Westwall

Erschienen: März 2019

Bibliographische Angaben

ORIGINALAUSGABE
Paperback, Klappenbroschur, 496 Seiten, 13,5 x 20,6 cm

Couch-Wertung:

85°
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Andreas Kurth
Unter der Reichskriegsflagge werden sinistre Pläne geschmiedet

Buch-Rezension von Andreas Kurth Mai 2019

Als Monster-Bauwerk bezeichnet Autor Benedikt Gollhardt im Interview mit mir den Westwall, den Adolf Hitler in den späten 30er Jahren von über 500 000 teilweise zwangsrekrutierten Arbeitern an der Westgrenze des Deutschen Reiches errichten ließ. Das 630 Kilometer lange Bollwerk aus 12 000 Bunkern, Panzersperren und Tunnel-Systemen sollte die westliche Front absichern, während die Wehrmacht im Osten den Rest von Tschechien besetzte und anschließen Polen überfiel.

Die monströse militärische Anlage ist daher auch heute noch ein Sehnsuchtsort für Neo-Nazis und Rechtsradikale jeglicher Ausprägung. Es passt also durchaus, wenn dort eine charismatische Anführerin eine Truppe von Verlierern und Abgehängten um sich versammelt, die sie überwiegend auf der Straße aufgesammelt hat, um daraus eine Kampftruppe für den rechten Umsturz in Deutschland zu formen.

Privatleben der jungen Polizistin ist noch entwicklungsfähig

Der Thriller beginnt allerdings mit einem verwirrenden Prolog, dessen Inhalt erst sehr viel später aufgeklärt wird. Wochen vor dieser Szene setzt die Geschichte ein, und der Leser begleitet zunächst Julia Gerloff durch ihre Ausbildung als Polizeischülerin. Die wichtigste Protagonistin dieses spannenden Thriller wird gleich als höchst chaotische Persönlichkeit eingeführt, die es gerade so eben schafft, pünktlich zum Dienstbeginn auf dem Appell-Platz der Polizeischule in Nordrhein-Westfalen  zu stehen. Ohne Mutter in einer Art Hippie-Kommune in Mecklenburg-Vorpommern zwischen Bauwagen aufgewachsen, ist sie nicht nur eine ziemlich chaotische, sondern auch eine höchst eigenwillige Persönlichkeit.

Sie kümmert sich in ihrer Freizeit viel um ihren kranken Vater, der mittlerweile auch nach Köln gezogen ist. Ansonsten ist ihr Privatleben durchaus noch entwicklungsfähig, und daher ist es kein Wunder, dass sie auf die Avancen einer Zufallsbekanntschaft positiv reagiert. Der attraktive Nick ist Julia allerdings keineswegs zufällig begegnet, wie der Leser schnell erfährt. Die gravierenden Probleme beginnen, als die junge Polizistin nach der ersten Nacht mit Nick ein tätowiertes Hakenkreuz auf seinem Rücken entdeckt. Die turbulenten Ereignisse führen sie nach vielem Hin und Her an den Westwall - und zu der rätselhaften Szene aus dem Prolog.

Dem Leser zeigt sich ein hell- bis dunkelbrauner Sumpf

In verlassenen Gebäuden und Bunkern am Westwall ist Ira Tetzel mit ihrer Gruppe junger Heimatloser zu finden. Sie führt ein eisernes Regiment, Aussteiger aus der Gruppe werden mit brutalen Mitteln zurück geholt und überaus hart bestraft. Über Iras Hintergrund erfährt der Leser zunächst so gut wie nichts, nur ihre Verbindungen in dubiose neo-nazistische Kreise werden stückweise offenbart. Ihre bunte Truppe ehemals obdachloser Kinder und Jugendlicher ist jedenfalls ein ziemlich gefährlicher Haufen, denn die Kids sind ihr teilweise absolut hörig, und schrecken in ihrer Mehrheit nicht vor Gewalt zurück.

Neben Julia und Ira gibt es mit Nick, dem Polizei-Ausbilder Roosen, und den Verfassungsschützern Badtke und Keppler noch wichtige Nebenfiguren. Der hell- bis dunkelbraune Sumpf, der sich dem Leser bei der Lektüre darbietet, ist nur stückweise zu durchschauen. Die Treffen von Leuten aus dem Sicherheitsapparat, die unter der Reichskriegsflagge stattfinden, werden nur kurz angerissen. Aber die daraus resultierenden Verbindungen werden deutlich, und lassen den Leser kalt erschauern. Benedikt Gollhardt bestätigt im Interview auf der Krimi-Couch, dass ihn die Vorgänge rund um den NSU-Komplex teilweise zu seinen Schilderungen inspiriert haben. Wobei er hinter der traurigen Realität noch ein Stück zurück geblieben ist.

Polizisten und Verfassungsschützer, die ihre eigene Agenda verfolgen

Es ist schon ein perfider Plot, den sich der Autor da ausgedacht hat. Eine Aussteiger-Truppe, nach deren Mitgliedern niemand sucht, und die froh sind, einen trockenen Schlafplatz und regelmäßige Mahlzeiten zu haben. Eine skrupellose Anführerin, die mehr als finstere Pläne schmiedet. Polizisten und Verfassungsschützer, die ihre eigene Agenda verfolgen - und das keinesfalls zum Wohle der Bürger, die sie schützen sollen. Die ziemlich ausgeklügelte Geschichte fordert den Leser, der mitdenken muss, um alle Nuancen zu erfassen.

Und das alles vor der düsteren Kulisse des Westwalls. Das monströse Bauwerk, wie es Benedikt Gollhardt bezeichnet, ist im Grunde ein zusätzlicher Protagonist, denn dieser Geländestreifen, der teilweise in völlig unzugänglichem Gelände liegt, hat historisch so einiges gesehen. Wer da selbst nachlesen möchte, sollte zum Thema Schlacht im Hürtgen-Wald, Ardennen-Offensive oder zu anderen Stichworte suchen. Wie Gollhardt selbst sagt, ist da touristisch viel im Gange, mit der richtigen historischen Einordnung hapert es allerdings teilweise gewaltig. Auf jeden Fall eine grandiose und passende Kulisse für diese hochgradig spannende Geschichte.

Fazit:

Die aktuellen politischen Umwälzungen, die Digitalisierung, den Vertrauensverlust in die Politik und in den ganzen Sicherheitsapparat bezeichnet Benedikt Gollhardt als Grundverunsicherung in Deutschland, die er thematisieren wollte. Es ist ihm vor allem gelungen, den Verfassungsschutz auf Länder- und Bundesebene mal wieder ein wenig aus der Dunkelheit zu holen. Für seine spannende und gut erzählte Geschichte hat er zudem mit dem Westwall eine passende, und für ihn als Kölner naheliegende Kulisse gewählt. Das Buch entwickelt schnell einen ungeheuren Sog, Protagonisten und Dialoge sind authentisch - Kopfkino der feinsten Sorte, dass es bald auch in verfilmter Form zu sehen geben wird.

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