Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle

Erschienen: August 2019

Couch-Wertung:

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Andreas Kurth
Munteres Morden und Weiterleben in einem verwunschenen Herrenhaus

Buch-Rezension von Andreas Kurth Okt 2019

Um es mal gleich zu sagen: Wer phantastische Elemente in einem Kriminalroman nicht mag, sollte die Lektüre dieses Buches unterlassen. Wer absolut spannende Kriminalliteratur und große Unterhaltung liebt - der ist hier richtig. Auf der Verlagsseite von Klett Cotta wird aus der Daily Mail zitiert, was ich hier gerne wiedergeben möchte: “Stellen Sie sich darauf ein, dass dieses Buch Sie völlig umhauen wird ... ein berauschendes Verwirrspiel und ausgesprochen originelles Leseerlebnis.”

Ob man als Verlag dann vom “raffiniertesten Kriminalroman des Jahres” sprechen muss, mag dahingestellt sein. Solche Superlative machen den Rezensenten ja in aller Regel eher misstrauisch. Aber ich oute mich mal: Das Buch ist für mich auf jeden Fall unter den Top ten der Kriminalliteratur dieses Jahres zu finden. Der freiberufliche Reisejournalist Stuart Turton hat hier seinen Debüt-Roman vorgelegt, und wurde in Großbritannien dafür gefeiert und mit Preisen ausgezeichnet.

Eine schier endlose Reihe geheimnisvoller Gespräche

Worum geht es? Im alten Herrenhaus Blackheath House hat sich eine Festgesellschaft versammelt. Wie sich herausstellt, sind nach vielen Jahren dieselben Menschen versammelt, die zu einer Feier hier waren, als Thomas Hardcastle, der Sohn der Gastgeber-Familie, ermordet wurde. Der Tag - der sich in Endlos-Schleifen immer wieder abspielt - ist mit den Vorbereitungen für den Maskenball am Abend ausgefüllt. Und mit einer schier endlosen Reihe geheimnisvoller Gespräche, Ereignisse - und Morde…. Der Ball findet jeweils seinen dramatischen Höhepunkt darin, dass sich Evelyn Hardcastle, die Namensgeberin des Romans, an einem Teich erschießt.

Der erste Tag beginnt damit, dass ein Mann im Wald bei Blackheath House erwacht, und nicht weiß, wer er ist oder wo er sich befindet. Im Klappentext des Buches wird bereits verraten, dass es sich um Aiden Bishop handelt - der selbst allerdings erst nach einigen Wiederholungen des Tages erfährt, wie er heißt, und warum er in immer neuen Wirtskörpern wach wird. Und damit sind wir beim phantastischen Teil des Romans.

An jedem neuen Morgen ist Aiden Bishop zu Gast in einer anderen Person. Warum das so ist, und was das für ihn bedeutet, wird dem Protagonisten, und damit auch dem Leser, erst in kleinen Scheibchen enthüllt. Und um das ganze Verwirrspiel noch etwas komplizierter zu machen, geht es manchmal an vorhergehenden Tagen einfach weiter. Wie das geht? Das wird hier nicht verraten, aber die ganze Geschichte besteht eben aus Überraschungen und immer neuen Wendungen.

Gästeliste und Grundrisse sind überaus hilfreich für den Leser

Was ja auch keine große Kunst ist, denn je nach Wirtsperson kann Aiden immer neu und anders agieren. Aber er ist dabei nicht immer der freie Herr seiner Entscheidungen. Das mystische Element des Romans ist dem Leser nach der Lektüre des Klappentextes bekannt. Aber beim Lesen wird dann schnell klar, dass die Aufklärung des Kriminalfalls, denn um einen solchen soll es sich handeln, mehrere Tage dauern wird. Diese scheinbare Gewissheit nimmt der rasanten Geschichte aber überhaupt nichts von ihrer Spannung.

Wahrlich verwirrend ist das große Personaltableau. Da ist nicht nur Aiden Bishop mit seinen Wirtspersonen, sondern auch eine lange Reihe weiterer Gäste, Hauspersonal, und einige Akteure, die Aiden beaufsichtigen - oder nach dem Leben trachten. Als Leser braucht man so einige Zeit (oder in der Handlung einige Tage), um sich in diesem  Durcheinander einigermaßen zurecht zu finden.

Mehr als hilfreich sind dabei die kurze Gästeliste am Anfang des Buches, sowie die Grundrisse beider Stockwerke von Blackheath House. Dort sind bei Funktionsräumen deren Zweckbestimmung, bei Wohnräumen deren Bewohner vermerkt. An dieser Stelle eine Anmerkung zur Hörbuch-Version aus dem Audiobuch-Verlag. Die von Frank Stieren gelesene Produktion ist im Grunde sehr überzeugend. Aber ich muss gestehen, dass ich angesichts der Komplexität der Handlung, der Vielzahl der Personen und des durchaus anspruchsvollen Settings immer wieder zum gedruckten Buch gegriffen habe, um auf Gästeliste und Lageplan zu blicken. Ein gut gelesenes Hörbuch, aber ohne gedruckte Ausgabe hätte ich der Handlung an einigen Stellen nicht wirklich folgen können.

Alle Wirte haben in der Geschichte ihre Funktion

Bei knapp über 600 Seiten starken Romanen ist man zuweilen versucht, dem Autor Abschweifungen vorzuwerfen und Kürzungen zu empfehlen. Für “Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle” gilt das nun so gar nicht. Aufgrund der permanenten Wendungen, der täglich neuen Wirtspersonen, und der dadurch veränderten Handlungsabläufe wird man als Leser vorzüglich unterhalten. Aiden Bishop muss sich permanenter Angriffe erwehren, ringt um wichtige Verbündete, rätselt über die Vorgänge in Blackheath House - und auch um seine eigene Vergangenheit.

Hinzu kommt die Verschiedenheit seiner Wirtspersonen, in denen er auch unterschiedlich viel Zeit verbringt. Dominiert bei Sebastian Bell, der sich als Drogen-Dealer entpuppt, noch die Überraschung über seine merkwürdige Lage, so ist Butler Collins nur eine Art Übergangswirt, bis Bishop im Körper von Donald Davies wichtige neue Erkenntnisse gewinnt. Es folgen der skrupellose Lord Ravencourt, der Vergewaltiger Jonathan Derby, der hinterhältige Edward Dance, der Polizist Jim Rashton und schließlich der Künstler Gregory Gold. Sie alle haben in der Geschichte ihre spezielle Funktion, sind zu unterschiedlichen Zeiten des Tages wach und aktiv.

Ob “Die sieben Toide der Evelyn Hardcastle” nun tatsächlich “der” raffinierteste Kriminalroman des Jahres ist, kann ich nicht beurteilen. Denn ich habe nicht alle gelesen. Aber es ist einer der raffiniertesten und am besten komponierten, die ich bisher gelesen habe.

Fazit:

Reisejournalist Stuart Turton hat hier sein Thriller-Debüt vorgelegt. Laut Klett Cotta Verlag soll das Buch in der Originalausgabe ein überwältigender Publikumserfolg gewesen sein. Das glaube ich unbesehen, denn der Autor erzählt hier eine dermaßen abwechslungsreiche und spannende Geschichte, dass man sich mit dem Buch herrlich in eine Sofaecke vergraben und bei der Lektüre die Zeit vergessen kann. Und dabei ist es nicht nur ein Kriminalroman, sondern es geht auch um Liebe, Macht, Intrigen, Eifersucht und vieles mehr. Eine richtig pralle Geschichte, die den Leser bestens unterhält - und die man gern ein zweites Mal lesen kann, um alle Nuancen zu erfassen.

Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle

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