Eine Leiche zum Advent

Erschienen: September 2016

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2013 unter dem Titel „The Big Book of Christmas Mysteries“, deutschsprachige Ausgabe erstmals erschienen 2016.

- New York : Knopf Doubleday Publishing Group/Vintage Crime - The Black Lizard 2013. 654 Seiten.

- Köln : Bastei-Lübbe-Verlag 2016. Übersetzt von Stefan Bauer, Winfried Czech, Axel Franken, Stefanie Heinen, Daniela Jarzynka, Helmut W. Pesch, Barbara Röhl, Anna-Lena Römisch, Thomas Schichtel, Dietmar Schmidt, Rainer Schumacher. ISBN-13: 978-3-431-03966-5. 705 Seiten.

- Köln : Bastei-Lübbe-Verlag 2016. Übersetzt von Stefan Bauer, Winfried Czech, Axel Franken, Stefanie Heinen, Daniela Jarzynka, Helmut W. Pesch, Barbara Röhl, Anna-Lena Römisch, Thomas Schichtel, Dietmar Schmidt, Rainer Schumacher. ISBN-13: 978-3-431-03966-5. 7456 KB [eBook/Kindle].

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Michael Drewniok
49 tödliche (oder gruselige) Weihnachtsüberraschungen

Buch-Rezension von Michael Drewniok Dez 2018

„Draußen lag hoher Schnee, und die kargen Bäume ragten schwarz und blattlos aus der weißen Fläche empor … und die Kälte war arktisch. Aber uns, die wir in einem mit Stechpalmen geschmückten Raum vor einem herrlichen Feuer saßen, das tapfer den breiten Kamin hinauftoste, focht die zu Eis erstarrte Welt draußen nicht an. Wir lachten und plauderten, sangen Lieder und erinnerten uns an Abenteuer, bis wir gegen zehn Uhr in eine für Schauergeschichten empfängliche Stimmung verfielen, die gut zu dieser von Kobolden heimgesuchten Jahreszeit passte.“

So beschreibt es Fergus Hume in seiner Story „Das Weihnachtsgespenst“. Er fasst damit zusammen, wieso ausgerechnet in der Weihnachtszeit, die bekanntlich unter dem biblischen Motto „Friede auf Erden und allen Menschen ein Wohlgefallen“ (Lukas 2,14) steht, Geschichten von Mord und Spuk erzählt werden.

Zeitlos ist zudem die Familie als Katalysator für Katastrophen, die besonders an Festtagen urplötzlich und explosiv ausbrechen können. Menschen, die durch Blutsverwandtschaft verpflichtet sind einander zu lieben, obwohl sie oft herzlich wenig miteinander zu tun haben wollen, finden sich auf engem Raum zusammengepfercht. Die Konvention verlangt ihr Bleiben, und vor noch nicht gar zu vielen Jahrzehnten sorgten Eis, Schnee und beiden nicht gewachsene Verkehrsmittel dafür, dass eine Flucht erst recht unmöglich war. Alte, gut genährte Familiengrolle konnten sich zu Wort melden bzw. entladen, zumal eine Ablenkung durch Fernsehen, Internet oder Smartphone ausfiel. So mussten die Menschen eine andere Nische finden. Eine spannende Geschichte sorgte für Friede, selbst wenn (oder gerade) sie von mörderischen oder gruseligen Ereignissen erzählte.

Sehnsucht nach der guten, alten Zeit

Vor allem die Zeitungen sorgten in alter Zeit für entsprechenden Stoff. Weihnachtsbeilagen waren üblich. Viele Autoren schrieben gezielt Krimi- und Geistergeschichten, die quasi unter Christbäumen spielten. Da diese Beilagen nach den Feiertagen in der Regel entsorgt wurden, gerieten viele Storys in Vergessenheit, obwohl sie ihren Unterhaltungswert oft nicht eingebüßt hatten.

Natürlich produzierten diese Autoren eine Menge rührseligen Mist, denn „Weihnachten“ ist ein Synonym für (aufgezwungene/geheuchelte) Harmonie. Dieser Schmalz füllt aber eine echte Gefühlslücke, denn viele Menschen wünschen sich Weihnachten in der Tat als eine Pause vom grauen Alltag, in der lange unterdrückte (positive!) Gefühle die Oberhand gewinnen. Da man sich dabei auf die Realität nicht verlassen kann, springen Schriftsteller (oder die Produzenten weihnachtlicher TV-Shows) ein, um die erwünschte Sentimentalität wenigstens vorzugaukeln, die durch Krimi und Horror für diejenigen ergänzt wird, denen der „Kleine Lord“ Übelkeit verursacht.

Fakt ist jedenfalls, dass Mord und Geisterspuk zur Weihnachtszeit kein Auslaufmodell sind. Auch heute erscheinen alljährliche neue Storys in alter Tradition. Otto Penzler ist jemand, der sich darauf spezialisiert hat, nach solchen Geschichten zu fahnden, um sie gesammelt einem geneigten Publikum zu präsentieren. Mit „Eine Leiche zum Advent“ legt er ein gewichtiges Buchexemplar vor, das von seinem Erfolg kündet. 49 Storys aus anderthalb Jahrhunderten decken das Spektrum angelsächsischer X-mas-Mysterys eindrucksvoll ab.

Stationen des Schauders

Penzler gliedert seine Sammlung in thematische Großkapitel („Traditionelle Weihnachten“, „Lustige Weihnachten“, Ein Sherlockianisches Weihnachten“, Kleine trashige Weihnachten“, „Unheimliche Weihnachten“, „Gruselige Weihnachten“, „Überraschende Weihnachten“, „Moderne Weihnachten“, „Rätselhafte Weihnachten“, „Klassische Weihnachten“), was insgesamt wenig Sinn ergibt, da sich viele Storys mehreren Kategorien zuordnen lassen und einige Kapiteltitel sich thematisch entsprechen. Selbst die Grenzen zwischen Krimi und Spuk sind oft fließend; Autoren lieben es beispielsweise, Diebe oder gar Mörder mit Geistern zu konfrontieren.

Eine separate Gruppe bilden die „sherlockianischen“ Weihnachtsgeschichten. Selbstverständlich hat auch Arthur Conan Doyle (1859-1930) die Gelegenheit genutzt, Sherlock Holmes und Dr. Watson einen speziell auf die Festtage abgestimmten Fall lösen zu lassen; „Der Blaue Karfunkel“ ist deshalb auch in dieser Kollektion vertreten, während Penzler ansonsten den seltenen, verschollenen, womöglich nie zuvor in Buchform gedruckten Storys den Vorzug gibt. Darüber hinaus können wir fünf Holmes-&-Watson-Erzählungen lesen, die nicht Doyle verfasst hat. Darunter sind (gelungene) Kopien der Vorlage, aber auch - sehr gelungen - der gegen den Strich gebürstete „Skandal im Winter“ von Gillian Linscott sowie zwei Parodien und ein kurzes Theaterstück.

Nicht jeder Schuss kann treffen

Angesichts der Fülle der vorgestellten Storys überrascht es wenig, dass nicht jede ihren Unterhaltungswert bewahren konnte oder jemals einen besessen hat. Penzler ist stolz auf seine Funde nach intensiver Suche in halbzerfallenen Magazinbeilagen, von denen er in seinem Vorwort berichtet. Leider konnte er sich von einigen Entdeckungen nicht trennen, obwohl diese schlimmstenfalls platte Sentimentalität mit einer Schlusspointe kombinieren, die kläglich verzischt. Die Definition für „Weihnachtsstimmung“ hat sich verändert. Was einst Lesern tatsächlich ernstgemeinte Tränen der Rührung in die Augen treiben konnte, sorgt heute für Gelächter oder Stirnrunzeln. Das mag man bedauern, was nichts daran ändert, dass es so ist.

Weniger abträglich ist die oft recht lockere Verknüpfung der Story mit dem Weihnachtsfest. Oft lesen wir eine ganz normale Kriminalgeschichte, die der Verfasser mehr schlecht als recht an den Festtagen spielen lässt. Immerhin sorgt dies für einen Lesestoff, der nicht auf die Adventszeit beschränkt bleiben muss: Diese Sammlung bereitet zu allen Jahreszeit Spaß. Dafür sorgen selbstverständlich bzw. primär jene Erzählungen, die inhaltlich wie formal auf den Punkt kommen, obwohl (oder weil?) es manchmal wirklich schräg wird und die Genres Krimi und Horror noch durch Science Fiction ergänzt werden.

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