Die Scherenfrau (Rosario Tijeras)

  • Unionsverlag
  • Erschienen: Januar 2002
  • Bogotá: Plaza & Janés, 1999, Titel: 'Rosario Tijeras', Originalsprache
  • Zürich: Unionsverlag, 2002, Titel: 'Rosario Tijeras', Seiten: 187, Übersetzt: Susanna Mende
  • Zürich: Unionsverlag, 2004, Titel: 'Die Scherenfrau', Seiten: 189
Die Scherenfrau (Rosario Tijeras)
Die Scherenfrau (Rosario Tijeras)
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Wolfgang Reuter
90°

Krimi-Couch Rezension von Wolfgang Reuter Mai 2003

Ein Drama der menschlichen Abhängigkeiten

Drei Jahre lang hat Antonio seine große, unerfüllte Liebe Rosario Tijeras nicht gesehen, da findet er sie schwer verletzt auf einer Straße in Medellin, angeschossen, im Sterben liegend.

 

Weil Rosario geküsst wurde, als sie der Schuss aus nächster Nähe traf, verwechselte sie den Schmerz der Liebe mit dem des Todes. Aber ihre Zweifel schwanden, als sie ihre Lippen löste und die Pistole sah.

 

Es war genau dieselbe Methode, mit der Rosario, die Auftragskillerin im Dienste des Medelliner Drogenkartells, selbst ihre Opfer erledigte. Antonio bringt Rosario umgehend in das nächste Krankenhaus zur Notoperation. Die nächtliche Wartezeit verbringt er auf dem Gang, versunken in Erinnerungen an die gemeinsame Zeit mit Emilio und Rosario. Aus Antonios Gedanken in dieser durchwachten Nacht besteht im Wesentlichen dieses Buch.

Rosario war acht Jahre alt, als sie die ersten Male vergewaltigt wurde. Das nächste Mal war sie dreizehn, aber da griff sie zur Schere und kastrierte den Täter. Seitdem wurde sie Tijeras (= Schere) genannt. Sie lebte bei ihrer Mutter in den Slums von Medellin. Sie war arm und schön, doch diese Schönheit wurde ihr schon früh zum Verhängnis, daher setzte sie ihren Körper als Waffe ein. Zunächst aus reiner Aggression gegen jeden, der sie beleidigte, dann professionell als "Sicaria" (= Auftragskillerin) des Drogenkartells, um an das große Geld zu kommen. Sie wollte ihre Vergangenheit auslöschen, die Armut endgültig hinter sich lassen.

Antonio und sein bester Freund Emilio waren Söhne aus gutem Hause, als sie Rosario kennenlernten und sich damit ihr Leben von Grund auf änderte. Beide waren auf ihre Art Geliebte von Rosario, Emilio im Bett und Antonio als Freund, als "Kumpel", mit dem sie nächtelang redete und Geschichten erzählte, ohne sein starkes Verlangen nach ihrem Körper zu bemerken. Aber ihre eigentliche Liebe war Ferney, der Freund ihres Bruders und Mitglied derselben Bande, bevor beide umgebracht wurden.

Jorge Franco schildert diese erweiterte Dreiecksbeziehung sehr einfühlsam und unverkrampft in kräftigen, realistischen Bildern. Er entgeht dabei nicht immer einem gewissen Sentiment oder Pathos, insbesondere, was die Liebesqualen Antonios betrifft.

Die Figur der Rosario ist ihm sehr beeindruckend gelungen. Ihr schicksalhafter Weg zur Sicaria ist das wesentliche Element in diesem Roman, glaubwürdig, illusionslos und unerbittlich dargestellt, wobei sich Franco stets auf einer natürlichen, lakonischen Sprachebene bewegt und eine leichte Distanz zum Geschehen hält. So fühlt man sich als Leser tatsächlich wie vor einer großen Leinwand sitzend.

Es ist ein Drama der menschlichen Abhängigkeiten, wobei aber niemand das bekommt, was er eigentlich will. Auch Rosario möchte nur raus aus ihrem Leben, ihrem Schicksal, und gerät doch nur immer tiefer hinein. Die Täter sind oft selbst nur Opfer, Getriebene. Rosario sagt es selbst:

 

Aber ich möchte wirklich, dass ihr versteht, dass es nicht meine Schuld ist. Wie soll ich sagen, es ist etwas ganz Starkes, stärker als ich, und es zwingt mich Sachen zu machen, die ich gar nicht will.

 

Es ist ein Requiem auf Rosario Tijeras, auf alle Menschen in den Slums von Medellin mit dem gleichen Schicksal.

Medellin ist eine der gewalttätigsten Städte. Konflikte werden hier wie in ganz Kolumbien sehr oft mit Gewalt gelöst, die Gegengewalt erzeugt. Todesschwadrone, paramilitärische Einheiten, Auftragskiller, Volksmilizen, Bandenkriminalität sind an der Tagesordnung. Dazu die Armut in den ländlichen Gegenden und den Armenvierteln der Städte, sowie das alles dominierende Drogenkartell. Das Ende dieser mächtigen Organisation 1992 ist bezeichnenderweise auch das Ende Rosarios in diesem Buch.

Jorge Franco gehört wie Santiago Gamboa zu der jüngeren Generation Kolumbianischer Schriftsteller, die Gabriel Garcia Marquez überwunden und vom magischen Realismus zu individuellen Formen eines Realismus gefunden haben.

Franco erhielt für "Die Scherenfrau" 2000 den "Dashiell-Hammett-Preis".

Die Scherenfrau (Rosario Tijeras)

Jorge Franco, Unionsverlag

Die Scherenfrau (Rosario Tijeras)

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