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Thomas Gisbertz
Beste Krimi-Unterhaltung aus Hamburg

Buch-Rezension von Thomas Gisbertz Feb 2020

Im Leben des Hamburger Kriminaloberkommissars Tom Simon überschlagen sich gerade die Ereignisse. Zunächst wird er unfreiwillig im Netz zum boxenden Superbullen des Monats gekürt, weil er nachts auf dem Weg nach Hause einem Mann, der sich anzuzünden will, das Leben rettet, indem er ihn kurzerhand niederschlägt - alles von einem Anwohner gefilmt und ins Internet gestellt.

Dann wird Tom zusammen mit seiner Kollegin Mira Holbing zu einem Tatort gerufen: Der Unternehmens- und Politikberater Lars Lutteroth wird tot auf einem Parkplatz nahe eines Flüchtlingsheims aufgefunden. In der Jackentasche des 56-jährigen Mannes findet man ein Spielzeugauto. Was hat es damit auf sich? Und wen wollte Lutteroth hier mitten in der Nacht treffen?

Videoaufnahmen einer Tankstelle zeigen, dass der Unternehmensberater kurz vor seinem Tod noch telefoniert hat. Wer könnte der Anrufer sein? Und welche Rolle spielt Lutteroths Partner Hauke Bentner? Eine gelöschte Datei auf dem Rechner des Opfers führt Simon und Holbing auf die Spur eines millionenschweren Pharma-Skandals ,und auf den Biohof von Lutteroths entfremdeten Bruder Mats. Erst spät erkennt der Ermittler durch Zufall, dass alles ganz anders ist als es scheint.

Spur des gesuchten Bruders

Neuerdings steht Tom Simon auch auf der Beobachtungsliste des Zielfahnders Karsten Brenner. Der Grund: Sein Zwillingsbruder Marco soll sich angeblich in der Hansestadt aufhalten. Marco wird unter anderem wegen Drogenhandel und mutmaßlichem Mord an einem Polizisten gesucht.

Die Fahnder gehen davon aus, dass Marco Kontakt zu seinem Bruder suchen wird. Sechs Jahre ist es her, dass Tom zuletzt mit seinem Bruder gesprochen hat. Seitdem lebt er mit einer Leere in sich, die nichts und niemand füllen kann, und mit zahlreichen Fragen, auf die er keine Antwort findet. Doch plötzlich überschlagen sich die Ereignisse.

Debütroman eines Filmemachers

Thorsten Kirves arbeitet eigentlich als Kameramann, Produzent, Autor und Regisseur beim Film. Seine Leidenschaft für Cop- und Gangster-Stories und düstere Thriller lebte er in eigenen Kurzfilmen aus, die auf Festivals und im Fernsehen liefen und mit Preisen ausgezeichnet wurden. „Der Aussteiger“, bei Droemer Knaur erschienen, ist sein erster Kriminalroman.

Große Bruderliebe

„Schimanski war gestern. Heute ermittelt Tom Simon!“ Mit diesem Slogan wirbt der Verlag für den Debütkrimi von Thorsten Kirves. Bei der Lektüre wird sich der Leser fragen, was der Kommissar mit dem früheren Tatort-Ermittler aus Duisburg gemeinsam hat.

Dabei ist dieser Vergleich vollkommen überflüssig, da Kirves mit Tom Simon einen Ermittler geschaffen hat, der sich in vielem von Schimanski unterscheidet und auf seine ganz eigene Art interessant ist. Um die Figur zu verstehen, muss man wissen, dass Simon eine sehr enge Beziehung zu seinem Zwillingsbruder Marco besitzt, auch wenn dieser seit sechs Jahren untergetaucht ist. Das fällt durch einen Umstand besonders auf: Der Kommissar lebt seit dem Verschwinden Marcos in dessen Wohnung und hat dort alles unverändert gelassen. Man findet ebenso Zeitungen und Magazine von dem Tag, als Simon seinen Bruder Marco das letzte Mal sah, wie auch Tickets für den gemeinsamen Besuch eines Musikkonzerts, die nie eingelöst wurden.

Boxender Polizist

Seitdem sein Bruder gesucht wird, leidet Tom Simon an starken Schlafproblemen. Es hat den Anschein, als hätte die Trennung von Marco seinen ganzen Kosmos durcheinander gebracht. Sein Sozialleben, insbesondere in Bezug auf Frauen, ist zum Erliegen gekommen. In letzter Zeit sucht er dafür wieder das Dock One auf, einen Boxclub im Hamburger Hafen. Mit dessen Chef Jimmy verbindet ihn eine lange Freundschaft. Simon boxt aber nicht aus Leidenschaft. Es wirkt so, als wolle er damit seinen Schmerz bekämpfen - oder diesen bewusst spüren.

Toms Partnerin ist Mira Holbing. Seit zwei Jahren bilden sie ein Team und verstehen sich fast blind. Die Halbinderin ist auf der einen Seite ein sehr sanftmütiger, auf der anderen Seite aber auch ein selbstbewusster Mensch. Sie scheint einen sechsten Sinn dafür zu haben, wenn Tom in Schwierigkeiten steckt. Denn obwohl beide perfekt harmonieren, ist Miras Partner für seine spontanen Einzelgänge bekannt.

Unterhaltsamer Krimi

Kirves hat ein Händchen dafür, einen gleichzeitig unterhaltsamen und dennoch spannenden Krimi zu schreiben. Besonders dicht beschreibt er immer wieder die nächtliche Atmosphäre Hamburgs, wenn Tom - von Schlaflosigkeit getrieben - durch die Kneipen und Bars zieht und dabei Marie und deren Hund Buddy kennenlernt.

Was die Handlung betrifft, so fällt eines auf: Trotz einiger Wendungen überzeugt der Debütroman von Thorsten Kirves durch einen nachvollziehbaren und klaren Verlauf. Dies liegt vor allem daran, dass sein Ermittlerduo das macht, was sein Beruf ist: Sie recherchieren, überprüfen und befragen. Da kann es unter Umständen auch etwas dauern, bis sich Ermittlungserfolge einstellen. Dies macht den Krimi aber um so authentischer. Hier hebt sich „Der Aussteiger“ wohltuend von der Vielzahl der Krimis auf dem aktuellen Literaturmarkt ab.

Zum Schluss überrascht der Autor den Leser zusätzlich mit einem fulminanten Finale, das es in mehrerlei Hinsicht in sich hat. Man darf sich sicherlich schon jetzt auf die nächsten Fälle der „Simon-Holbing-Reihe“ freuen.

Fazit:

Mit „Der Aussteiger“ gelingt Thorsten Kirves ein starkes Debüt. Bei Tom Simon handelt es sich um eine Figur, die gefangen ist zwischen Bruderliebe und ihrem Job als Polizist. Der Autor überzeugt durch einen sehr flüssigen, wunderbar szenischen Schreibstil. Mit Mira Holbing steht zudem eine kaum minder interessante Partnerin an Toms Seite.

Der Aussteiger

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