carola Krauße-Reim
Gruppendynamik und Egomanie führen zum Tod

Buch-Rezension von Carola Krauße-Reim Dez 2019

Betty, Zack, Adrian und Fredrik sind Literaturstudenten in Lund. Durch ihre charismatische Dozentin Li Karpe lernen sie den ebenso gefeierten, wie manipulativen Schriftsteller Leo Stark kennen. Immer tiefer geraten sie in seinen Bann, bis er eines Tages spurlos verschwindet. Obwohl es keine Leiche gibt, wird Adrian des Mordes für schuldig befunden und muss ins Gefängnis. Zwölf Jahre später will Zack ein Buch über die Vorkommnisse schreiben und sucht nach der Wahrheit, denn er glaubt, dass Adrian unschuldig ist.

Das Buch im Buch als Spannungsmotor

Edvardsson bedient sich eines alten Tricks um Spannung zu erzeugen. Zacks Roman „Der unschuldige Mörder“ wird als Buch im Buch integriert und beleuchtet als solches die Vorkommnisse, die zum Verschwinden von Leo Stark geführt haben. Immer, wenn es um 1996 oder früher geht, switcht die Erzählung in eines der Kapitel des imaginären Buches, während die Gegenwart, 2008, im vorliegenden Roman mit gleichem Titel abgehandelt wird. Der Leser muss ständig zwischen damals und jetzt pendeln, erfährt dabei immer mehr über das Leben von Betty, Zack, Adrian und Fredrik als Studenten und als allesamt Gescheiterte im Jahr 2008.

Durch den Zeitenwechsel verhindert der Autor zwar eine geradlinige Geschichte, schafft es aber trotzdem nicht Spannung in die Erzählung zu bringen. Die Vorgeschichte ist extrem ausführlich und teilweise langatmig, bis es endlich zum Verschwinden von Stark kommt. Es ist lange unklar, warum Adrian überhaupt schuldig gesprochen wurde und bis zum Schluss ist es auch unklar, ob er es wirklich ist.

Ganz am Ende der Geschichte löst Edvardsson das Rätsel und zaubert den Täter aus dem Hut, wie ein Zauberer ein Kaninchen. Das ist sehr enttäuschend, da anhand der Vorgeschichte der Schluss so für den Leser nicht entwickelbar war. Von Spannung kann zu diesem Zeitpunkt schon lange keine Rede mehr sein, aber auch für die ansonsten eher sozialkritische Geschichte ist es ein enttäuschendes Ende.

Elitäres Denken und Egomanie tun selten gut

1996 stehen die vier Studenten am Beginn eines selbstbestimmten Lebens. Erstmals auf sich gestellt stürzen sie sich hochmotiviert ins Studium, für das sie aus vielen Bewerbern ausgesucht und zugelassen wurden. Sie fühlen sich als Auserwählte, was durch den engen Kontakt mit ihrer Dozentin und dem Schriftsteller Leo Stark noch verstärkt wird. Die Charaktere hat Edvardsson alle gut getroffen. Der schüchterne Fredrik, die lebenslustige Betty, der intellektuelle Adrian und Zack, das Arbeiterkind, sind so gut beschrieben, dass man sie vor sich sieht, wie sie rauchend und trinkend versuchen ihren Intellekt unter Beweis zu stellen. Genauso die Schriftstellergrößen Stark und Karpe. Ihre Egomanie ist greifbar und macht manchmal regelrecht wütend. Sie fühlen sich als Elite, halten andere für minderwertig und geben dieses Gedankengut an die vier Studenten weiter.

Die gehen auf das Spiel ein und lassen sich immer mehr manipulieren ohne es zu merken. 2008 ist die Situation anders. Keiner der Studenten hat sich so entwickelt, wie er es annahm. Sie sind alle enttäuscht von sich und ihrem Leben. Und auch Li Karpe, die Dozentin, wurde in die reale Welt geschleudert. Die Lebensgeschichte der Protagonisten ist der eigentliche Inhalt des Romans. Die Suche nach der Wahrheit und dem Verbleib von Leo Stark tritt in den Hintergrund. Immer mehr schält sich heraus, dass das, was ein elitäres Leben mit einer ausreichenden Portion an Selbstbeweihräucherung sein sollte nur eine Farce war, die in der Katastrophe enden musste.

Nach „Die Lüge“ ist „Der unschuldige Mörder“ eine Enttäuschung

Obwohl als Nachfolgeroman von „Die Lüge“ beworben, ist „Der unschuldige Mörder“ im schwedischen Original bereits davor erschienen. Das merkt man dem Buch an, denn in den zwei Jahren dazwischen hat der Autor einiges dazu gelernt. Dem vorliegenden Buch fehlt es an Raffinesse, Schreibgewandtheit und hintergründiger Entwicklung. Die Geschichte ist herunter erzählt, wenig spannend und endet zu abrupt. Die ständigen Wiederholungen von verräucherten Wohnungen, selbstverliebten Möchtegern-Intellektuellen und egomanischen Schriftstellern ist auf Dauer ermüdend und macht die Geschichte langweilig. Lediglich unter dem Aspekt eines sozialkritischen Gesellschaftsromans könnte man dem Erzählten etwas abgewinnen.

Fazit: 

Wer einen ausdrucksstarken, sprachlich ausgreiften und spannenden Thriller von Mattias Edvardsson lesen möchte, sollte sich „Die Lüge“ gönnen, ansonsten kann ihm eine herbe Enttäuschung ins Haus stehen. „Der unschuldige Mörder“ ist vom Verlag wohl nur zur Vollständigkeit nachgeschoben worden, was man besser gelassen hätte. Er ist eine Rückschritt in jeder Hinsicht, wenn man das Niveau von „Die Lüge“ kennt.

Der unschuldige Mörder

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Letzte Kommentare:
06.01.2020 10:22:00
miss.mesmerized

Die Zeitungskrise trifft im Jahr 2008 auch Zackarias Levin, gepaart mit der Trennung von seiner langjährigen Freundin und Wochen voller Party und Besäufnis, zieht er schließlich von Stockholm zurück zu seiner Mutter nach Veberöd in die schwedische Provinz. An einen Job in der Medienbranche ist aktuell nicht zu denken, weshalb er beschließt, ein Buch zu schreiben, immerhin hat er literarisches Schreiben studiert und genau da liegt auch die Geschichte, die er erzählen möchte. Er und seine Clique lernten in der Studienzeit in Lund durch ihre Dozentin den gefeierten Schriftsteller Leo Stark kennen, der irgendwann spurlos verschwand. Obwohl nie eine Leiche entdeckt wurde, hat man Zacks Freund Adrian Mollberg zu einer langen Haftstrafe verurteilt. Schon damals und nun noch mehr hegte Zack Zweifel an dem Urteil. Er will die Geschichte erzählen, wie sie wirklich war, die Geschichte des unschuldigen Mörders. Doch schon sein erster Besuch bei ihrer gemeinsamen Freundin Betty löst eine unglaubliche Kette von Ereignissen aus, die irgendwann auch zack selbst ins Fadenkreuz der Polizei befördern.

Der schwedische Lehrer Mattias Edvardsson hat die Geschichte seines zweiten Romans clever konstruiert. Er erzählt nicht auf zwei Zeitebenen die Ergebnisse der Studentenzeit und der Gegenwart der Figuren, sondern nutzt Zacks Schreiben als Möglichkeit, die Vergangenheit wieder aufzurollen. Dabei wird bald auch klar, dass diese natürlich jeder Objektivität mangeln muss, da nur eine Figur ihre Erinnerung, ergänzt durch die aktuellen Nachforschungen, liefert und unweigerlich ein großes Fragezeichen hinter dem stehen muss, was uns Zack als reale Geschehnisse anbietet. Die hierdurch entstehende Unsicherheit und ab einem gewissen Punkt auch die Frage, ob man ihm – und nebenbei: auch allen anderen – überhaupt vertrauen und glauben sollte, macht in diesem Buch einen ganz besonderen Reiz aus.

„Der unschuldige Mörder“ ist als Roman eingeordnet, auch wenn der Titel einen Krimi nahelegt. Spannend ist die Suche nach dem tatsächlichen Mörder allemal, aber viel mehr noch lebt die Story von den Figuren und den vielen blinden Flecken des Nichtwissens und Nichtsagens.

„Ich wusste nicht mehr, was ich glauben sollte. Ich begriff immer weniger. Aber eines verstand ich: die Wahrheit kann sehr verschieden sein.“

Daneben ist es auch eine Geschichte vom Erwachsenwerden, von großen Träumen und intensiver Liebe, die Menschen bis an ihre Grenzen und bisweilen darüber hinaus treibt. Im starken Gegensatz zu den jungen philosophierenden Literaten, die sich von der Welt ihrer Dozentin und des Autors faszinieren lassen, steht Zacks Mutter, die erfrischend deutlich die pragmatische Elterngeneration vertritt und fest im Hier und Jetzt verankert ist; ihre zutiefst banalen und lebenspraktischen Kommentare brechen die Handlung immer wieder auf und ermöglichen den Schritt zurück, wenn man sie als Leser zu sehr von der Handlung packen und hineinziehen lässt.

Eine rundum überzeugende Geschichte, die durch interessante Figuren und vor allem die subtile Erzählweise punktet.

20.12.2019 19:41:26
SaintGermain

Als Zack bei der Zeitung seinen Job verliert, zieht er zurück zu seiner Mutter und will ein Buch schreiben. Es soll dabei um seinen Freund Adrian gehen, der zusammen mit ihm und zwei anderen Studenten das Kernstück des literarischen Studiums waren und dabei den Erfolgsautor Leo Stark kennenlernen durften. Dieser ist vor 12 Jahren verschwunden und Adrian saß wegen Mordes 8 Jahre dafür in Haft.

Das Cover des Buches ist typisch für einen Skandinavien-Krimi und passt daher gut zum Buch, ist aber jetzt nicht wirklich außergewöhnlich.Interessant ist, dass das Genre am Cover einfach mit "Roman" angegeben wird, wo es sich eigentlich doch um einen Krimi handelt.

Ebenso interessant ist, dass dieses Buch im Gegensatz zu anderen "Schweden-Krimis" kaum düster ist, was aber nicht stört.

Es ist im deutschsprachigen Raum der zweite Roman des Autors, der mit "Die Lüge" einen großen internationalen Erfolg verbuchen konnte. In Schweden ist dies allerdings sein 1. Buch, das 2016 erschienen ist.

Und in einigen Bereichen merkt man ihm auch das Debüt an. In einigen Kritiken stand, dass "Die Lüge" um Welten besser sei. Da ich seinen Bestseller noch nicht gelesen habe, kann ich dies nicht beurteilen, allerdings konnte mich dieses Buch doch ausgezeichnet unterhalten.

Der Schreibstil des Autors wirkt - passend zum Thema - teilweise sehr literarisch. Die Charaktere und Orte werden perfekt dargestellt. Die Spannung zieht sich das ganze Buch über auf hohem Niveau.

Der deutsche Titel wurde brillant gewählt und sagt schon viel über das Buch aus.

Ausgezeichnet gefiel mir auch, dass die Geschichte aus der Sicht von Zack geschrieben ist und man daher auch als Leser nie mehr weiß als Zack, der hier ja "ermittelt". Genauso brillant fand ich die Erzählweise in 2 Zeiten, wobei die Vergangenheit Zacks Buch war.

Fazit: Solider Krimi, der mich gut unterhalten konnte. 4,5 von 5 Sternen

02.12.2019 14:33:52
Hubere

Unwahrscheinlich mühsam, äzend und echt langweilig. Sprachlich sehr einfach. Zu viele unnötige Wiederholungen und auf der letzte Seite eine kurze Ausflösung der Tatperson - schade um die Lesezeit.

20.11.2019 16:03:52
Birdiegon

Langeweile von Anfang bis Ende. Nervig auch der dauernde Wechsel zwischen 2008 und 1996/97. Die Story zieht sich wie Kaugummi.