Black Hand

Erschienen: November 2018

Bibliographische Angaben

  • Boston: Houghton Mifflin Harcourt, 2017, Titel: 'The Black Hand', Seiten: 298, Originalsprache
  • Berlin: Suhrkamp, 2018, Seiten: 318, Übersetzt: Jan Schönherr

Couch-Wertung:

85°

Leser-Wertung

-
Zum Bewerten, einfach Säule klicken.
 50° 100°

Zum Bewerten, einfach Säule klicken.

Bitte bestätige - als Deine Wertung.

Gebe bitte nur eine Bewertung pro Buch ab, um die Ergebnisse nicht zu verfälschen. Danke!

2 x 91°-100°
0 x 81°-90°
0 x 71°-80°
0 x 61°-70°
0 x 51°-60°
1 x 41°-50°
0 x 31°-40°
0 x 21°-30°
1 x 11°-20°
0 x 1°-10°
B:63.5
V:4
W:{"1":0,"2":0,"3":0,"4":0,"5":0,"6":0,"7":0,"8":0,"9":0,"10":0,"11":0,"12":1,"13":0,"14":0,"15":0,"16":0,"17":0,"18":0,"19":0,"20":0,"21":0,"22":0,"23":0,"24":0,"25":0,"26":0,"27":0,"28":0,"29":0,"30":0,"31":0,"32":0,"33":0,"34":0,"35":0,"36":0,"37":0,"38":0,"39":0,"40":0,"41":0,"42":0,"43":0,"44":0,"45":0,"46":0,"47":0,"48":0,"49":0,"50":1,"51":0,"52":0,"53":0,"54":0,"55":0,"56":0,"57":0,"58":0,"59":0,"60":0,"61":0,"62":0,"63":0,"64":0,"65":0,"66":0,"67":0,"68":0,"69":0,"70":0,"71":0,"72":0,"73":0,"74":0,"75":0,"76":0,"77":0,"78":0,"79":0,"80":0,"81":0,"82":0,"83":0,"84":0,"85":0,"86":0,"87":0,"88":0,"89":0,"90":0,"91":0,"92":1,"93":0,"94":0,"95":0,"96":0,"97":0,"98":0,"99":0,"100":1}
Jörg Kijanski
Mit den Einwanderern kam auch die Mafia

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Feb 2019

Anfang des 20. Jahrhunderts beherrscht La Mano Nera, der „Bund der Schwarzen Hand“, weite Teile der Stadt New York. Drei Tintenherze und ein Schädel mit gekreuzten Knochen sind ihr Markenzeichen, die die italienischen Einwanderer in Angst und Schrecken versetzen. Zahlreiche Kinder werden entführt, Menschen erpresst und ermordet, Sprengsätze zerstören viele Gebäude. Dem New York Police Departement (NYPD) und der Tammany Hall, einer korrupten politischen Seilschaft, ist dies egal. In der Polizei wie im Stadtrat haben die Iren das Sagen, allen voran Big und Little Tim Sullivan, die ihr Geschäft unter anderem mit Glücksspiel machen. Sie interessieren sich nicht für ermordete Italiener (ebenso wenig wie die amerikanische Bevölkerung), solange die Black Hand nicht ihr Revier verlässt. Italiener stehen ganz unten in der gesellschaftlichen Rangordnung, vielen sind sie verhasst.

Von der Ankunft und dem Leben der ersten italienischen Einwanderer in New York, der ersten „amerikanischen Mafia“ und dem ebenso ehrgeizigen wie (us-)patriotischen Polizisten Joseph „Joe“ Petrosino, der sein Leben dem Kampf gegen die italienische Verbrecherbande widmet, erzählt das großartige, in Romanform geschriebene Sachbuch „Black Hand – Jagd auf die erste Mafia New Yorks“ von Stephan Talty.

Ein literarisches Denkmal für Joseph Petrosino, einen der größten Polizisten Amerikas

Petrosino kommt am 30. August 1860 in Padula zur Welt. Die Mutter stirbt früh, die restliche Familie lebt in ärmlichen Verhältnissen, was den Vater veranlasst nach Amerika auszuwandern und dort sein Glück zu suchen. 1873 übersiedeln die Petrosinos, der Vater mit seinen drei Kindern, womit sie zu einer der früheren Wellen italienischer Einwanderer zählen. Schnell erlebt Petrosino in der Schule, das italienische Kinder nicht beliebt sind, schon gar nicht bei den irischen. Schlägereien sind an der Tagesordnung, doch er ist stark und geht keiner Prügel aus dem Weg. Nach der sechsten Klasse ist allerdings Schluss mit der Schule, er muss arbeiten, um der Familie finanziell zu helfen. Verschiedene kleinere Tätigkeiten erledigt er eher widerwillig, er will Karriere machen. Die erste bessere Stelle führt ihn zur städtischen Müllabfuhr. Ein Knochenjob, denn Ende des 19. Jahrhunderts produzieren rund 15.000 Pferde täglich tausend bis zweitausend Tonnen Kot. Die Stadtreinigung ist der Polizei unterstellt, ein Glücksfall, denn so erhält Petrosino einen Job beim NYPD. Am 20. Juli 1895 wird er vereidigt als erster italienischer Detective des Landes. Sehr zum Ärger der Iren, die die Polizei bis in den letzten Winkel beherrschen und die einen Groll gegen die Italiener haben.

Anfang des 20. Jahrhunderts folgt die große Einreisewelle aus Italien. Immer mehr Menschen, vor allem aus dem armen Süditalien, zieht es in die Neue Welt. Leben 1850 gerade einmal 833 Italiener in Manhattan, sind es 1910 schon 500.000. Doch es sind nicht nur arme Bauern aus Sizilien, die auf ein besseres Leben hoffen, auch viele Kriminelle, denen der Boden in ihrer Heimat zu heiß wurde, nutzen die Überfahrt. Was sich in krimineller Hinsicht in den Anfangsjahren des beginnenden 20. Jahrhunderts in New York – und teilweise auch in anderen amerikanischen Städten – abspielt, muss man gelesen haben. Es muss eine Art Bürgerkrieg in Little Italy getobt haben, denn Sprengsätze waren eines der beliebtesten Mittel der Black Hand, um die Bürger in Angst und Schrecken zu versetzen. Über viele der Fälle die Petrosino aufklärt berichtet das vorliegende Buch ausführlich; am Ende seines (kurzen) Lebens wird er über hundert Mörder verhaftet haben.

„Doch manchmal verlor Petrosino die Geduld mit seinen Landsleuten und hasste die Opfer der Black Hand noch mehr als die Verbrecher selbst. Er „bezeichnete die Opfer als Schafe“, schrieb der italienische Journalist und Autor Luigi Barzini, „und beschimpfte sie heftig,“ Petrosino war an einem Tiefpunkt angelangt und völlig verzweifelt. Warum wollten seine Leute sich gegen diese Barbaren nicht zusammentun?“

Petrosino hat keine Familie (erst 1908 heiratet er seine große Liebe), arbeitet rund um die Uhr und wird bald zum Star der Medien; auch weil er – ein italienischer Cop - Teddy Roosevelt aus dessen New Yorker Polizeizeit persönlich kennt. 1901 ermittelt er in dessen Auftrag „undercover“ und warnt daraufhin US-Präsident William McKinley vor einem geplanten Attentat. McKinley wie Roosevelt glauben Petrosino nicht, vermuten, dieser wolle sich aufspielen. Wenige Wochen später wird McKinley ermordet. Eine „Italian Squad“ wird gegründet, Petrosino ihr Chef, doch zunächst hat er nur eine Handvoll Mitarbeiter. Mehr italienisch sprechende Detectives gab es allerdings auch nicht.

„Die Einheit hatte den Befehl, sich „um die speziellen Probleme zu kümmern, die ständig in den Italienervierteln auftreten.“ Damit hatte McAdoo faktisch eine halbe Million auf mehrere Quadratkilometer verteilte Italiener der Obhut von sechs Männern übertragen. Zum Vergleich: Die Bürger Roms, im Jahre 1904 etwa 500.000, wurden von Tausenden Polizisten und carabinieri beaufsichtigt, bei voller Unterstützung durch Gerichte, Staatsanwaltschaft und Polizeiführung. Das Squad sollte mit lachhaften Mitteln eine Aufgabe vom selben Ausmaß stemmen.“

Obwohl der (irische) Polizeiapparat die Arbeit der Einheit massiv behindert, stellen sich erste Erfolge bald ein. Petrosino wird zu einer Legende, die zwar nahezu täglich Morddrohungen erhält, aber auch einen Mafiapaten in einem öffentlichen Lokal ungestraft ohrfeigen kann. Die Gewalt eskaliert weiter und der größte Feind Petrosinos scheinen ausgerechnet seine Landsleute selbst zu sein. Aus ihrer Heimat wissen sie, dass man mit Menschen in Uniform nicht spricht, mit Polizisten schon gar nicht. So ist es wenig überraschend, dass Petrosino bei einem dienstlichen Aufenthalt in Palermo, der Hauptstadt Siziliens, in der Nacht vom 12. auf dem 13. März 1909 erschossen wird (vermutlich ein Auftragsmord des Mafiabosses Vito Cascio Ferro). Und obwohl mehrere Schüsse deutlich zu hören waren, gibt es keinen einzigen Zeugen, der etwas gesehen oder gehört (!) haben will. Omertà!

Fazit:

Stephan Talty ist ein brutales, aber lesenswertes Buch gelungen, dass der Kategorie „True Crime“ zuzuordnen ist. Neben dem Lebensweg des großen Detectives, an dessen Beisetzung im April 1909 rund 250.000 Menschen die Straßen Manhattans säumten, wird auch die Black Hand umfassend vorgestellt. Tiefe Einblicke in das Leben New Yorks zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die Hoffnungen und Schwierigkeiten der (italienischen) Zuwanderer und Einblicke in die politischen Machtverhältnisse der Stadt sowie deren Polizeiarbeit (die kurz nach Petrosinos Tod „revolutioniert“ wird) runden den positiven Gesamteindruck ab. Abschließend folgen knapp zwanzig Seiten Quellenangaben sowie ein zweiseitiges Literaturverzeichnis.

Black Hand

Black Hand

Deine Meinung zu »Black Hand«

Hier kannst Du einen Kommentar zu diesem Buch schreiben. Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer, respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Danke!

Letzte Kommentare:
16.11.2018 19:54:41
oberchaot

Im Jahre 1906 verschwindet ein fröhlicher Junge namens Willie in New York City. Damit beginnt die Geschichte. Dann folgt der Lebenslauf von Joseph Petrosino. Er ist 1860 in Italien auf die Welt gekommen, seine Mutter stirbt früh, und im Jahre 1873 wandert Joe mit seinem Vater nach New York aus. Die Italiener waren nicht besonders beliebt in Amerika, und so startet Petrosinos Karriere wie von so vielen Einwanderern: Er hat einen Zeitungs-, später einen Schuhputzstand, arbeitet in der Metzgerei, als Hutverkäufer, bis er im Alter von 17 Jahren bei White Winger als städtischer Strassenfeger, welche der New Yorker Polizei unterstellt war, Arbeit bekommt. Dort wird sein Talent entdeckt, und Petrosino wird bei der Polizeiarbeit eingesetzt. Dort arbeitet er sich hoch, wird respektiert und geachtet. Zuerst allein, später im Team von sechs, bis noch etwas später zu vierzigst geht er gegen die "Black Hand" vor. Diese nimmt Geiseln, tötet, legt Bomben, erpresst gegen immer mehr Geld die italienischen Einwanderer. Petrosino feiert Erfolge, aber auch Misserfolge. Er heiratet und geht später nach Italien, um das Problem an der Wurzel zu packen.

Für mich war das Buch anfangs spannend. Ich kann mir gut vorstellen, dass Leser mit italienischen Wurzeln, die vielleicht sogar noch Angehörige in den USA haben, dieses Buch sehr gerne lesen. Für mich ist es eher ein Auszug aus dem Geschichtebuch. Es kommen sehr viele oberflächlich geschilderte Ereignisse vor, da wäre für mich weniger, dafür ausführlicher, etwas mehr gewesen. Einzig der Fall von Willie, der anfangs Buch verschwunden ist, wird nochmals aufgerollt. Ansonsten ist die Lebensgeschichte von Joe Petrosino der einzige rote Faden, den ich gefunden habe.

Das Buch ist gut geschrieben, informativ, aber für mich doch etwas zusammenhangslos.

16.11.2018 18:28:56
Miss Marple

Ein Stück amerikanische Zeitgeschichte
Der Autor führt den Leser in das New York des ausgehenden 19. Jahrhunderts
und zeigt anhand des Lebensweges Joseph Petrosinos, dem ersten italienischen Detective im New Yorker Polizeipräsidiums, dass der Amerikanische Traum auch seine Schattenseiten hatte. Selbst Kind einer Einwandererfamilie, wächst er mit dem festen Wunsch auf, etwas aus seinem Leben machen zu wollen. Das Leben in Little Italy prägt ihn und macht aus ihm einen starken und selbstbewussten Jungen. Vom Schuhputzer über Straßenfeger und Kadaverräumer arbeitet er sich durch verschiedenen Jobs, bis er die Chance hat, zur New Yorker Polizei zu gehen. Als die geheime Organisation „Black Hand“ die Stadt mit Kindesentführungen, Erpressungen, Bombenattentaten und Morden überzieht, erhält er den Auftrag, dem ein Ende zu bereiten. Mit einer neuen, eigenen Einheit aus Italienern- dem Italian Squad-tritt er den Kampf an, bei dem er Mut und Entschlossenheit bei der Vernichtung dieser der Mafia in seinem Heimatland ähnlichen Strukturen zeigt. Seine Arbeit führt ihn sogar zurück nach Europa, wo er sich in große Gefahr begibt.
Biographie, zeitgeschichtliche Dokumentation, Krimi- dieses Buch, das schwer einem Genre zu zuordnen ist- ist voller spannender Schilderungen rund um Petrosinos Leben, eingebettet in historische Vorgänge zu Beginn des 20. Jahrhunderts in New York, aber auch über die Stadtgrenzen hinaus. Das Buch sei vor allem geschichtsinteressierten Lesern empfohlen. Durch die Verdichtung einer hohen Anzahl geschichtlicher Fakten, ist es nicht immer leicht zu lesen.

28.10.2018 11:13:29
elke17

Joseph Petrosino ist ein Pionier. Der erste Polizist, der sich dem organisierten Verbrechen in New York in den Weg stellt. Unter Police Commissioner Theodore Roosevelt, später 26. Präsident der Vereinigten Staaten, kämpft er nicht nur gegen die italienische Mafia sondern auch gegen die Korruption in den eigenen Reihen. Zahlreiche Bücher und Filme widmen sich diesem Ausnahmepolizisten, und "Black Hand", das neueste Werk aus der Feder des Journalisten Stephan Talty erzählt dieses Stück amerikanischer Kriminalgeschichte:

New York, Anfang 20. Jahrhundert. Die erste Welle der italienischen Einwanderer hat sich in ihrem Leben in der Fremde eingerichtet. Die einen arbeiten hart, um sich ihren Traum vom Leben in Freiheit und Wohlstand zu erfüllen, die anderen schließen sich zu kriminellen Vereinigungen zusammen und erpressen von ihren Landsleuten Gelder im großen Stil. Und dabei ist ihnen jedes Mittel recht. Selbst vor Kindern machen sie nicht halt, ein Leben zählt nichts für sie. Die am meisten gefürchtete Organisation der italienischen Mafia ist die "Black Hand".

Talty startet seinen Rückblick mit einem Fall, der den Leser mitten in deren skrupelloses Treiben katapultiert: Willi Labarbera, der fünfjährige Sohn italienischer Einwanderer, verschwindet spurlos. Doch dann kommt eine Lösegeldforderung, 5.000 Dollar wollen die Entführer, alles, was die Familie besitzt. Unterzeichnet ist der Brief mit dem Siegel der "Black Hand", der berüchtigten mafiösen Geheimgesellschaft. Die Labarberas wissen sich nicht zu helfen, kontaktieren die Polizei, und Joseph Petrosino nimmt sich des Falls an.

Petrosino, ebenfalls Kind einer italienischen Einwandererfamilie, will mehr von seinem Leben als seinen Unterhalt mit Schuhputzen zu verdienen. Er muss früh erfahren, dass die Italiener ganz unten auf der Skala stehen, was die gesellschaftliche Akzeptanz angeht. Nicht nur die Amerikaner verachten sie, nein, auch die irischen Immigranten, die sich speziell an der Ostküste und auch in New York bereits gemütlich eingerichtet haben, blicken verächtlich auf sie herab und machen ihnen das Leben schwer. Aber Petrosino lässt sich davon nicht abhalten und versucht das menschenmögliche, um die Lebensbedingungen seiner Landsleute zu verbessern, ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Und dazu gehört es für ihn, die "Black Hand" Mobster unschädlich zu machen. Diesem Ziel widmet er mit einer wahren Besessenheit sein Leben. Und er ist äußerst gut in dem, was er tut. Auch wenn es ihm schlussendlich nicht gelungen ist, den Sumpf trockenzulegen.

Manchmal schreibt dann doch das Leben die spannenderen Geschichten als die Fiktion. Talty schildert sehr anschaulich zum einen die Lebensbedingungen der italienischen Einwanderer, die Widerstände, gegen die sie ankämpfen müssen, zum anderen lässt er seine Leser äußerst präzise an der Polizeiarbeit Petrosinos und dessen Truppe teilhaben.

Amerikanische Kriminalgeschichte gepaart mit True Crime. Äußerst informativ. Spannend erzählt, vollgepackt mit Informationen, ermöglicht der Autor dem Leser den Blick in eine Zeit, in der die Mafia in New York noch in den Kinderschuhen steckt.