Dreizehn Gäste

Erschienen: März 2019

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen unter dem Titel „Thirteen Guests“
- London : William Collins, Sons 1936. 284 S.
- Stuttgart : Klett-Cotta 2019. Übersetzt von Elke Schönfeld. ISBN-13: 978-3-608-96392-2. 348 Seiten.
- Stuttgart : Klett-Cotta 2019. Übersetzt von Elke Schönfeld. ISBN-13: 978-3-608-11562-8. 3,58 MB. (ePUB)

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Michael Drewniok
Auf die feine englische = tödlich verschleierte Art

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mai 2019

Lord Aveling ist ein englischer Landadliger der alten Schule. Dennoch muss auch er einer Neuzeit, die ihm dreist Steuern abfordert, Tribut leisten. Die vorgeblich „zur Hirschjagd“ auf Bragley Court geladene Gesellschaft wurde deshalb mit Bedacht zusammengestellt. Sie besticht weniger durch Klasse, sondern verfügt über politische Macht, journalistischen Einfluss und vor allem Geld, das im Haus der Avelings schmerzlich knapp zu werden beginnt.

Zwölf Gäste beherbergt Bragley Court an diesem Wochenende. Zu ihnen stößt als Nr. 13 und damit als Unglücksbringer John Foss, der sich den Fuß verletzt hat und das abgelegene Landgut nicht verlassen kann. Der junge Mann liegt wenig beachtet auf einer Couch und wird unfreiwillig Zeuge der Ränkespiele, die umgehend einsetzen, sobald die Gästeschar vollständig ist.

Der Ton wird rauer, nachdem Maler Leicester Pratt entdecken musste, dass jemand sein Porträt der Aveling-Tochter Anne kurz vor der Vollendung mit roter Farbe beschmiert hat. In der Nacht wird vor dem Haus ein Wachhund erstochen. Zu allem Überfluss entdeckt man in einem alten Steinbruch die Leiche eines Mannes, der nicht zu Tode gestürzt ist, sondern erdrosselt wurde.

Detective Inspector Kendall ist gerade erst eingetroffen, als man schon die nächste Leiche ins Haus trägt: Der unsympathische Mr. Chaters ist während der Jagd tot von seinem Pferd gefallen. Auch hier wurde nachgeholfen - und die nächste Leiche lässt nicht lange auf sich warten! Die Zeit drängt, doch Kendall muss sich mit einer Gästeschar auseinandersetzen, die mehr oder weniger dunkle Geheimnisse hütet. Mal geduldig, mal betont grob bemüht sich der erfahrene Beamte, den zahlreichen Verdächtigen die Wahrheit zu entlocken. Als endlich plausibel enthüllt ist, was geschah, erwartet zumindest uns Leser noch eine Überraschung …

Mord auf poliertem, stabilem, geliebtem Landhausparkett

Die Kulisse ist klassisch, und nicht nur die Handlungs-, sondern auch die Entstehungszeit passt: Willkommen im englischen Landhaus-Krimi der Ära vor dem Zweiten Weltkrieg, als sich vorgeblich vornehme, autorenseitig sorgfältig nach Konfliktpotenzial gemischte Gesellschaften an einsamen Stätten mit (mindestens) einem Mord konfrontiert sehen. Einer der Gäste muss es gewesen sein, weshalb der Tat das Bemühen folgt, ein kompliziert gewobenes Netz aus Lügen und Irrtümern so zu zerreißen, dass am Ende eine völlig unerwartete Auflösung steht.

Was ist die entscheidende Zutat dieses Erfolgsrezepts? Dahinter steckt die (zunehmend nostalgische) Sehnsucht nach einer (imaginären) „guten, alten Zeit“, als das Alltagsleben noch überschaubar war und sich die Welt gerade so schnell drehte, dass man ihr schritthalten konnte. Ein zwar kompliziertes, aber lösbares Rätsel sorgt für sachte Spannung und die tröstliche Erkenntnis, dass alles geklärt werden kann, statt auf dem wachsenden Berg jener Probleme zu landen, die als Lebenslast mitgeschleppt werden müssen.

Zudem erweist sich ein gern geäußerter kritischer Vorwurf bei näherer Betrachtung als Fehlschluss: Keineswegs gleicht die Mörderfahndung im Landhaus dem Ablauf einer mechanischen Spieluhr. Selbstverständlich sollte das Mysterium undurchsichtig sein. Nichtsdestotrotz vergaßen selbst Autoren wie John Jefferson Farjeon, der „Kuschel-Krimis“ quasi in Serie schrieb, niemals diese elementare Notwendigkeit: Die am ‚Spiel‘ teilnehmenden Figuren sollten Menschen darstellen!

Feine Gesellschaft mit groben Bedürfnissen

Mit buchstäblicher Freude am Detail erweckt Farjeon nicht nur die dreizehn Mitglieder der Wochenend-Gesellschaft, sondern auch das genretypische ‚Nebenbei-Personal‘ aus subalternen Polizisten und Dienstboten zum Leben. Tatsächlich übertreibt er es hin und wieder; so nimmt die zaghafte Liaison zwischen dem unfreiwilligen Hausgast John Foss und der Lebedame Nadine Leveridge zu viele Seiten ein und deutet eine Bedeutsamkeit an, die uns die Handlung schuldig bleibt: Farjeon glaubt fälschlich an den Mehrwert einer Love-Story dort, wo das kriminelle/kriminalistische Geschehen im Vordergrund stehen sollte. Sobald er sich dessen erinnert und darauf besinnt, wird und bleibt es spannend.

„Dreizehn Gäste“ wird zum Krimi-Spiel, das immer wieder das Genre ironisiert und die „vierte Wand“ zum Leser durchbricht. Farjeon ist ein Meister des feinen Humors, den er sehr fein instrumentieren kann. So merkt man erst nach einer Weile, dass die ausführlich geschilderte Hatz auf einen Hirsch die Jagd nach dem Mörder widerspiegelt, wobei der Verfasser sehr deutlich wird: „Das Rudel erwachte zum Leben … Hinter ihnen zog die Gesellschaft her, bebend vor erlaubtem Blutdurst …“ (S. 130)

Von „Noblesse oblige“ kann wahrlich keine Rede sein. Wer eingeladen wurde, wollte entweder nicht kommen oder ist nicht willkommen. Der verletzte Foss bekommt stellvertretend für uns Leser einen Logenplatz; man vergisst ihn, der still auf seinem Lager leidet, und lässt die Deckung fallen. Vor allem nachts geht es um auf Bragley Court, doch dafür sind keine Gespenster verantwortlich. Dass viele Geheimnisse nichts mit den mörderischen Umtrieben zu tun haben, verdichtet das Rätsel, das von Inspektor Kendall weniger zerpflückt als systematisch zergliedert werden muss.

Ermittler ohne Minderwertigkeitskomplex

„Wir kommen in ein Haus randvoll mit Gästen, von denen vermutlich jeder meint, er sei der Amateurdetektiv der Welt. … Keine Amateure auf dieser Fahrt, klar? Ermuntert sie mir nicht und lasst euch nicht löchern. Kein ‚zu viele Köche‘. Der einzige Koch bin ich …“

So nimmt Inspektor Kendall streng die ihn begleitenden Polizisten ins Gebet. Er ist höflich, aber korrekt und offensichtlich kein Ermittler, der Bragley Court durch den Dienstboteneingang zu betreten gedenkt. Die Zeiten haben sich geändert; mehrfach muss Lord Aveling es betrübt zur Kenntnis nehmen. Der Adel behauptet seinen Anspruch auf gesellschaftliche Privilegien aufgrund ‚angeborener‘ Führungsqualitäten. Doch ‚das Volk‘ lässt sich nicht mehr widerspruchslos ‚leiten‘. Geld regiert die neue Welt - und es ist nicht mehr der Adel, der es besitzt: Deshalb schaffen es ‚Emporkömmlinge‘ wie der ‚Schlachthauskönig‘ Rove an die Tafel von Lord Aveling, der klug genug ist, die Zeichen der Zeit zu akzeptieren, ohne sie zu billigen.

Über den Realitätsgehalt des Geschehens sollte man bei einem Farjeon-Garn noch weniger nachdenken als beispielsweise bei einem Agatha-Christie-Krimi: Der Autor kümmert sich kaum um Bodenhaftung. Seine Energie investiert er lieber in unerwartete Wendungen, die auch dieses Mal das Schicksal ordentlich ins Schwitzen bringen. Zwar wird das Verbrechen aufgeklärt, doch die schnöden, hässlichen, deprimierenden Konsequenzen - Verhaftung, Gerichtsverhandlung, Gefängnis, Hinrichtung - werden im Landhaus-Krimi gern durch Selbstmord oder Unfall vermieden. Auch in diesem Punkt treibt es Farjeon unbekümmert auf die Spitze - und sorgt für einen finalen Aha-Effekt, der nicht nur gelingt, sondern auch wünschen lässt, weitere (ausgezeichnet übersetzte und schön layoutete) Farjeon-Krimis zu lesen!

Fazit:

Im typischen Landhaus-Ambiente des klassischen englischen Rätselkrimis sorgt Profi Farjeon nicht nur für die genreübliche = ‚sanfte‘ Spannung, sondern treibt auch seinen Scherz mit dem Genre, das er lustvoll ironisiert, ohne es zu verraten, weshalb eine ohnehin komplexe Auflösung noch einen Zusatz-Twist verträgt: Hier schreibt jemand, der weiß, wie’s geht!

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