Ein brillanter Bluff (das Buch zum Film 'Tricks' mit Nicolas Cage)

  • Knaur
  • Erschienen: Januar 2003
  • New York: Villard, 2002, Titel: 'Matchstick Men', Seiten: 228, Originalsprache
  • München: Knaur, 2003, Titel: 'Tricks', Seiten: 253
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Lars Schafft
37°

Krimi-Couch Rezension vonSep 2003

Bluff: auf Prahlerei beruhende Irreführung (Wahrig Deutsches Wörterbuch). Nein, wie passend! Besser kann man "Matchstick Men" (deutscher Titel: "Ein brillanter Bluff"), der dritte Krimi des US-Amerikaners Eric Garcia, wirklich nicht beschreiben - und zwar in allen Belangen.

Die erste Irreführung: das Cover. Schwarz-weiß gehalten, irgendeine Avenue in einer amerikanischen Großstadt mit zwei Figuren im Vordergrund, von der der eine entfernt an eine schlechte Oliver-Hardy-Kopie erinnert und der andere, vernebelt von Zigaretten-Qualm und mit dickem Klunker am kleinen Finger, Al-Capone-Assoziationen auslöst. Ein kleiner, feiner Ganoven-Roman irgendwann zur Zeiten der Prohibition - denkste!

Zweite Irreführung: das Zitat des Library Journals. "Brillant, clever, smart - dieses Buch verspricht einen Riesenspaß!" Glückwunsch, liebe Marketing-Strategen. Hervorragend ausgewäht, dieser Satz. Brillant? Nicht wirklich. Clever und smart? Denkste!

Worum geht´s in "Ein brillanter Bluff"? Roy und Frankie sind zwei durchaus erfolgreiche Betrüger, die sowohl Schüler als auch Witwen um ein paar Mäuse erleichtern. Die als clever bezeichneten Tricks entpuppen sich bei genauerem Hinsehen jedoch als so billig, dass man sich fragt, wie die beiden Halunken damit seit Jahren durchgekommen sind. Erinnern Sie sich noch an "Aktenzeichen XY ungelöst"? Von Neppern, Schleppern, Bauernfängern war da die Rede. Nichts anderes sind Roy und Frankie. Nur dass Eduard Zimmermann sie wohl nie in seine Sendung "eingeladen" hätte...

Bevor der Leser den roten Faden der Handlung aufnehmen kann, erfährt er soviel: Roy und Frankie machen im Team einen guten Job, sind aber unterschiedlich wie Tag und Nacht. Während Frankie die vielen ergaunerten Dollars ausgibt und echter Lebemann (mit hohem Schuldenberg und dementsprechend ungeduldigen Gläubigern) ist, spart Roy seine Scheine in einem Keramikpferd. Einiges ist da schon zusammengekommen, doch glücklich wird er damit nicht: Er hat eine schlimme Neurose, ist Pedant bis zum Abwinken und als ihm dann noch seine Psychopharmaka ausgehen, ist mit Roy nichts mehr anzufangen. Dr. Klein, sein neuer Psychologe gibt ihm durch neue Pillen nicht nur seine Handlungsfähigkeit zurück, sondern durch etwas Vermittlung auch eine Tochter. Die hat Roy seit vierzehn Jahren und wusste nichts davon. Angela, so heißt die gute, schafft es, ihren Vater aufzuheitern, ein fast normales Leben zu führen und schließlich sogar dazu zu bewegen, mit den Gaunereien aufzuhören. Doch Frankie braucht noch Kohle - ein letzter, großer Coup zusammen mit Roy und die Sache soll gegessen sein ...

Klingt eigentlich nach einer ganz netten Story - und das ist sie auch. Ganz nett, mehr nicht. So unglaublich intelligent sind die Tricks, mit denen Roy und Frankie die Leute abzocken, nämlich nicht. Eher ist man der Meinung, dass die Betrogenen es verdient haben, für ihre Blödheit finanziell erleichtert zu werden. Angelas Auftauchen ist einer der zwei zugegebenermaßen gut gelungenen Wendepunkte der Story. Doch richtig warm werde ich nicht mit diesem Roy, auch nicht in der Rolle eines Vaters. Stark überzeichnet, ohne ins Parodistische überzugehen. Und Angela? Vierzehn soll sie sein? Dann gibt ihr Autor Garcia dafür aber ein solides Lolita-Image, denn er schildert sie so reif, dass sie gestandenen Männern den Kopf verdreht. Nun ja.

Sprachlich hat mich "Ein brillanter Bluff" einige Haare gekostet. Ein Aufsatz eines Schülers der 7. Klasse besitzt wahrscheinlich mehr Variationsreichtum als die 250 Seiten Eric Garcias. Klar kann man ein Buch durchgehend im Präsens schreiben (trotzdem stolpere ich dabei über jeden Satz und habe mich erst nach etwa 180 Seiten daran gewöhnt), doch ein paar mehr Nebensätze und Konjunktionen hätten nun wirklich keinem geschadet. Das Schlimmste allerdings - und das bringt mich wieder auf den Schüleraufsatz - ist die Satzkonstruktion. Subjekt, Prädikat, Objekt, autsch. Das tut spätestens nach einem ganzen Absatz dieser Art ordentlich weh. Aber ich hätte es mir ja denken können: Wo andere Autoren direkt mit den ersten Worten fesseln, schreibt Garcia: "Das Dinner ist fast leer heute Nachmittag und so bleiben Roy und Frankie länger als sonst an der Theke." Sprachwitz und stilistische Mittel scheinen dem jungen Autor fremd zu sein, lediglich die - zum Glück zahlreichen - Dialoge vermögen zu unterhalten.

Aber was will man auch erwarten von einem Roman, dessen Filmrechte bereits verkauft waren, bevor er veröffentlicht wurde? Wo schon die Werbetrommel gerührt wurde für den "Blockbuster diesen Sommers" mit Nicholas Cage in der Hauptrolle? Wo US-Rezensenten vollmundig die Ehre zugeteilt wurde, mit diesem Buch bereits eine Vorschau auf den Kinofilm zu bekommen? Wahrlich nicht viel und folgerichtig liest sich "Ein brillanter Bluff" auch eher wie ein etwas ausstaffiertes Drehbuch als wie ein Roman.

Wer unbedingt jetzt schon wissen will, worum es in einem der zu erwartenden Kino-Kracher 2003 geht, der soll sich "Ein brillanter Bluff" antun. Alle anderen sind gut beraten, auf den Film zu warten und diesen Roman das sein zu lassen, was der Titel vorgibt.

Ein brillanter Bluff (das Buch zum Film 'Tricks' mit Nicolas Cage)

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