Die Wahrheit der Toten

Erschienen: Januar 2020

Bibliographische Angaben

übersetzt aus dem Englischen von Frank Dabrock
Originaltitel: How it Happened

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Michael Drewniok
Fuchs und Jagdhund - Duell bis zum bitteren Ende

Buch-Rezension von Michael Drewniok Feb 2020

In Port Hope, einem Ferienort im US-Staat Maine, verschwindet ein junges Paar. Ein Verbrechen wird vermutet; die Polizei verdächtigt die schon mehrfach kriminell aufgefallene Kimberley Crepeaux, kann sie aber nicht zu einer Aussage bringen und bittet das FBI um Hilfe. Aus Boston reist Verhörspezialist Rob Barrett an, der zwar fähig, aber unerfahren ist. Dennoch gelingt es ihm, Kimberley ein sensationelles Geständnis zu entlocken: Demnach hat der Handwerker Mathias Burke die Vermissten umgebracht und dann Kimberley sowie eine weitere junge Frau gezwungen, die Leichen in einem nahen See zu entsorgen.

Burke besitzt einen makellosen Leumund, während Kimberley als notorische Lügnerin berüchtigt ist; die andere Verdächtige ist nach einer Überdosis gestorben. Barrett glaubt Kimberley, die genau angeben kann, wo die Leichen versenkt wurden. Doch als man dort sucht, findet man nichts. Stattdessen werden die beiden Toten später an einer anderen Stelle entdeckt: Offenbar hat Kimberley wieder einmal gelogen, und Burke ist ihr auf den Leim gegangen.

Der FBI-Agent wird in die Provinz strafversetzt, kann den Fall jedoch nicht vergessen. Als nicht nur Kimberley, sondern auch der Großvater des weiblichen Opfers ihn um Hilfe bitten, kann er nicht widerstehen. Kimberley bekräftigt, die Wahrheit gesagt zu haben und nun von Burke bedroht zu werden. Obwohl er seinen Job riskiert, nimmt Barrett eigenmächtig die Ermittlungen wieder auf. Doch Burke ist schlau und weiß den lästigen Schnüffler in Bedrängnis zu bringen. Barretts Vorgesetzte setzen ihm zu, und schließlich wird ein Mordanschlag auf ihn verübt. Unbeirrt gräbt Barrett weiter - und deckt einen Kriminalfall auf, der in seiner Dimension über einen Doppelmord weit hinausgeht. Als er der Wahrheit zu nahe kommt, soll der Moment der Erkenntnis auch das Ende seines Lebens werden …

Arglos ins Hornissennest

Die Wahrheit ist der heilige Gral jener Kriminalermittler, die nicht nur einen Job erledigen, sondern auf einer Mission sind, der sie auch oder gerade dann nachgehen, wenn sich die ganze Welt gegen sie wendet. In die lange Reihe derer, die sich im Dienst der guten Sache ordentlich piesacken lassen, reiht sich ein wenig unauffällig Agent Rob Barrett ein. Originalität ist kein Pfund, mit dem Autor Michael Koryta wuchern könnte.

Muss er auch gar nicht. „Die Wahrheit der Toten“ fällt in die Kategorie gelungenes Handwerk. Diese Einschätzung stellt durchaus ein Lob dar. Zu viele Autoren verzetteln sich in dem zum Scheitern verurteilten Bemühen, das Genre-Rad neu zu erfinden. Der Realität allzu grotesk widersprechende Szenarien und Figuren, die vor allem auf der ‚bösen Seite‘ den Grat zur lächerlichen Übertreibung schmerzhaft überschreiten, sind die Folgen. Koryta beschränkt sich darauf, eine simple Geschichte spannend zu erzählen. Dies gelingt nicht immer, funktioniert aber besser als mancher gehypter Bestseller.

Typisch ist es, den Ermittler zu isolieren. Barrett wuchs zwar in Port Hope auf, hat sich dort aber nie heimisch unter Menschen gefühlt, die Koryta als Gemeinschaft beschreibt, die lieber unter sich bleibt und Einmischungen von außen ablehnt. Gern würde man in Port Hope den Fall so abhaken, wie er ins Weltbild passt, um zur Tagesordnung überzugehen. Dass Barrett sich dem verweigert, verwandelt ihn vom Ermittler, der seine Pflicht tut, in einen Störenfried, dem man Steine in den Weg legt.

Der weite, schmerzhafte Weg zur Erkenntnis

Keineswegs stoisch, aber unbeirrbar stochert Barrett dort herum, wo es nicht nur ihm Schmerzen bereitet. Es wirkt nicht gerade plausibel, dass ein FBI-Agent, der sich auf Verhörtechniken spezialisiert hat und ausdrücklich als unerfahren geschildert wird, sich ansatzlos in einen gewieften Spürhund verwandelt. Allerdings bekommt Barrett genug Gegenwind und Prügel, die sein Ungeschick unterstreichen.

Im Hintergrund lauert eine Verschwörung. Koryta lässt sich Zeit, deutet lange nur an, bis er die Zügel fester zieht und enthüllt, dass es hier nicht nur um das Duell zwischen einem redlichen Ermittler und einem hinterlistig-schlauen Psychopathen geht. Das Timing ist zufriedenstellend, und die Ausweitung des Plots gefällt, weil sie der Handlung Schwung und Inhalt gibt. „Die Wahrheit der Toten“ weist zwar nicht den für heutige Krimi-Bestseller erforderlichen Ziegelstein-Umfang auf. Trotzdem gilt es 450 Seiten mit spannendem Inhalt zu füllen - und das ist dem Verfasser gelungen.

Augen auf und durch

Ökonomie ist ein Qualitätsmerkmal für eine Geschichte. Gerade ein Krimi will so erzählt werden, dass der Inhalt mehrheitlich dem Plot zuzuordnen ist. Diese Tugend droht leider in Vergessenheit zu geraten. Allzu gern wird der Krimi mit Allerweltsproblemen meist zwischenmenschlicher Art zugemüllt. Auch Koryta kann nicht widerstehen und führt mit der schönen undselbstbewussten Liz eine überflüssige Figur ein, die dem drangsalierten Barrett zuhört, wenn dieser von seiner schlimmen Kindheit in Port Hope erzählt oder getröstet werden muss.

Nachdem das Komplott aufgeflogen ist und alle Beteiligten geschnappt sind, muss überhaupt noch eine Menge nachträglich erklärt werden. Das nimmt man nicht übel, sondern hin, denn als Gegenleistung wurde ein Garn gesponnen, das manche unerwartete Wende nahm. Mit einer Fortsetzung wird im Epilog nicht gedroht, doch sie wäre problemlos möglich.

Fazit:

Das Duell zwischen einem FBI-Spezialisten und einem einfallsreichen Psychopathen weitet sich spannend zu einem Komplott, was dem simplen, aber allzeittauglichen Plot eine Reihe unerwarteter Wendungen beschert: solider Thriller, der beinahe ohne unnötige Nebenhandlungen unterhalten will und kann.

Die Wahrheit der Toten

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