Ein Spiel für Gewinner

Erschienen: November 2018

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2018 bei Telescope.

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Thomas Gisbertz
Gute Idee, solide Umsetzung, schwächeres Ende

Buch-Rezension von Thomas Gisbertz Dez 2018

Dornfeld und Schwarzer sind das Team mit der höchsten Aufklärungsquote in ganz Norddeutschland. Kein Wunder also, dass sich Kilian Kaiser hilfesuchend an die beiden Hamburger Kommissare wendet. Der Ex-Junkie hat seine Freundin Emilia tot in der Badewanne gefunden. Offizielle Todesursache: Selbstmord. Kilian glaubt aber nicht daran. Auf Emilias Leichnam hat er ein seltsames Symbol gefunden – eingeritzt in die Haut. Das selbe Zeichen weist auch der Körper eines Mädchens auf, das von einer S-Bahn überfahren wurde. Auch hier geht die Polizei von Suizid aus.

Die beiden Kommissare glauben Kilian zunächst nicht. Als Schwarzer aber im Internet auf ein »Selbstmordspiel« namens »Blue Whale Challenge« stößt, das seinen Ausgang in Russland genommen hat, trauen sie ihren Augen nicht: Die Spieler erhalten von einem so genannten Kurator tägliche Aufgaben. Diese beginnen harmlos, steigern sich zu Selbstverletzungen und enden damit, dass der Teilnehmer das Spiel nur gewinnen kann, indem er sich das Leben nimmt.

Haben es die Hamburger Kommissare mit einem Trittbrettfahrer zu tun? Was hat die »Nothilfe Hamburg« mit der Selbstmordserie zu tun? Als im Internet ein Video mit der Selbsttötung eines elfjährigen Jungen auftaucht, wissen Dornfeld und Schwarzer, dass sie den »Spielleiter« schnellstmöglich stoppen müssen, bevor das »Spiel für Gewinner« nicht mehr aufzuhalten ist.

Autorenpärchen aus dem Ruhrgebiet

Nadine d’Arachart und Sarah Wedler sind keine Unbekannten mehr unter den deutschsprachigen Thriller-Autoren. Zuletzt sorgten sie durch die ZDF-Verfilmung ihres Romans »Die Muse des Mörders« (2012) für Aufmerksamkeit. Die beiden Hagener Autorinnen schreiben seit Jahren erfolgreich zusammen. Neben Thrillern wie zum Beispiel »Nebelflut« (2013), »Der Schinder« (2015) oder »Der Scharfrichter« (2017) veröffentlichte das Autoren-Duo auch zahlreiche Fantasy-Romane. Mit »Ein Spiel für Gewinner« erscheint nun ein hochaktueller Psychothriller.

Internet-Challenge als Phänomen

Wettkämpfe im Internet, sogenannte Challenges, erfreuen sich im Internet seit Jahren bei den Social-Media-Nutzern immer größerer Beliebtheit. Die »Ice-Bucket-Challenge« sollte 2014 auf die Nervenkrankheit »Amyotrophe Lateralsklerose (ALS)« aufmerksam machen, um Spendengelder für deren Erforschung und Bekämpfung zu sammeln. Anfang 2018 kursierte die »Tide Pod Challange« im Internet, bei der Jugendliche als Mutprobe leichtsinnigerweise auf Waschmittelkapseln beißen sollten.

Realer Hintergrund

Der Thriller der beiden Autorinnen ist sehr genau recherchiert und basiert auf einem Wettbewerb, der tatsächlich seit Jahren im Internet kursiert. Die »Blue Whale Challenge«, auch »Blue Whale Game« genannt, ist ein Internetphänomen, das Ende 2016 zunächst in Russland und Mitte 2017 auch im westeuropäischen Raum bekannt wurde. Bei der Challenge wird dem Teilnehmer an 50 Tagen jeweils eine Aufgabe täglich gestellt, am Ende soll der Suizid des Teilnehmers stehen.

Es handelte sich vermutlich zunächst um einen Hoax (eine durch E-Mails verbreitete Falschmeldung), der dann jedoch über diverse Medienberichte zu einem realen Phänomen wurde. Im »Spiel für Gewinner« sind es 15 Aufgaben, die die Teilnehmer lösen müssen – oder besser gesagt lösen wollen. Am Ende steht auch hier der bereitwillige Selbstmord der Spieler.

Nicht immer überzeugende Figuren

Kommissar Alex Dornfeld ist alleinerziehender Vater eines pubertierenden Sohnes. Seine Frau sitzt im Gefängnis, weil sie ihren Geliebten ermordet hat, um ihre Affäre geheim zu halten. Dornfelds Leben ist durchzogen von familiären Problemen, die ihn sichtbar überfordern und an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit bringen. Ein Kommissar mit privaten Problemen als Ermittler ist keine neue Idee. Zumal seine Figur auch sonst eher blass bleibt. Durchaus schon interessanter und glaubwürdiger ist dagegen die Darstellung des Ex-Junkies Kilian.

Vor allem aber die Nebenfiguren in Form der selbstbewussten und taffen Vorgesetzen, Hauptkommissarin Sandra Hagelmann, und der jungen Fall-Analytikerin Dr. Maria Segler sind äußerst lesenswert. Letzere ähnelt in ihrem Auftreten mit dem akurat geschnittenen Pony, den auffällig gefärbten Haaren, den Piercings, dem schwarzen Kleid und den Schnürstiefeln zwar etwas an »Abby« Sciuto aus »Navy CIS« und ist damit als Figur auch nicht wirklich neu, tut dem Thriller aber mehr als gut.

Multiperspektivische Sichtweisen

Erzählt wird der Thriller aus verschiedenen Perspektiven. So wird abwechselnd die Sicht Kilians, Alex’ und des »Spielmachers« eingenommen. Diese personalen Erzählweisen bieten viele Möglichkeiten, die hier aber leider oftmals nicht konsequent genug zu Ende gedacht werden. So tritt zum Beispiel der »Spielmacher« nicht als Ich-Erzähler auf, wodurch seine Motive und Absichten nur indirekt beleuchtet werden, da nur scheinbar seine Position eingenommen wird.

Dass Kilian sich am »Mörder« seiner Freundin rächen will, wird schnell deutlich. Es wird aber nicht klar genug, warum ausgerechent er nicht in den Bann des »Spielmachers« gezogen wird. Legt man die Analyse der Fallanalytikerin Dr. Maria Segler betreffend das Vorgehen des »Spielmachers«, seiner Techniken und seiner Opferwahl zu Grunde, müsste genau dies nämlich eigentlich der Fall sein.

Enttäuschender Schluss

Das Ende des Thrillers ist leider zu einfach. Dem »Spielmacher«, der ansonsten sehr genau vorgeht und sämtliche Spuren verwischt, unterläuft ein simpler Anfängerfehler. Darüber hinaus ist es mehr als fragwürdig, ob die Spur, die vom »Spielmacher« versehentlich hinterlassen wurde, tatsächlich nur zu einem einzigen Verdächtigen führen kann.

Dass Dornfeld und Schwarzer im Übrigen hartnäckig die falsche Person als Täter in Verdacht haben, ist für den Leser dabei ebensowenig nachvollziehbar, da es offensichtlich mindestens noch drei weitere potentielle Verdächtige gibt. Auch hat der Leser bis zum Schluss eigentlich keine Möglichkeit, selber dem Täter auf die Spur zu kommen. Dies trübt den Lesespaß gewaltig.

Zu guter Letzt werden am Ende dann auch nicht alle Schuldigen einem gerechten Urteil zugeführt. Selbst bei einem fiktiven Roman sollte man erwarten können, dass sich die Kommissare an die gesetzlichen Vorgaben halten. So bleibt der Schluss insgesamt wenig überzeugend und enttäuschend.

Potential zu wenig genutzt

Dem Autoren-Duo d’Arachant und Wedler gelingt ein über weite Strecken ordentlicher Thriller, der aber mehr durch seine Thematik als durch die Protagonisten überzeugt. Positiv fällt zwar das gut recherhierte Thema auf, das phasenweise spannend umgesetzt wird. Letztendlich wird das Potential des Thrillers aber nicht vollends ausgeschöpft. Man darf aber dennoch gespannt sein, ob es weiteren Thriller mit Kommissar Alex Dornfeld geben wird.

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