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Jörg Kijanski
Packendes Roadmovie und Mobster-Thriller

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Mär 2019

22. November 1963. US-Präsident John F. Kennedy wird in Dallas erschossen. Ein Attentat, das wie kaum ein anderes in die Geschichte einging und Verschwörungstheoretiker noch heute beschäftigt. Aber auch die Fantasie zahlreicher Autoren wird durch das Attentat angeregt, man denke an Stephen Kings Roman „Der Anschlag“ oder „Libra. Sieben Sekunden“ von Don DeLillo. Die offizielle Variante, dass Lee Harvey Oswald als Einzeltäter agierte, klingt zugegebener Maßen etwas ungewöhnlich. Dass dieser zwei Tage später, noch dazu in Polizeigewahrsam, von dem Nachtclubbesitzer Jack Ruby getötet wurde, macht die Sache kaum besser.

So liegt es nahe, dass nicht wenige Amerikaner bis heute glauben, dass die Mafia hinter dem Anschlag steckte. Ein Name, der in diesem Zusammenhang genannt wird, ist der von Carlos Marcello, der jahrzehntelang das offizielle Oberhaupt der italo-amerikanischen Mafia in New Orleans war.

Ein Fluchtauto für den wahren Attentäter?

Frank Guidry ist ein wichtiger Mann im Marcello-Clan, doch als er vom Attentat auf Kennedy erfährt, ist er geschockt. Warum sollte er wenige Tage zuvor in der Nähe des Tatorts einen blauen Eldorado abstellen? Einem bekannten Muster von Marcellos Arbeitsweise folgend, kann es sich dabei nur um ein Fluchtauto für den wahren Attentäter handeln, denn dass sein Boss hinter dem Attentat steckt und nicht etwa Oswald, ist für Guidry klar. Dass Oswald von Ruby noch dazu auf der Polizeiwache erschossen wird, scheint ein klarer Beweis zu sein.

Zeugen und Spuren müssen beseitigt werden, damit Marcello nicht in Verdacht gerät. Dumm nur, dass Guidry den Wagen in einem Viertel gestohlen hat, welches überwiegend von Schwarzen bewohnt wird. Über das Auto führt die Spur zu Guidry, über diesen zu Marcello. Folglich muss Guidry fliehen. In Las Vegas erhofft er sich Hilfe von Big Ed Zingel, der ihm einen Job in Vietnam anbietet. Doch erstmal muss er dort lebend ankommen, denn mit Paul Barone ist ihm bereits ein gefürchteter Killer Marcellos auf den Fersen.

„Wenn Ed Zingel sein Wort hielt, bräuchte sich Guidry keine Gedanken um Geld zu machen, sobald er in Las Vegas ankam. Und wenn Ed es nicht täte? Bräuchte er sich ebenfalls keine Gedanken um Geld zu machen – außer um die Münze für Charon, damit er ihn über den Fluss Styx ins Reich der Toten brachte.“

Charlotte Roy, Mutter zweier Töchter hat genug von ihrem tristen Leben in dem verschlafenen Woodrow/Oklahoma, zumal die Ehe mit ihrem Mann Dooley sich in rasantem Tempo einem Abgrund nähert. Geld- und noch mehr Alkoholprobleme bestimmen den Alltag, so dass sich Charlotte entschließt, ihren Mann fluchtartig zu verlassen. Gemeinsam mit ihren Töchtern macht sie sich auf den Weg nach Kalifornien, wo ihr eine Verwandte hoffentlich weiterhelfen wird.

Stimmungsvolle Einblicke,in die 1960er Jahre

Guidry ist als Alleinreisender viel zu auffällig, als vermeintlicher Familienvater wäre er jedoch unter dem Radar von Marcellos Helfern, die ihn landesweit suchen. Ein Zufall führt, mit Guidrys Hilfe, ihn und Charlotte zusammen, und da es für beide Vorteile hat, die Reise gemeinsam fortzusetzen, scheint die Gefahr für Guidry zunächst gebannt, während Auftragskiller Barone derweil die Reihen potentieller Mitwisser lichtet.

„Als der Präsident erschossen wurde, sagte mein Schwager, die Welt geht vor die Hunde. Aber dieser Überzeugung ist er schon lange. Ich glaube nicht, dass das, was in Dallas passiert ist, wirklich das ist, was Leuten wie ihm solche Angst macht.“

„Sie meinen die Schwarzen. Die Bürgerrechtsbewegung und so weiter. Ihr Schwager hat Angst, dass man den Geist nicht wieder zurück in die Flasche bekommt.“

„Nicht nur die Schwarzen. Auch Frauen. Die jungen Leute. Alle, die so lange an den Rand gedrängt wurden, dass sie es sich nicht länger bieten lassen wollen.“

Gekonnt beleuchtet Lou Berney in „Destination Dallas“ das Zeigefühl der damaligen Zeit. Der Schock über die Ermordung Kennedys, der weite Teile der Gesellschaft traf und gleichzeitig bei Mobstern und Erzkonservativen Freude auslöste; die Spießigkeit und gesellschaftlichen Konventionen, in der vor allem Menschen in kleineren Ortschaften gefangen waren. Dass sich da eine Frau traute, ihren Mann zu verlassen und allein mit zwei Kindern (sieben und acht Jahre jung) quer durch Amerika zu fahren; dass sich Charlotte dann noch zu einem ihr unbekannten Mann ins Auto setzt, geradezu unvorstellbar.

Dennoch meistert der Autor diesen Spagat hervorragend. „Destination Dallas“ ist dabei ein überwiegend ruhig angelegter Plot, wenngleich mit zahlreichen Toten, dem die psychologische Variante wichtiger ist. Wem kann Guidry auf seiner Flucht trauen, wo lauern die Fallen und Schergen Marcellos?

Fazit: 

Wer eine Mischung aus Roadmovie und Mafiaroman lesen möchte, der psychologisch fein aufgebaut ist und einige ruhige Passagen enthält, der liegt hier richtig. Eine ordentliche Portion Action (und Gewalt) gibt es trotzdem, und die Frage, ob Guidry dem allmächtigen Mafiaboss entkommen kann, bleibt bis zum Schluss offen; ebenso die Frage, was aus Charlotte und den Mädchen wird. Einige (vorhersehbare?) Wendungen eingeschlossen.

Destination Dallas

Destination Dallas

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Letzte Kommentare:
29.04.2019 13:49:37
Oldman

Normalerweise vermeide ich ja Bücher, die den Kennedy-Mord zum Thema haben. Hier habe ich zum Glück eine Ausnahme gemacht. Die Geschichte um einen auf der Flucht befindlichen Mafioso, der sich mit einer Hausfrau mit zwei Kindern tarnt, die gerade ihren Mann verlassen hat, ist toll geschrieben, die Spannung bleibt bis zum Ende erhalten, und das Finale ist auch logisch. Warum hat man von diesem Autor bislang bei uns noch nichts gesehen ? Der Epilog dieses Buches ist im übrigen großartig.