Schwere Knochen

Erschienen: April 2018

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2018
- Köln : Kiepenheuer & Witsch Verlag 2018. ISBN-13: 978-3-4620-5096-7. 576 S.
- Köln : Kiepenheuer & Witsch Verlag 2018. ISBN-13: 978-3-4623-1756-5. 1145 KB (Kindle)

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Michael Drewniok
Wiener Schmäh und Wiener Schmier

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jan 2019

Krutzler, Wessely, Sikora und Proschak: Sie haben sich nicht gesucht, aber gefunden im Wien der 1930er Jahre. Alle stammen sie aus fragwürdigen Familienverhältnissen, und als Bewohner des verrufenen Wiener Stadtteils Erdberg ist der Schritt in die Kriminalität quasi vorgezeichnet, zumal lebenslanges Elend die ‚Alternative‘ wäre. Man betätigt sich als Falschspieler und Einbrecher, wobei vor allem der großgewachsene Krutzler kein Problem mit der Anwendung von Gewalt hat.

1938 überspannt das Quartett den Bogen und räumt die Wohnung des Sturmbannführers Huber aus. Gerade haben die Nazis Österreich „heim ins Reich“ geholt. Mit den Frechlingen wird kurzer Prozess gemacht; die „Erdberger Spedition“ - so der Name der kleinen Bande - wird ins Konzentrationslager geworfen. Dort lernen die vier Männer das  Grauen kennen - und verlieren beim Versuch, das nackte Leben zu retten, jegliche moralischen Skrupel. Krutzler wird Kapo im KZ Mauthausen, wo er manchmal Juden oder Kommunisten rettet und so ungeplant für seine Zukunft vorsorgt.

Als der Krieg endet, kann Krutzler untertauchen. Die Siegermächte teilen Wien nach dem Beispiel Berlins in vier Besatzungszonen. Wer sich mit den Amerikanern, Sowjets, Engländern und Franzosen gutstellt, kann auf dem Schwarzmarkt lukrative Geschäfte machen. Die „Erdberger Spedition“ kommt wieder zusammen. Unter geschickter Nutzung der politischen Verhältnisse und unter Einsatz brutaler Gewalt kann die Bande nach und nach in ganz Wien Fuß fassen. Die Jahre des Erfolgs enden, als sich die Freunde zu zerstreiten beginnen. Persönliche Probleme schwächen die „Spedition“ zusätzlich, Konkurrenten sehen ihre Chance gekommen. Ein gnadenloser Unterweltkrieg beginnt, der in einem sogar in diesem Milieu beispiellosen Gemetzel endet …

Mehr als ein Spiel mit der Sprache

„Schwere Knochen“ ist kein ‚typischer‘ Kriminalroman, obwohl er im Unterwelt-Milieu spielt und Verbrechen begangen werden. David Schalko bezeichnet seinen Roman vage als „Gesellschafts- und Sittenbild“, das auch das Krimi-Genre bedient. Mit „Schwere Knochen“ gelingt dem Verfasser ein beachtliches Kunststück: Er erzählt eine richtig spannende Geschichte, und ist auch in der Lage, die Sprache so einzusetzen, dass sie das Geschehen nicht nur abbildet, sondern orchestriert. Als Nicht-Wiener fällt es schwer zu entscheiden, wie ‚authentisch‘ Schalko ist. Von Bedeutung ist es nicht; der Effekt = die erzielte Wirkung steht im Vordergrund - und sie ist enorm! Statt sich in jener ‚Rekonstruktion‘ zeitgenössischer Sprache und Ausdrucksweise zu versuchen, die in der Regel (= unter der Feder weniger begabter Autoren) primär Peinlichkeit erzeugt, gelingt Schalko ein ‚O-Ton‘, der dem Geschilderten eine eigene Ebene der Unmittelbarkeit verleiht.

Perfekt geschulte Schwerverbrecher

Man nennt es „Wiener Schmäh“, doch definiert wird es unterschiedlich. Schalko wählt eine Variante, die Walzer- und Kaffeehaus-Gemütlichkeit mit einer bräsigen Mitläufermentalität mischt, die zu einer kritischen Sicht auf die (jüngere) österreichische Historie zusammenläuft. Mit pechschwarzem Humor arbeitet er heraus, was ‚den‘ Österreicher ‚auszeichnet‘: seine Anpassungsfähigkeit, die wiederum das Produkt einer vorteilsgesteuerten Obrigkeitshörigkeit ist. Wer profitiert, arrangiert sich mit den Verhältnissen, wobei es gleichgültig ist, wer das Sagen hat: die Nazis, die Alliierten, die „Spedition“ oder eine Nachkriegsregierung, die mit ehemaliger Nazi-Prominenz, Kriegsgewinnlern und Schwarzmarkt-Oligarchen durchsetzt ist.

In diesem Sumpf rührt die „Erdberger Spedition“ kräftig mit. Ihre Mitglieder schlagen sich im Unterschichten-Stadtvierel Erdberg als Kleinkriminelle durch. Weiter hätten sie es wohl nie gebracht, aber sie erhalten eine perfide ‚Weiterbildung‘. Zwar überleben Krutzler, Wessely, Sikora und Praschak das Konzentrationslager, doch was sie dort erlebt und getan haben bzw. tun mussten, zeichnet sie einerseits für den Rest des Lebens, während sie andererseits das Rüstzeug gewonnen haben, sich eine Großstadt wie Wien kriminell untertan zu machen. Doch während jene Zeitgenossen, die dem Nazi-Regime Aufstieg und Reichtum verdanken, ihr Fähnchen nach dem Wind drehen und sich flugs als Opfer stilisieren, verfügen die Mitglieder der „Spedition“ nicht über diese verlogene Wendigkeit, was letztlich ihren Untergang bedeutet.

„Schwere Knochen“ ist Endstück einer „Trilogie der Gier“. Schalko sucht nach Motiven für eine (moderne) Gesellschaft, die ihr Seelenheil in der blinden Anhäufung von Besitz sucht, aber - hier vor allem der Krutzler - nicht findet. Gier ist nach Schalko Ausdruck einer charakterlichen Fehlstellung, die in diesem Fall ursächlich in Österreichs Nazi-Zeit wurzelt. Nach 1945 wurde verdrängt und vertuscht, dass der „Anschluss“ 1938 bejubelt, die daraus resultierenden Vorteile genutzt und ‚Nachteile‘ wie die Judenverfolgung ignoriert oder sogar begrüßt wurden.

Die Geburt des modernen Schwerverbrechens

Die Mafia hätte in den USA ihre Vormachtstellung ohne die Prohibition nicht aufbauen können. Als sie sich erst einmal eingenistet hatte, wurde man sie nicht mehr los. Am Beispiel Wien zeigt Schalko, dass in Mitteleuropa die Nachkriegszeit für einen ähnlichen Quantensprung sorgte. Vor dem Zweiten Weltkrieg waren und blieben die Banden in Wien unter sich. Die Stadt war aufgeteilt, die Reviergrenzen stabil. Streitigkeiten wurden beigelegt; oft brutal, aber ohne Leichenberge.

Ab 1945 wurde die Kriminalität ‚globalisiert‘. Die Teilung Wiens und Österreichs schuf ein Schlaraffenland für das organisierte Verbrechen. Man spielte die miteinander kaum kooperierenden Besatzungsmächte gegeneinander aus. Hinzu kam eine allgegenwärtige Korruption, die den Banden Schutz ‚von oben‘ garantierte. In diesem Milieu konnten Gangster-Imperien entstehen: Für Ferdinand Krutzler fand Autor Schalko ein historisches Vorbild - Josef Krista (1920-1968), dessen Biografie sich immer wieder in „Schwere Knochen“ widerspiegelt.

Der Aufstieg führt auf den Gipfelpunkt der Macht. Von dort aus geht es bekanntlich nur nach unten. Der „Erdberger Spedition“ folgt eine neue, kriegsgeprägte, gewaltbereite, disziplinarme Generation. Die Auseinandersetzungen werden heftiger und blutiger. Neue ‚Spieler‘ drängen auf den ‚Markt‘. Gegengewalt ist die Antwort, aber keine Lösung. Zudem sind die älter gewordenen Gauner ‚satt‘. Sie haben buchstäblich Geld wie Heu, können aber ihre emotionalen Hunger nie überwinden. Jede Liebe endet unglücklich oder in einer Katastrophe, bewährte Zweckgemeinschaften zerbrechen, aus Freunden werden Feinde: Selbst eine monumentale Gestalt wie der Krutzler kann dem nicht standhalten. Stoisch, aber innerlich endgültig tot tritt er nach einer Wahnsinnstat ab: Er hat sein Leben ausgeschöpft, für ihn wird nichts mehr kommen.

Diesen Aufstieg und Fall beschreibt David Schalko mit Wucht und Mitgefühl, aber ohne Sentimentalität oder gar verlogener „Schmäh“-Rührseligkeit. Vor allem Auftakt und Finale reißen den Leser mit, während sich im Mittelteil Längen einstellen. Manche Abschweifung liest sich zwar witzig, führt aber zu weit ins Abseits. Unterm Strich bleibt „Schwere Knochen“ dennoch ein Lektüre-Ereignis, das vielleicht kein ‚echter‘ Krimi ist, aber eindrucksvoll belegt, dass Verbrechen auch (nur) Menschen sind - wenn auch keine, denen man realiter begegnen möchte.

Fazit:

Zwar wird „Schwere Knochen“ als Kriminalroman beworben, doch eigentlich ist dies das Psychogramm einer österreichischen Gesellschaft, die von Spekulanten und Mitläufern geprägt ist: ein vor allem am Anfang unwiderstehlicher, später abschweifender und Längen aufweisender, aber dank des knochentrockenen, die oft brutalen Ereignisse ebenso konterkarierenden wie unterstreichenden Tenors überaus lesenswerter Roman.

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