Mord im neunten Monat

  • Ullstein
  • Erschienen: Januar 1972
  • New York: Worl Pub., 1971, Titel: 'A fine and private place', Seiten: 214, Originalsprache
  • Frankfurt am Main; Berlin; Wien: Ullstein, 1972, Seiten: 140, Übersetzt: Inge Andrée-Röhmhildt
Mord im neunten Monat
Mord im neunten Monat
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Michael Drewniok
55°

Krimi-Couch Rezension vonSep 2018

Schwanger mit bizarrem Mordplan

Die drei Brüder Importunato kamen einst als bettelarme Einwanderer in die Vereinigten Staaten. Mit gnadenloser Härte haben sie sich nach oben geschuftet und herrschen nun in New York City über ein weltweites Konzerngeflecht, dessen Wert auf eine halbe Milliarde Dollar geschätzt wird. Treibende Kraft des Triumvirats ist Nino, der Älteste. Auch sein Privatleben hat er wie eines seiner Geschäfte organisiert: Als er im Alter von 62 Jahren heiratet, wurde die Braut zur Ehe erpresst. Der für Nino arbeitende Vater hatte viel Geld unterschlagen, wofür sein Chef ihn hätte verhaften lassen können. Stattdessen biss die vier Jahrzehnte jüngere Virginia in den sauren Apfel und nahm Ninos ‚Antrag‘ an. Sollte die Ehe fünf Jahre halten, wird er sie in ihrem Testament bedenken.

Wie der Vater, so die Tochter: Auch Virginia betrügt Nino, der sie körperlich abstößt sowie impotent ist. Sie unterhält ein gefährliches Liebesverhältnis mit Ninos Sekretär Peter Ennis. Obwohl der Gatte stets misstrauisch ist, konnte das Geheimnis gewahrt werden. Nun sind die fünf Jahre verstrichen, und Nino hält Wort: Virginia wird seine Haupterbin.

Kurz darauf ist der Tod Dauergast im Importunato-Heim. Bruder Julio liegt erschlagen in seinem Arbeitszimmer. Die Indizien deuten auf Bruder Marco als Täter hin, der dies abstreitet und sich kurz darauf umbringt. Der Fall scheint damit geklärt, doch der inzwischen eingeschaltete Schriftsteller und Meisterdetektiv Ellery Queen ist skeptisch. Er kann nicht verhindern, dass schließlich auch Nino umgebracht wird. Hauptverdächtig sind Virginia und Ennis, aber Queen zweifelt auch daran. Er interessiert sich für eine Serie ebenso anonymer wie kryptischer Mitteilungen, hinter denen nach seiner Ansicht der wahre Mörder steckt; sie werden durch Ninos Besessenheit von der Zahl Neun geprägt …

Alles geht einmal zu Ende

Eigentlich hatten die Vettern Frederic Dannay und Manfred Bennington Lee, die seit 1929 ihren Meisterdetektiv Ellery Queen ermitteln (und ihre Romane unter seinem Namen erscheinen) ließen, die überaus erfolgreiche Serie 1958 mit Band 25, dem entsprechend betitelten Roman „The Finishing Stroke“ (dt. „Der dreizehnte Gast“/„Das zwölfte Geschenk“), stilvoll ausklingen lassen. Doch eine lukrative Zahl von Lesern wollte dies nicht akzeptieren. Dass Dannay & Lee einen Schlusspunkt gesetzt hatten, weil ihnen schlicht nichts mehr einfiel, betrachteten ihre gut verdienenden Verleger erst recht als nebensächliches Argument.

Also kehrte Ellery Queen zurück. Einige seiner neuen Abenteuer wurden von „Ghostwritern“ verfasst, aber andere flossen tatsächlich wieder aus den Federn der Vettern. Die ‚Qualität‘ der Ergebnisse bestätigte die Entscheidung, es gut sein zu lassen, aber es dauerte trotzdem bis 1971, bis dieser Erkenntnis die Tat folgte: „Mord im neunten Monat“ wurde der letzte ‚echte‘ Ellery-Queen-Krimi - dies auch deshalb, weil M. B. Lee Anfang April des Jahres starb.

Die Kritik ging nicht freundlich mit diesem Werk um. An diesem Urteil hat sich seitdem wenig geändert. Dabei wird durchaus anerkannt, dass Dannay & Lee bis zuletzt bemüht waren, jene kriminalliterarischen Werte, die man mit ihrer Serie verband, in eine Gegenwart zu bringen, die den klassischen Detektiv à la Ellery Queen nicht nur überholt, sondern ins Abseits geschoben hatte

Over-the-Top-Geheimniskrämerei

Leider scheiterte dieser Versuch - aber nicht (nur) deshalb. Dannay & Lee, zwei fähige sowie geschäftstüchtige Autoren, hatten ihren Helden zuvor sehr wohl mehrfach an den Zeitgeist angepasst. Der Ellery Queen von 1958 hatte kaum noch Ähnlichkeit mit dem von 1929 - und das war gut so, weil es ihm ermöglichte, sich in einer rasant ändernden, modernen Welt zu behaupten, statt als Anachronismus zu enden, wie es den meisten der einst großen Detektive erging.

1971 hatten Dannay & Lee den Anschluss jedoch verloren. Zwar lassen sie u. a. durchblicken, dass es so etwas wie Sex gibt, bleiben aber auffällig verschämt bzw. lassen es einfließen, obwohl es der Geschichte in keiner Weise hilft. Ratlosigkeit hinterlässt auch die Parallelsetzung des langfristig umgesetzten Mordplans mit einer menschlichen Schwangerschaft; dies diente der deutschen Übersetzung geschmacklos als Titelvorlage. Es ist weder originell, noch passt es in ein Mordrätsel, das generell keinen echten Sinn ergibt. Diese Erkenntnis dämmert letztlich sogar Ellery Queen.

Die Schöne und das Biest

„Mord im neunten Monat“ ist eigentlich die perfekte Vorlage für ein Kammerspiel. Die Schauplätze beschränken sich fast ausschließlich auf die Räumlichkeiten der Importunato-Villa. Hin und wieder blenden die Autoren ins Heim des Detektivs um, das dieser mit seinem Vater (!) teilt. Dieses Arrangement mutet vor dem zeitgenössischen Hintergrund besonders anachronistisch an.

Virginia Importuna - der Gatte kürzte seinen Nachnamen auf neun Buchstaben ein, um seinem Fetisch zu frönen - ist eine ebenfalls spröde Heldin, die träge auf ihre Rettung wartet und sich auch sonst mit einer Opferrolle - als Retterin des Lumpen-Vaters und Braut der Bestie mit den neun Fingern - begnügt.

Der finstere Nino belegt eher die Tatsache, dass sich Dannay & Lee auch 1971 nicht von bewährten Vorurteilen trennen wollten/konnten: Er ist nicht nur ein Emporkömmling, sondern auch ein ‚mediterraner‘ Grobian mit dem für ‚sein Volk‘ ‚typischen‘ Hang zur Grausamkeit. Um Nino zusätzlich als Widerling zu brandmarken, der das zarte Lamm Virginia (= „die Unschuldige“) in sein Lotterbett zu zwingt (wo ihn allerdings die Kraft verlässt), dichtet ihm das Autoren-Duo eine Entstellung an, die gleichzeitig als ‚Erklärung‘ für den Tanz um die Neun dient. Für die Ellery-Queen-Serie ist dieser 34. Band ein kraftloser Abschluss.

Fazit

Zum letzten Mal ermittelt Ellery Queen in einem rätselhaften Mordfall. Das Mysterium kreist um sich selbst, die Figuren erfüllen eher automatisch ihre bekannten Rollen, und die Auflösung ist kraftlos. Die alten bzw. bewährten Muster haben sich überlebt; nur Autorenroutine sorgt für Latenz-Spannung.

Mord im neunten Monat

, Ullstein

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