Der Kirschblütenmord

Erschienen: Januar 1996

Bibliographische Angaben

  • New York: Random House, 1994, Titel: 'Shinjū', Seiten: 367, Originalsprache
  • Bergisch Gladbach: Lübbe, 1996, Seiten: 480, Übersetzt: Wolfgang Neuhaus
  • Bergisch Gladbach: BLT, 1999, Seiten: 555
  • Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2002, Seiten: 555
  • Augsburg: Weltbild, 2003, Seiten: 557
  • Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2008, Seiten: 555

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Jörg Kijanski
Darauf einen Reisschnaps!

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Mai 2003

Japan, Edo, 1689: Sano Ichiro ist erst seit kurzer Zeit neuer Bezirksvorsteher der Polizei von Edo, da bittet ihn sein Vorgesetzter, der Magistrat Ogyu, einen scheinbar klassischen shinju, den gemeinsamen Selbstmord eines Liebespaares, zu untersuchen. Doch eigentlich bittet er Sano, genau dies nicht zu tun, denn es handelt sich bei der Frau um Yukiko, eine Tochter des einflussreichen Fürsten Niu, während der Mann, der Künstler Noriyoshi, lediglich aus einfachen Verhältnissen stammt. Daher soll der Leichnam Yukikos in aller Stille der Familie übergeben werden, der Leichnam des Mannes aber öffentlich zur Schau gestellt werden. Sano macht sich auf dem Weg zum Gefängnis von Edo und trifft dort den Arzt Genboku, den einstigen Leibarzt der kaiserlichen Familie. Dieser wurde in das Gefängnis verbannt, da er verbotene holländische Heilmethoden praktizierte und zudem wissenschaftliche Experimente durchgeführt hat. Die Leiche Yukikos wurde bereits vor dem Eintreffen Sanos an die Fürstenfamilie übergeben und Genboku eröffnet Sano, dass nur eine Sezierung Noriyoshis Klarheit darüber geben kann, ob es sich um Selbstmord oder gar um Mord handeln könnte. Die Leichen wurden aneinandergefesselt in einem Fluss gefunden und so müsste sich eigentlich eine größere Menge Wasser in den Lungenflügeln gesammelt haben. Widerwillig stimmt Sano der verbotenen Sezierung zu und kurz darauf steht fest, dass Noriyoshi ermordet wurde, da sich in seinen Lungenflügeln keinerlei Wasser befindet.

Sano besucht Fürstin Niu um ihr Informationen über ihre Tochter zu entlocken, doch diese beschwert sich kurzerhand bei Ogyu und dieser fordert Sano auf, den Fall umgehend als Selbstmord abzuschließen. Sano, der hin und her gerissen wird von seinem Treueschwur gegenüber seinem Vorgesetzten und seiner Pflicht zur Wahrheitsfindung, bleibt somit nur, Informationen über Noriyoshi zu sammeln, wobei ihn seine geheimen Ermittlungen in den Vergnügungsbezirk Yoshiwara führen. Dort lernt er die Kurtisane Wisterie kennen, die Sano mitteilt, dass Noriyoshi homosexuell gewesen, eine Beziehung zu Yukiko daher nicht denkbar sei und er zudem zahlreiche Feinde hatte, da er neben seiner künstlerischen Arbeit zusätzliche Einnahmen durch Erpressungen erzielte. Zu seinen Opfern zählten unter anderem der berühmte Kakubi-Schauspieler Kikunojo und der bekannte Sumo-Ringer Raiko. Aber nicht nur die beiden sind verdächtig, denn Raiko weist Sano darauf hin, dass Noriyoshi auch ein Mitglied der Familie des Fürsten Niu erpresst habe. Somit hat Sano endlich die gesuchte Verbindung zwischen Noriyoshi und den Nius, aber wie soll er seine Ermittlungen gegen den Willen seines Vorgesetzten weiterführen und zum Abschluss bringen? Dabei ahnt Sano nicht, dass er in ein wahres Wespennest stoßen wird und ihm größte Schwierigkeiten unmittelbar bevorstehen...

Die gute Nachricht gleich vorweg: "Sano Ichiros erster Fall" überzeugt auf ganzer Linie und ist ein hervorragender Auftakt zu einer viel versprechenden Serie. Es geht natürlich auch um die Aufklärung des vermeintlichen shinju, aber in Wirklichkeit um weitaus wichtigere Dinge, welche der Spannung halber an dieser Stelle nicht vorweg genommen werden sollen. Nur soviel: Wer die "SPQR"-Serie von John Maddox Roberts kennt, vermag zu erahnen was den Leser hier erwartet. So wie Roberts das "Alte Rom" zum Leben erweckt schafft es Laura Joh Rowland vortrefflich, den Leser in das Japan des 17. Jahrhunderts zu entführen. Wie in derartigen Werken üblich, wird die atmosphärische Schilderung durch zahllose Daimyo, Samurai, Ronin, Doshin, Yoriki, Yujo etc. mit Leben gefüllt, wobei ein umfangreiches Glossar am Ende des Buches die "Begriffe" detailliert erläutert. Hierbei findet der Asienkrimi-Fan nicht nur den bekannten traditionellen seppuku wieder, sondern lernt ebenso den weniger bekannten jigai (ritueller Selbstmord einer Frau) kennen. Spätestens beim kirisute freut man sich dann, dass man als "einfacher Bürger" im sogenannten Modernen 21. Jahrhundert lebt.

Fünfzehn Jahre nach der berühmten Schlacht von Sekigahara richtet der erste Shogun der Tokugawa-Familie in Edo das Zentrum seiner Militärdiktatur ein, doch der 75 Jahre später amtierende Shogun Tokugawa Tsunayoshi verlässt sich zu sehr auf sein umfangreiches Spionagenetzwerk, welches in eitler Selbstüberschätzung die Gefahren, welche von den entmachteten Daimyos ausgeht, nicht erkennt. Aber selbst die zahlreichen Yoriki (Polizei-Bezirksvorsteher) und Doshin (Polizeibeamte in niedrigeren Rängen), sind meist nur oberflächlich an der eigentlichen Polizeiarbeit interessiert. Vielmehr kosten sie ihre Privilegien reichlich aus und führen willkürlich Verhaftungen durch, nur um einen Fall ad acta legen zu können. Ein Wahrheitsfanatiker und Seiteneinsteiger wie Sano Ichiro, der eigentlich Lehrer bleiben wollte (bis sein Vater "bessere" Pläne für ihn hatte), kann da nur Probleme magisch anziehen. Erschwerend kommt hinzu, dass sein Vorgesetzter Ogyu aufgrund eigener Verfehlungen in der Vergangenheit durch das Fürstenhaus Niu erpressbar ist und so ist Sano Ichiro recht bald - vom Dienst suspendiert und eines Mordes beschuldigt - völlig auf sich allein gestellt, da sich auch sein Mentor von ihm abwendet. Die Figur des rechtschaffenen Sano wird wunderbar dargestellt und sein Einsatz für Wahrheit und Gerechtigkeit, wo doch ein schlichtes Weggucken ihm so viele Dinge vereinfachen würde, ist schlichtweg herzergreifend. Ebenso "beeindruckend" der erste "exotische, von den Barbaren eingeführte" seppun von Sano - da ist er immerhin schon 30 Jahre alt (seppun = Kuss).

Dabei stört den Leser kaum, dass einem der Plot inhaltlich bekannt vorkommt und das ein oder andere Klischee nicht nur nicht ausgespart, sondern geradezu mustergültig bedient wird. Ein Mordfall wird aufgeklärt, wobei Sano einem weitaus größerem Verbrechen auf die Spur kommt und der einsame Held wird erst von allen verachtet, nicht ernst genommen, und erhält am Ende dann eben doch den wohlverdienten Lohn für seine Sturheit - von allerhöchster Stelle versteht sich. "Ende gut - alles gut" möchte man lauthals rufen, denn es ist fürwahr ein Glück, dass Sano Ichiro nicht bei einer der sich zahlreich bietenden Gelegenheiten ums Leben kommt, denn dann würde man an weiteren Abenteuern dieses sympathischen Ermittlers verständlicherweise kaum teilhaben können.

Wer ein Faible für Krimis mit fernöstlichem Flair hat, sollte - sofern nicht bereits geschehen - Laura Joh Rowland und damit die Sano Ichiro-Reihe schnellstens kennen lernen. Darauf einen Reisschnaps!

Der Kirschblütenmord

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