James Bond. Casino Royal.

  • Ullstein
  • Erschienen: Januar 1960
  • London: Jonathan Cape, 1953, Titel: 'Casino Royale', Seiten: 218, Originalsprache
  • Frankfurt am Main; Berlin: Ullstein, 1960, Seiten: 172, Übersetzt: Günther Eichel
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1992, Seiten: 192
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1993, Seiten: 172
  • München: Heyne, 2003, Seiten: 224
  • München: Pavillon, 2005, Seiten: 224
  • München: Heyne, 2006, Seiten: 224
  • Ludwigsburg: Cross Cult, 2012, Seiten: 240, Übersetzt: Stephanie Pannen & Anika Klüver
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Michael Drewniok
50°

Krimi-Couch Rezension vonMai 2003

Die Quelle der Bonditis, doch unbarmherzig ist der Zahn der Zeit

Royale-les-Eaux war einst ein mondäner Ferienort an der französischen Kanalküste. Jetzt (d. h. Anfang der 1950er Jahre) ist nur noch das Casino einen Besuch wert. Viel Geld und wenig Aufsehen: Das ist genau das Umfeld, das Le Chiffre gesucht hat. Der hinterhältige Meisterspion der Sowjets hat sich mit einigen Nebenbei-Geschäften verspekuliert und dabei Geld aus der Portokasse genommen; sehr viel Geld, um genau zu sein, was für Le Chiffre ein Problem ist, da der russische Geheimdienst sehr wenig Verständnis für solche Eskapaden aufbringt und ihm womöglich die Terror-Truppe "Smersch" schickt, die vom Kurs abgekommene Kommunistenspitzel sehr rüde zu behandeln pflegt.

Verzweifelt beschließt Le Chiffre, ein Vermögen am Spieltisch zu gewinnen. Auf diese Situation hat der britische Secret Service schon lange gewartet. Le Chiffre soll ruiniert und als Agent außer Gefecht gesetzt werden. Der richtige Mann dafür ist James Bond, dessen Kennziffer "007" dem Eingeweihten verrät, dass dieser ungewöhnliche Staatsbeamte die Lizenz zum Töten besitzt. Das war bisher zweimal nötig, und auch sonst ist mit diesem Bond nicht gut Kirschen essen, denn er liebt seinen Job und hasst die Roten.

Umgehend macht sich 007 auf nach Royale. Dort trifft er die ihm zugewiesene Kontaktfrau Vesper Lynd, die recht unprofessionell wirkt, doch immerhin ausgesprochen ansehnlich ist. Aber erst die Arbeit, dann das Vergnügen, so Bonds strenge Regel. In einem Nerven aufreibenden Bakkarat-Duell mit Le Chiffre obsiegt Bond. Der Triumph lässt ihn unvorsichtig werden. Le Chiffres Schergen kidnappen Vesper und locken 007 in eine Falle. Sein Widersacher foltert ihn auf brutalste Weise, um sein Geld zu erpressen. Aber Le Chiffre hat die Rechnung ohne den Smersch-Wirt gemacht. Bond kommt an Leib und Seele schwer gezeichnet frei - und erneut freut er sich zu früh, denn die eigentliche Prüfung erwartet ihn noch...

"Casino Royale": ein rasanter, lakonischer, gewalttätiger Thriller, der noch heute die Aufregung spüren lässt, die er Anno 1953 bei denen hinterließ, die ihn unvorbereitet lasen. (Allerdings lag die Erstauflage bei gerade 4.750 Exemplaren...) Für die betulichen Fans von Edgar Wallace oder Agatha Christie muss damals das Ende der Welt nahe gewesen sein. Aber auch die Schnüffler vom Schlage eines Philip Marlowe oder Lew Archer sahen alt aus gegen James Bond, den Agenten des Secret Service, der finanziell und technisch üppig ausgestattet und mit Rückendeckung seines Arbeitgebers gegen die Feinde der westlichen Zivilisation zu Felde zog.

Dem "heißen" II. Weltkrieg folgte ab 1945 ein "kalter" Krieg der beiden Supermächte USA und UdSSR. Er wurde heimlich, aber erbittert ausgefochten. Das Verbrechen gewann eine neue, politische Dimension: Nicht Raub oder Mord aus Gier oder Rache waren die Motive im "Großen Spiel" der Regierungen. Die (angeblich) legitime Abwehr und Schwächung der heimtückischen Feinde des jeweils konkurrierenden Systems stand im Vordergrund. Menschen und Opfer wurden zu Spielfiguren und Zahlen. Unsicherheit bestimmte das Zwielicht hinter den Kulissen. Wer war Freund, wer Feind? Galten diese Klassifizierungen überhaupt noch?

Natürlich bietet die Welt der Geheimdienste nur die grobe Schablone, vor der Ian Fleming 1953 James Bond 007 agieren ließ. Zwar konnte der Verfasser (s. u.) auf eigene Erfahrungen zurückgreifen, die er jedoch aufs Spektakuläre zuspitzen musste: Auch Agentenarbeit ist primär langweilige Routine. Als Schriftsteller war Fleming zudem Neuling. Das merkt man seiner Geschichte an, die deutlich in drei Teile zerfällt: Bonds Vorbereitungen zum grandiosen Kartenspiel-Gefecht mit Le Chiffre im Casino Royale (sehr gelungen), die anschließende Gefangennahme, Folter und Rettung von Bond (unbehaglich intensiv) sowie schließlich der tragisch gemeinte, aber recht missglückte, weil an einen bereits abgeschlossenen Spannungsbogen anknüpfen wollende Epilog vom großen Verrat der Vesper Lynd.

Für Bond-erfahrene Kinobesucher geschieht erstaunlich wenig in diesem Roman. Es gibt eine Bombenattacke, eine Autoverfolgungsjagd und eine ausgiebige Folterszene. Das war's an Action. Raffinierte Agententechnik aus dem Hause Q glänzt ebenfalls durch Abwesenheit. Bond fährt einen Bentley Baujahr 1933 und benutzt eine Beretta Kaliber .25. (Später informierte ein Waffenexperte Fleming, dass diese als "Damenpistole" gilt. Danach wechselte 007 schleunigst zur Walther PPK.)

Was "Casino Royale" (neben nostalgischen Gründen) immer noch lesbar macht, ist Flemings offensichtliches Bemühen, dem Getümmel eine dritte Dimension zu verleihen. Auffällig sind die ausführlichen Beschreibungen von Kleidern, Speisen, Möbeln usw. Ian Fleming verstand sich als Mann mit Stil, und das gab er an seinen James Bond weiter. Diesen sah er darüber hinaus als Muster für den Menschen der Gegenwart, d. h. rasch und notgedrungen rücksichtslos im Denken und Handeln.

Ian Flemings James Bond ist ein vom Kino-007 völlig konträre Figur. Nur die beiden ersten Filme ("James Bond jagt Dr. No" und "Liebesgrüße aus Moskau") mit Sean Connery kommen dem eiskalten, auf sein Ziel fixierten und dabei buchstäblich über Leichen gehenden Bond aus "Casino Royale" nahe. Selbst Fleming milderte die schroffe Persönlichkeit seines Helden rasch ab; der spätere James Bond ist nicht milder im Handeln, aber psychisch stabiler, d. h. nicht mehr von gar zu offensichtlichen Selbstzweifeln und unterdrückten Emotionen bestimmt, die er hinter der Maske des 007 zu verbergen trachtet.

Vergessen ist spätestens seit der Ära des 007-Clowns Roger Moore, dass James Bond ein Produkt des II. Weltkriegs ist. Fleming flicht dessen prägende Kriegserlebnisse immer wieder ein. (Das brachte ihn später selbst in Schwierigkeiten, da er Bond zunächst "normal" und dann langsamer altern ließ, bis dieser eigentlich bereits als Schuljunge ins Feld gezogen sein musste, wenn man nachrechnete.) Auch deshalb ist der 007 aus "Casino Royale" uns heute recht fremd.

Bonds Frauenbild ist ein unverfälschtes Spiegelbild seiner Zeit. Er lehnt weibliche Agenten ab, weil sie seiner Meinung nach niemals dieselbe Konsequenz wie ein Mann aufbringen können. Prompt versagt Vesper Lynd, und Bond flucht sie in die Rolle der Ehefrau und Mutter zurück. Schlafen will er aber unbedingt mit ihr, das steht auf seiner Liste - sobald er den Job erledigt hat: Diesen Bond kennen wir gut. Allerdings verliebt sich 007 später in Vesper und macht ihr einen ernst gemeinten Heiratsantrag. Sogar aus dem Agentengeschäft will er sich zurückziehen. Aber Vesper ist eine Doppelagentin und die Welt ist schlecht. Auf dass sie nicht zu allem Überfluss rot werde, macht es in Bonds Hirn "Klick". "Das Biest [= Vesper] ist tot", wird nach London gemeldet (dort gibt es bereits einen "M" und eine Miss Moneypenny), und dann wirft sich 007 wieder in den Kampf mit dem Reich des Bösen.

Vesper Lynd ist paradoxerweise emanzipierter als eigentlich alle Kino-Bond-Girls bis in die Gegenwart. Sie wirft sich weder bereitwillig in 007s starke Arme, noch wälzt sich "frei ab 12 Jahre" mit ihm auf einem Eisbärenfell. Ihre Vergangenheit ist tragisch, ihr Schuldgefühl echt, ihr Ende rührt an (selbst wenn dieser Effekt von Fleming nur konstruiert wurde, um Bond noch einmal als harten Kerl dastehen zu lassen).

Le Chiffre ist bereits der erste der überlebensgroßen Bösewichter, die später typisch für das Bondiversum werden. Noch greift er nicht nach der Weltherrschaft, sondern ist mehr oder ein Handlanger der (realen) Sowjetmacht. Aber im Folterkeller legt er bereits die Bond-typische Mischung aus Sadismus und Größenwahn an den Tag. Sein Ende ist schrecklich gewöhnlich - ein Fehler, den Fleming und vor allem die Kinofilme später vermeiden werden.

Einem unerhört verworrenen Rechtsstreit, den hier zu schildern kein Platz ist, verdanken wir die bizarre "Casino Royale"- Verfilmung von 1967, die mit dem Roman nur mehr marginal zu tun hat. Gleich sieben (!) Regisseure versuchten sich an einer mit ratlosen Filmstars (William Holden, Deborah Kerr, David Niven, Woody Allen und, und, und...) gespickten Pop-Komödie um gleich mehrere konkurrierende James Bonds. Statt dessen fabrizierten sie ein schwerfälliges Vehikel, das inzwischen recht unterhaltsam ist, weil man gar nicht glauben mag, was man da sehen kann.

"Casino Royale" ist der erste der James Bond-Romane, die der Heyne-Verlag anlässlich des 50. "Geburtstags" unseres Lieblingsagenten neu herausbringt. Der Preis ist moderat, die Titelbilder sind schön gestaltet: eine gute Gelegenheit, den "Ur-007" neu oder womöglich zum ersten Mal kennenzulernen.

James Bond. Casino Royal.

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James Bond. Casino Royal.

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