Totenliste

Erschienen: September 2018

Bibliographische Angaben

  • München: Knaur, 2018, Seiten: 512, Originalsprache

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Kirsten Kohlbrei
Mordermittlung im Berlin der Nachkriegszeit

Buch-Rezension von Kirsten Kohlbrei Okt 2019

Berlin in den ersten Nachkriegsjahren, das war eine Stadt in einem permanentem Ausnahmezustand. Die zerstörte, mit Gestrandeten aller Art völlig überfüllte, ehemalige Reichshauptstadt glich einem Trümmerfeld, in dessen Ruinen die Bewohner mühsam um ihr Dasein kämpften. Eingeteilt in Besatzungszonen oblag die Kontrolle sämtlicher Verwaltungsorgane und gesellschaftlicher Institutionen der jeweiligen allierten Macht des Sektors. Dabei barg die Rivalität der Westmächte und Russlands bei Zonen-übergreifenden Ereignissen oder Belangen von politischem Interesse immer die Gefahr von Komplikationen und Spannungen.

Bizarre Leichenfunde

Als im Dezember 1946 nach einem Leichenfund im US-Sektor mit Georg Hüttner ein ehemaliger russischer Exilant und SED-Verbindungsmann am  Tatort festgnommen wird, beauftragt der russische Oberst Aksakow den früheren Mordkommissar Richard Oppenheimer, die Ermittlungsarbeit der Polizei zu begleiten und entlastende Beweise für die Unschuld des Angeklagten zu finden. Oppenheimer arbeitet mittlerweile beim Deutschen Suchdienst, und trifft bei seiner neuen Aufgabe auf seinen früheren Kollegen Billhardt.
Die Begleitumstände am Fundort sind bizarr. Der Tote liegt nackt im Hinterhof seines Wohnhauses. Auf seine Arme und Beine sind mit schwarzer Tinte Namen geschrieben, und in seinem Mund stecken Reste von verkohltem Papier. Schon einen Monat zuvor hatte die Wasserschutzpolizei eine weitere Leiche im Tegeler See geborgen, die ganz ähnliche Schriftzeichen trug, darüberhinaus aber eine auf dem linken Unterarm eintätowierte Nummer, eine Kennzeichnung, wie sie für KZ-Insassen verwendet wurde.
Es stellt sich heraus, dass der als Aribert Storm identifizierte Mann ein Kapo im KZ Sachsenhausen war, ein Häftling, der als Aufseher der Lagerleitung zuarbeitete. Damit gibt es eine vage Verbindung zum nun tot aufgefundenen Jakob Orminski, der als überzeugter Nazi galt. Oppenheimers Überprüfung der aufgetragenen Namen durch den Suchdienst erbringt zunächst nichts. Aber als erneut ein Mann ermordet aufgefunden wird, kommen die Ermittlungen voran, da sich nun eindeutige Hinweise für einen Zusammenhang zwischen den Toten ergeben. Der Ermordete wohnte erst seit einigen Monaten in der Stadt. Eigentlich stammte Rolf Richter aus Weydorf, einem Dorf vor den Toren Berlins, indem auch das Mordopfer Orminski eine Weile lebte.

Racheengel sühnt Unmenschlichkeit

Bei einem Besuch in Weydorf erfährt Oppenheimer von einem furchtbaren Ereignis, das sich dort bei der Durchfahrt eines Häftlingszug aus dem KZ Sachsenhausen im Jahr 1943 ereignete, und bekommt die Namen der Beteiligten, zu denen auch  Orminski und Richter gehörten. Es scheint, als würde der Mörder Rache für die Geschehnisse von damals üben, denn auch im Dorf selber sind schon Bewohner zu Tode gekommen. Dass es sich um den gleichen Täter handelt ist eindeutig, da er in Weydorf und Berlin am Tatort sein Zeichen hinterlässt, das Abbild eine geflügelten Wesens.

Oppenheimer kehrt in die Stadt zurück, denn mit den verbliebenen Personen der Liste aus Weydorf, hat er auch gleichzeitig die möglichen weiteren Opfer des Mörders und hofft, ihm damit einen Schritt voraus zu sein. Wider Erwarten wird dann die beschriebene Leiche einer Frau entdeckt, die nicht zu dem potenziellen Opferkreis gehört. Als klar wird, dass Margret Dargel Aufseherin im KZ Sachsenhausen war, vervollständigt sich für die Ermittler das Motiv des Täters.
Er verfolgt nicht nur die Verantwortlichen aus Weydorf, sondern auch die willfährigen Helfer im KZ. Auch für die Namen auf den Leichen findet sich eine erschreckende Erklärung. Um weitere Morde zu verhindern, muss Oppenheimer unter Zeitdruck aus der Faktenlage die richtigen Schlüsse ziehen. Die entscheidende Runde der Jagd auf den Täter ist eingeläutet und gipfelt in einem eindrucksvollen Showdown.

 Vierter Fall für Richard Oppenheimer

Autor Harald Gilbers lässt Richard Oppenheimer nun zum vierten Mal im von Krieg und Nazi-Herrschaft gezeichneten Berlin ermitteln. Das bedeutet für Kenner der vorherigen Bände ein Wiedersehen mit zahlreichen Charakteren im Umfeld des Protagonisten sowie das tiefere Verständnis vieler Zusammenhänge, die sich auf frühere Ereignisse beziehen.
Da Gilbers aber zwischen den Zeilen ausreichend Erklärungen einfließen lässt, finden Neuleser leicht einen Einstieg. Auch Oppenheimers persönlicher Hintergrund, seine familiäre Situation wird vermittelt. Ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit und geschichtlichem Interesse generell fordert der Autor allerdings seinen Lesern ab. Dafür liefert er jedoch im Gegenzug einen Kriminalroman, der durch die detailgetreue Berücksichtigung historischer Fakten zu einer eindrucksvollen zeitgeschichtlichen Darstellung wird.

Der Leser begleitet Oppenheimer in seinem Alltag und bei seinen Ermittlungen im zerstörten Berlin und durch seine Erlebnisse, Reflektionen und Wahrnehmungen werden die lebensfeindlichen Umstände des Hungerwinters 1946 regelrecht spürbar. Gleichzeitig wird die gespannte Atmosphäre in der aufgeteilten, um Neuanfang bemühten Stadt nachvollziehbar. Das Taktieren der Besatzungsmächte untereinander, die sich im Wiederaufbau befindene Polizei, der blühende Schwarzmarkt und mannigfaltige weitere Einzelheiten, die Gilbers absolut verlässlich recherchiert darlegt. Davon zeugt auch der zweiseitige Literaturhinweis. Mit seinen Personen und ihren Geschichten füllt er bloße Fakten mit Leben und macht die Szenerie damit authentisch.

Krimispannung trifft Zeitgeschichte

In diesen Kontext bettet er, ohne dass die Spannung in irgendeiner Weise darunter leidet, einen ebenso dichten Krimiplot. Allen Widrigkeiten zum Trotz liefern Oppenheimer und Billhardt solide Ermittlungsarbeit. Zeugen werden befragt, Spuren gesichert, Ergebnisse der Gerichtsmedizin berücksichtigt, der Verdächtigte entlastet und Theorien zum Tatergang und Täter aufgestellt. Der  Autor gibt auch Täterwissen preis und beschreibt aus Sicht des Gesuchten Details zu seiner Vorgehensweise. So können die Leser in vielen Punkten den Lösungsfortschritt beobachtend begleiten und selbst früh Überlegungen zum Motiv anstellen.

Die Handlung ist bis auf kleine Ausnahmen stimmig und bis zur effektvollen Schlusssequenz permanent spannend. Dass ein Täter für sich die Rolle eines strafenden Engels ersinnt, ist nicht neu und eröffnet die Gefahr der vorschnellen Assoziation zum wahnsinnigen Mörder. Der mytholgische Bezug der in Folge hergestell wird, macht den Kunstgriff jedoch akzeptabel. Etwas konstruiert dabei wirkt, dass der, durch die Figur des Racheengels als Einzelgänger konzipierte, Täter zum Ende eine Komplizin hat.

Gilbers zeigt seinen Mörder als Opfer, das als Reaktion auf die ihm wiederfahrene Unmenschlichkeit selbst zum Täter wird. Mit seiner emotionalen Zerstörung einher geht für ihn sebst auch jegliche Bindung an moralische Werte verloren. Oppenheimer ist aus seiner Biographie heraus dieses Empfinden bekannt. Aber Selbstjustiz ist für ihn in keiner Situation eine Option. Auch deshalb vesucht er den Täter in seinem Handeln zu stoppen.

Fazit:

Ein Roman, der spannend zu lesen ist und durch die authentische Beschreibung zudem en passent ungemein viel zeitgeschichtliches Wissen vermittelt. Damit hebt sich der Krimi nicht nur in angenehmer Weise vom Mainstream ab, sondern lotet auch die Möglichkeiten des Genres bravourös aus. Oppenheimers Überlegung zum Ende des Buches, wieder in den Polizeidienst zurückzukehren, lässt auf eine Fortführung der Reihe hoffen und macht neugierig auf einen fünften Fall.

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