Black Hand

Erschienen: November 2018

Bibliographische Angaben

  • Boston: Houghton Mifflin Harcourt, 2017, Titel: 'The Black Hand', Seiten: 298, Originalsprache
  • Berlin: Suhrkamp, 2018, Seiten: 318, Übersetzt: Jan Schönherr

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Jörg Kijanski
Mit den Einwanderern kam auch die Mafia

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Feb 2019

Anfang des 20. Jahrhunderts beherrscht La Mano Nera, der „Bund der Schwarzen Hand“, weite Teile der Stadt New York. Drei Tintenherze und ein Schädel mit gekreuzten Knochen sind ihr Markenzeichen, die die italienischen Einwanderer in Angst und Schrecken versetzen. Zahlreiche Kinder werden entführt, Menschen erpresst und ermordet, Sprengsätze zerstören viele Gebäude. Dem New York Police Departement (NYPD) und der Tammany Hall, einer korrupten politischen Seilschaft, ist dies egal. In der Polizei wie im Stadtrat haben die Iren das Sagen, allen voran Big und Little Tim Sullivan, die ihr Geschäft unter anderem mit Glücksspiel machen. Sie interessieren sich nicht für ermordete Italiener (ebenso wenig wie die amerikanische Bevölkerung), solange die Black Hand nicht ihr Revier verlässt. Italiener stehen ganz unten in der gesellschaftlichen Rangordnung, vielen sind sie verhasst.

Von der Ankunft und dem Leben der ersten italienischen Einwanderer in New York, der ersten „amerikanischen Mafia“ und dem ebenso ehrgeizigen wie (us-)patriotischen Polizisten Joseph „Joe“ Petrosino, der sein Leben dem Kampf gegen die italienische Verbrecherbande widmet, erzählt das großartige, in Romanform geschriebene Sachbuch „Black Hand – Jagd auf die erste Mafia New Yorks“ von Stephan Talty.

Ein literarisches Denkmal für Joseph Petrosino, einen der größten Polizisten Amerikas

Petrosino kommt am 30. August 1860 in Padula zur Welt. Die Mutter stirbt früh, die restliche Familie lebt in ärmlichen Verhältnissen, was den Vater veranlasst nach Amerika auszuwandern und dort sein Glück zu suchen. 1873 übersiedeln die Petrosinos, der Vater mit seinen drei Kindern, womit sie zu einer der früheren Wellen italienischer Einwanderer zählen. Schnell erlebt Petrosino in der Schule, das italienische Kinder nicht beliebt sind, schon gar nicht bei den irischen. Schlägereien sind an der Tagesordnung, doch er ist stark und geht keiner Prügel aus dem Weg. Nach der sechsten Klasse ist allerdings Schluss mit der Schule, er muss arbeiten, um der Familie finanziell zu helfen. Verschiedene kleinere Tätigkeiten erledigt er eher widerwillig, er will Karriere machen. Die erste bessere Stelle führt ihn zur städtischen Müllabfuhr. Ein Knochenjob, denn Ende des 19. Jahrhunderts produzieren rund 15.000 Pferde täglich tausend bis zweitausend Tonnen Kot. Die Stadtreinigung ist der Polizei unterstellt, ein Glücksfall, denn so erhält Petrosino einen Job beim NYPD. Am 20. Juli 1895 wird er vereidigt als erster italienischer Detective des Landes. Sehr zum Ärger der Iren, die die Polizei bis in den letzten Winkel beherrschen und die einen Groll gegen die Italiener haben.

Anfang des 20. Jahrhunderts folgt die große Einreisewelle aus Italien. Immer mehr Menschen, vor allem aus dem armen Süditalien, zieht es in die Neue Welt. Leben 1850 gerade einmal 833 Italiener in Manhattan, sind es 1910 schon 500.000. Doch es sind nicht nur arme Bauern aus Sizilien, die auf ein besseres Leben hoffen, auch viele Kriminelle, denen der Boden in ihrer Heimat zu heiß wurde, nutzen die Überfahrt. Was sich in krimineller Hinsicht in den Anfangsjahren des beginnenden 20. Jahrhunderts in New York – und teilweise auch in anderen amerikanischen Städten – abspielt, muss man gelesen haben. Es muss eine Art Bürgerkrieg in Little Italy getobt haben, denn Sprengsätze waren eines der beliebtesten Mittel der Black Hand, um die Bürger in Angst und Schrecken zu versetzen. Über viele der Fälle die Petrosino aufklärt berichtet das vorliegende Buch ausführlich; am Ende seines (kurzen) Lebens wird er über hundert Mörder verhaftet haben.

„Doch manchmal verlor Petrosino die Geduld mit seinen Landsleuten und hasste die Opfer der Black Hand noch mehr als die Verbrecher selbst. Er „bezeichnete die Opfer als Schafe“, schrieb der italienische Journalist und Autor Luigi Barzini, „und beschimpfte sie heftig,“ Petrosino war an einem Tiefpunkt angelangt und völlig verzweifelt. Warum wollten seine Leute sich gegen diese Barbaren nicht zusammentun?“

Petrosino hat keine Familie (erst 1908 heiratet er seine große Liebe), arbeitet rund um die Uhr und wird bald zum Star der Medien; auch weil er – ein italienischer Cop - Teddy Roosevelt aus dessen New Yorker Polizeizeit persönlich kennt. 1901 ermittelt er in dessen Auftrag „undercover“ und warnt daraufhin US-Präsident William McKinley vor einem geplanten Attentat. McKinley wie Roosevelt glauben Petrosino nicht, vermuten, dieser wolle sich aufspielen. Wenige Wochen später wird McKinley ermordet. Eine „Italian Squad“ wird gegründet, Petrosino ihr Chef, doch zunächst hat er nur eine Handvoll Mitarbeiter. Mehr italienisch sprechende Detectives gab es allerdings auch nicht.

„Die Einheit hatte den Befehl, sich „um die speziellen Probleme zu kümmern, die ständig in den Italienervierteln auftreten.“ Damit hatte McAdoo faktisch eine halbe Million auf mehrere Quadratkilometer verteilte Italiener der Obhut von sechs Männern übertragen. Zum Vergleich: Die Bürger Roms, im Jahre 1904 etwa 500.000, wurden von Tausenden Polizisten und carabinieri beaufsichtigt, bei voller Unterstützung durch Gerichte, Staatsanwaltschaft und Polizeiführung. Das Squad sollte mit lachhaften Mitteln eine Aufgabe vom selben Ausmaß stemmen.“

Obwohl der (irische) Polizeiapparat die Arbeit der Einheit massiv behindert, stellen sich erste Erfolge bald ein. Petrosino wird zu einer Legende, die zwar nahezu täglich Morddrohungen erhält, aber auch einen Mafiapaten in einem öffentlichen Lokal ungestraft ohrfeigen kann. Die Gewalt eskaliert weiter und der größte Feind Petrosinos scheinen ausgerechnet seine Landsleute selbst zu sein. Aus ihrer Heimat wissen sie, dass man mit Menschen in Uniform nicht spricht, mit Polizisten schon gar nicht. So ist es wenig überraschend, dass Petrosino bei einem dienstlichen Aufenthalt in Palermo, der Hauptstadt Siziliens, in der Nacht vom 12. auf dem 13. März 1909 erschossen wird (vermutlich ein Auftragsmord des Mafiabosses Vito Cascio Ferro). Und obwohl mehrere Schüsse deutlich zu hören waren, gibt es keinen einzigen Zeugen, der etwas gesehen oder gehört (!) haben will. Omertà!

Fazit:

Stephan Talty ist ein brutales, aber lesenswertes Buch gelungen, dass der Kategorie „True Crime“ zuzuordnen ist. Neben dem Lebensweg des großen Detectives, an dessen Beisetzung im April 1909 rund 250.000 Menschen die Straßen Manhattans säumten, wird auch die Black Hand umfassend vorgestellt. Tiefe Einblicke in das Leben New Yorks zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die Hoffnungen und Schwierigkeiten der (italienischen) Zuwanderer und Einblicke in die politischen Machtverhältnisse der Stadt sowie deren Polizeiarbeit (die kurz nach Petrosinos Tod „revolutioniert“ wird) runden den positiven Gesamteindruck ab. Abschließend folgen knapp zwanzig Seiten Quellenangaben sowie ein zweiseitiges Literaturverzeichnis.

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